Giulia Steingrubers Höhenflug mit Turbulenzen

Der WM-Sprungfinal verdeutlichte es: Die Schweizerin muss um den Anschluss an die Spitze kämpfen.

Giulia Steingruber am Stufenbarren in Nanning. Foto: AFP

Giulia Steingruber am Stufenbarren in Nanning. Foto: AFP

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Straff sind sie, die Hierarchien im Nationalkader der Schweizer Kunstturnerinnen. Sie mögen im Lauf der vergangenen Jahre aufgeweicht worden sein, weil Cheftrainer Zoltan Jordanov und Spitzenturnerin Giulia Steingruber sich auch menschlich angenähert haben, aber unverändert ist klar: In der Halle ist Jordanov der Chef und Steingruber die Befehlsempfängerin. Ihrer drei EM-Medaillen zum Trotz. «Wir diskutieren, dann entscheide ich», so beschreibt es Jordanov. Mit seiner Taktik war der ­Ungare bislang fast immer richtig gelegen. Die Ausnahme hatte der Sprung­final von London 2012 gebildet.

Vor dem Gerätefinal der WM in Nanning war erneut taktisches Gespür gefragt: den Jurtschenko mit einfacher Schraube zeigen oder mit doppelter? Mit nur einfacher Schraube, das war Jordanov und Steingruber klar, wäre eine Medaille ausser Reichweite gewesen angesichts der qualitativ hoch­stehenden Konkurrenz. Nur: mit einer Doppelschraube eben auch. Der Coach entschied darum offenbar schon nach der Qualifikation: Seine Turnerin wird kein Verletzungsrisiko eingehen, die einfache Variante springen und die bittere Pille schlucken, mit ihrem derzeitigen Repertoire chancenlos zu sein. Und so wurde sie, nach Rang 5 vor zwei Jahren und Rang 4 vor zwölf Monaten, diesmal wieder Fünfte. Mit beträchtlichem Abstand zum Podest. Wäre es nach Steingruber gegangen, sie hätte anders entschieden, für eine Sportlerin ist es hart, die Niederlage im Vornherein akzeptieren zu müssen. So etwas wie ein Forfait. «Ich musste einsehen», sagte sie später aber, dass es nach dieser WM besser gewesen sei, nichts zu riskieren. Und so nannte sie den Sprungfinal einen «versöhnlichen Abschluss» nach reichlich missglückten Titelkämpfen in Südchina. Die Ziele mit dem Team verfehlt, am Boden eine herbe Enttäuschung erlebt und im Mehrkampffinal ebenfalls unter den Erwartungen geblieben – dazu hätte gerade noch gepasst, sich bei einer schlechten Landung am Sprung zu verletzen. Das aber wäre es nicht wert gewesen, nicht an dieser WM im ­Übergangsjahr 2014. Nicht nach diesem Sommer.

Die Blockade ihres Körpers, erlitten ein paar Wochen nach der erfolgreichen EM in Sofia, wirkte zu stark nach. Sie habe keinen Trainingsrückstand, hatte Steingruber vor der WM beteuert, aber das war wohl mehr Wunschdenken als Realität. Die Ostschweizerin hatte das Schraubendrehen verlernt und musste sich die Fähigkeit in kleinen Schritten nach der Sommerpause wieder aneignen. Darunter litt zum einen das Selbstvertrauen, andererseits konnte sie in dieser Zeit nicht an der Stabilität arbeiten. Am Sprung nicht und an den anderen Geräten nicht. In Nanning auf die Doppelschraube zu verzichten, war darum ein weiser Entscheid.

Der Wettkampf vom Samstag zeigte aber noch eindrücklicher als die WM vor einem Jahr in Antwerpen, wie schwierig Steingrubers Vision umzusetzen sein wird, zum Karrierehöhepunkt 2016 eine Olympiamedaille zu gewinnen. Bei den Titelkämpfen 2013 in Belgien hatte die Ostschweizerin eine nahezu perfekte Sprungkür gezeigt, sogar mit Doppelschraube beim Jurtschenko, und trotzdem war ihr Edelmetall verwehrt geblieben. Nun hat die Konkurrenz noch einmal zugelegt, noch schwierigere Elemente gelernt. Steingruber muss kämpfen, will sie hinsichtlich Rio den Anschluss halten.

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