Luftkissen und Exklusivgletscher

Um Weltklasse zu sein, sind bei Freestylern teure Sommerschneecamps und Sprünge auf Airbags notwendig. Letztere fehlen in der Schweiz noch, was zum Problem werden könnte.

Viel Weiss im Grün: Sommerlicher Landingbag. Foto: PD

Viel Weiss im Grün: Sommerlicher Landingbag. Foto: PD

Emil Bischofberger@bischofberger

Ein Weltcup ist eine ziemlich exklusive Veranstaltung. Könnte man meinen. Tatsächlich ist der erste grosse Slopestyle-Wettkampf des europäischen Winters fast schon ein Publikumsevent – zumindest für Stubaitaler Verhältnisse. 99 Athletinnen und Athleten bestritten gestern die Qualifikation für die Finals von heute Vormittag.

Auf dem Stubaitaler Gletscher herrschen sonst um diese Zeit andere Normen: Zum sechsten Mal fanden diesen Herbst die Prime Park Sessions statt. Ein privater Veranstalter baut dabei auf dem Gletscher mehrere ­grosse Sprünge, die allerhöchsten Ansprüchen genügen. Dafür verlangt er Geld: Die zwei­wöchige Session direkt vor dem Weltcup kostete eine Athletin 1800, einen Athleten 2100 Euro. Die Preise werden bezahlt, rund 50 Freeskier und Snowboarder bereiteten sich hier auf den Winter vor – man rechne.

Die Freestyler kommen aus der ganzen Welt, weil die Prime-Park-Veranstalter eine Markt­lücke gefunden haben: Ein Park, der dank intensiver Betreuung täglich Spitzenniveau aufweist – und trotzdem nicht völlig überlaufen ist –, das sind Bedingungen, die Profis suchen. Dazu gibt es weitere Extras: Die Trainings etwa werden von zwei Kameraleuten gefilmt, am Abend können die Teilnehmer ihre Tricks vom Server laden und auf den sozialen Netzwerken verbreiten – das gehört heute dazu.

Sie drehen sich wieder: Im Stubaital beginnt für die Slopestyler der Weltcup. Foto: Tom Bause

Hört sich nach einem guten Geschäftsmodell an, auch wenn Prime-Park-Gründer Tobi Reindl sagt: «In Ferraris fahren wir deswegen nicht durch Innsbruck.» Erst recht nicht nach diesem Herbst: Die ersten zwei von vier geplanten Sessions mussten wegen Schneemangel gestrichen werden.

Die Schweizer Freeskier ­tangierte das nicht. Nach fünf Herbsten im Stubaital setzten sie ihre beschränkten Mittel anders ein: Einerseits konnten sie in Saas-Fee beim ähnlich ausgerichteten Stomping-Grounds-Trainingscamp von einheimischen Vorzugskonditionen profitieren. Andererseits investierten sie das eingesparte Geld für ein Trainingslager im kanadischen Québec.

Die Portion Mumm für den neuen Trick ist etwas kleiner

Dort steht eine der derzeit weltweit noch raren Sommeranlagen mit einem sogenannten Landing­bag – einem gigantischen Luftkissen. Diese existieren im ­Winter-Freestyle bereits seit längerer Zeit. Ursprünglich wurden sie vor allem von den Halfpipe-Fahrern gebraucht. Im Slope­style, wo die Athleten anders als in der Halfpipe mit recht hohem Tempo über die grossen Schanzen fliegen, funktionierten diese Kissen aber nicht, weil sie die Fahrer viel zu abrupt abgebremst hätten.

Genau das klappt nun mit den Landingbags. Diese sind um ein Vielfaches grösser und ihre Oberfläche so beschaffen, dass die Fahrer bei der Landung nicht einfach einsinken, sondern den Sprung im Idealfall in der Landung ausfahren können.

Für Landingbags ist Schnee nicht mehr nötig, was kleineren Nationen neue Möglichkeiten gibt. 

Der Unterschied ist enorm: Wohl braucht es auch auf dem Landingbag noch eine gehörige Portion Mumm dafür, einen neuen Trick zu wagen. Aber doch deutlich weniger als zuvor auf Schnee, wo sich der kleinste ­Fehler bei einem Sturz ziemlich ­fatal auswirken konnte. Stürze sind allerdings auch auf dem Landing­bag nicht völlig schmerzfrei. Vor allem die Nackenmuskulatur wird dabei recht stark ­beansprucht – auch da sollte ein Fahrer also nicht zig Stürze in Serie riskieren.

Trotzdem: «Es wird viel sicherer, darauf einen Trick zu üben», sagt der Schweizer Freeski-Trainer Dominik Furrer. «Mit den Landingbags wird auch die ­Weltspitze breiter werden. Nicht bei den Allerbesten, die werden sich weiter vom Rest absetzen können. Aber in die Plätze 5 bis 35 wird eine riesige Masse reindrücken.» Vor allem weil für ­diese Landingbags – wie etwa bei der Anlage in Kanada – Schnee nicht mehr zwingend nötig ist, was auch kleineren Nationen ohne Wintersportgebiete neue Möglichkeiten gibt.

Bald dominieren die Japaner – dank 20 Landingbags

Das sind die unmittelbaren Folgen der Landingbags, die längerfristigen dagegen sind noch viel grösser – erste Anzeichen dafür beginnen sich jetzt zu zeigen. ­Japan ist die einzige Nation, wo schon einige Jahre damit gearbeitet wird, im Land soll es gegen 20 Anlagen geben. Bei den Snowboardern tauchten Ende des vergangenen Winters zwei japanische Teenager bei einem Elitewettkampf auf – und dominierten die Frauen- sowie die ­Männerkonkurrenz.

Das Glück der Freeskier ist da, dass ihr Sport in Japan nicht so beliebt ist wie das Snowboarden. Trotzdem schlägt Nationaltrainer Furrer Alarm: «In der Gegenwart mögen wir zur Weltspitze gehören. Doch bei den Jungen handeln wir uns bereits jetzt einen Rückstand ein, weil wir in der Schweiz keinen Landingbag haben. Im Alter von 8 bis 12 Jahren passiert darauf die grosse Entwicklung, die später nicht mehr aufzuholen ist.»

Das Problem ist bei Swiss-Ski erkannt, intern sind Positionspapiere erstellt und mögliche Standorte eruiert worden. Doch so ein Landingbag ist kein Miniprojekt: Die Anschaffungskosten für Bag und Matten für den Anlauf betragen rund 300 000 Franken. Dazu kommen allfällige Erdbewegungen, um an einem Hang das gewünschte Schanzenprofil zu modellieren. Dazu die Betriebskosten. «Bei der Umsetzung ist man dann schnell bei einer Million», sagt Christoph Perreten, bei Swiss-Ski der Disziplinenchef Ski Freestyle.

Positive Signale erhalten die Freestyler da aus Leysin, wo auch dank den Youth Olympic Games 2020 in Lausanne ein Landingbag-Projekt vorangetrieben und womöglich auch schon bald ­realisiert wird.

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