Milliarden für den Traum von Football in L.A.

Jahrzehntelang gab es ausgerechnet in Los Angeles kein NFL-Team. Jetzt stehen die Rams in der Superbowl. Und es wartet Gigantisches.

Erfolgsduo auf Titelkurs: Rams-Cheftrainer Sean McVay (33) und sein Spielmacher Jared Goff (24). (Bild: USA TODAY Sports/Jake Roth)

Erfolgsduo auf Titelkurs: Rams-Cheftrainer Sean McVay (33) und sein Spielmacher Jared Goff (24). (Bild: USA TODAY Sports/Jake Roth)

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Mancher Traum erfüllte sich, aber noch viele mehr platzten. Jäh. Los Angeles, die Metropole am Pazifik, ist Sehnsuchtsort und Fluch zugleich. Viele sind aus dem ganzen Land dahin gezogen, um das Glück zu finden. Wie während der Great Depression die Farmer aus dem Mittleren Westen, aus Oklahoma, Iowa, Missouri, deren lebensgefährliche Flucht John Steinbeck im Roman «Früchte des Zorns» eindrücklich nacherzählt. Oder später all die hoffnungsvollen Jungschauspieler: Auf nach Kalifornien, um Geld und Karriere zu machen.

Ein ungewisses Schicksal haben in L.A. auch Sportteams.Aus Minneapolis ging 1960 eine ansprechende Basketball-Franchise dorthin, doch erst in Los Angeles erlangten die Lakers Weltruhm. Die Baseballer der Dodgers gewannen in Kalifornien mehr Titel als in ihrer ursprünglichen Heimat Brooklyn, New York. Das Eishockeyteam der Los Angeles Kings dagegen wurde selbst mit dem Zuzug von Jahrhundertstürmer Wayne Gretzky lange nicht zum Meisterteam. Für Franchises wie die Anaheim Angels oder Ducks interessiert sich bis heute kaum jemand. Los Angeles Galaxy? Seit dem Wegzug von David Beckham ein Mauerblümchen.

Keine Sportart aber tat sich in dieser Grossregion so schwer wie Football. Ausgerechnet: die beliebteste Sportart des Landes im nach New York zweitwichtigsten TV-Markt des Landes. Über zwei Jahrzehnte hatte Los Angeles zuletzt nicht einmal eine Franchise der National Football League beheimatet. Das änderte sich 2016, als die Rams aus St. Louis zurückkehrten, ins alte Olympiastadion. Und nun stimmt fürs Erste das Resultat: Wenn morgen Sonntag in der 53. Superbowl diese Rams auf die Seriensieger aus New England treffen, sieht die Liga ihre Sehnsüchte nach einem erfolgreichen L.-A.-Team erfüllt.

Die leidige Stadionfrage

1946 waren die traditionsreichen Rams schon einmal in die Stadt gezügelt und heimisch geworden als erstes professionelles Sportteam überhaupt. Aus Cleveland waren sie gekommen. Doch 1994 gingen sie wieder, weil die Stadionfrage sie frustrierte, diesmal in den Mittleren Westen nach St. Louis. Weil im selben Jahr (und aus denselben Gründen) auch die Raiders die Stadt verliessen und in Oakland eine Bleibe fanden, war Los Angeles plötzlich wieder ohne Footballmannschaft.

Werbung gehört zur Superbowl wie der Ball. Oder Tom Brady. (Video: Tamedia mit Material von Pepsi, Stella Artois, Doritos, Bubly und Planters)

In den 20 Jahren seither wurden in L.A. immer wieder Stadionpläne gewälzt. Nur: Die Teams scheuten den Umzug. Sie glaubten, weil Los Angeles eine Einwandererstadt ist, würden sie sich schwertun, eine eigene Footballidentität zu finden. In L.A. leben Millionen von Zuzügern aus dem ganzen Land, Fans der Pittsburgh Steelers, Green Bay Packers oder Dallas Cowboys. Und sein Team behält man, egal wo man wohnt. Hinzu kommt die Bevölkerung aus Lateinamerika, die Baseball und Fussball bevorzugt.

Wie sehr diese Annahme zutraf, bekamen die Los Angeles Chargers zu spüren. Ein Jahr nach den Rams zügelten sie aus dem nur 200 Kilometer südlich gelegenen San Diego in die Stadt. Weil aber das für beide Teams passende Stadion erst fertiggestellt werden muss, wählten die Chargers das Fussballstadion der Galaxy als temporäre Heimat. Darin haben jedoch nur 30’000 Zuschauer Platz – und meistens waren die Auswärtsfans in der Überzahl. Manchmal im Verhältnis 2:1.

Kleiderschrank mit Highspeed: Aaron Donald macht Jagd auf den Quarterback. Foto: Keystone

Mit dem Einzug der Rams in den grossen Final von morgen in Atlanta ist ein Schritt geschafft, Football in Los Angeles wieder zu etablieren. Ein solcher Erfolg zieht immer Fans nach sich. Zudem haben die Rams mit dem 24-jährigen Quarterback Jared Goff ein Talent an der wichtigsten Position, der als Kalifornier Identität stiften kann. Doch Goff muss sich auf der grossen Bühne erst bestätigen. Dasselbe gilt für Chefcoach Sean McVay (33), den jüngsten Trainer der NFL-Geschichte. Gestandene Brocken stellen sich dafür in der Defensive den New England Patriots entgegen: die Furcht einflössenden Verteidiger Aaron Donald und Ndamukong Suh.

Das gigantische Stadion

Die wichtigste Phase steht Los Angeles ganz grundsätzlich erst bevor. 2020 sollen Rams und Chargers das gemeinsame Stadion im Vorort Inglewood beziehen, und dieses Projekt in der Nähe des Flughafens von Los Angeles ist gigantisch: Neben dem Footballstadion entstehen ein Unterhaltungs- und Medienkomplex sowie Wohnraum. Knapp fünf Milliarden Dollar sind veranschlagt, doch schon jetzt ist klar: Der Prestigebau von Rams-Eigentümer Stan Kroenke, dem auch Arsenal, die Denver Nuggets und Colorado Avalanche gehören, wird deutlich teurer. Zum Vergleich: In Las Vegas, wo derzeit die Raiders ihr neues Heim bauen, kostet das Stadion 1,8 Milliarden.

Knapp fünf Milliarden Dollar soll das neue Stadion im Vorort Inglewood kosten. Visualisierung: PD

Wegen der gestiegenen Kosten mussten die restlichen NFL-Eigentümer die Regeln über die private Finanzierung eines Stadions beugen. Sie taten es gerne. Commissioner Goodell hat das Ziel, mit der NFL bis in acht Jahren 25 Milliarden Dollar pro Jahr umzusetzen – gegenüber derzeit knapp 14 Milliarden. Das geht nur, wenn bei der Erneuerung aller TV-Verträge im Jahr 2022 eine deutliche Steigerung von den momentan rund 5 Milliarden jährlich erzielt wird. Zwei erfolgreiche Teams in der Stadt der Engel würden da nicht schaden.


Die Football-Basics vom Experten kurz erklärt:

Kurze Regelkunde: Damit Sie an der Superbowl mitreden können. (Video: Video: Anja Stadelmann und Fabian Sanginés)

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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