Opium für das Volk

Skandale, Hirnschäden, Verhaftungen: Das Image des Football mag schlecht sein – doch wenn die Superbowl ansteht, sitzt trotzdem halb Amerika vor dem TV.

Eine kurze Regelkunde vom Experten: Damit Sie an der Superbowl mitreden können. (Video: Video: Anja Stadelmann und Fabian Sanginés)
David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Irgendjemand ist immer sauer. Weil: Sport. Weil: Einer muss ja schuld sein an der Misere. Also trifft der Zorn den Gegner, den Schiedsrichter, die Liga. Oder gleich alle zusammen.

Zu beobachten ist das Phänomen derzeit in der National Football League (NFL). Während sich die Los Angeles Rams und New England Patriots auf ihr Spiel des Jahres vorbereiten, auf die Superbowl von Sonntagnacht im prächtigen Stadion von Atlanta, ist der Furor in und um New Orleans noch immer nicht zu bändigen.

Das dortige Team, die Saints, war im Halbfinal an den Rams gescheitert und dies auf zweifelhafte Weise. Ein Foul an einem Saints-Angreifer kurz vor Schluss war nicht gepfiffen worden, worauf sich die Rams in die Verlängerung retteten – und gewannen. Als kurz darauf bekannt wurde, dass der betreffende Schiedsrichter in der Nähe von Los Angeles lebt, war der Schlamassel perfekt. Die Fans liessen in den sozialen Medien Dampf ab und riefen dazu auf, die NFL künftig zu boykottieren.

Auch die Spieler witterten Betrug. Angreifer Michael Thomas stellte ein Video online, wie er seine Superbowl-Tickets in den Kehricht wirft, und Kollege Benjamin Watson forderte in einem Schreiben an Ligachef Roger Goodell die Wiederholung der Partie. Selbst Cheftrainer Sean Payton klagte mit: Bei einem öffentlichen Auftritt liess er unter seinem Reissverschlusspulli ein T-Shirt aufblitzen, das Goodell als Clown zeigt.

Die Fangemeinde ist sich einig: Saints-Headcoach Sean Payton trägt unter den Pulli ein T-Shirt mit dem Clowngesicht des Ligachefs.

Doch wenn in Atlanta Sängerin Gladys Knight zur Nationalhymne ansetzt und kurz darauf der Kickoff erfolgt, werden wieder um die 120 Millionen Amerikaner vor ihren TV-Geräten sitzen. Und wenn quälend lange sieben Monate später im kommenden September die nächste NFL-Saison beginnt, werden auch die Saints-Fans zurückgekehrt sein in die Reihen der Fanatiker. Genau wie all jene aus anderen Fanlagern, die sich in den letzten Jahren wütend abgewendet hatten.

Fast wöchentlich wird ein NFL-Profi verhaftet

Die NFL mag Probleme beim Umgang mit dem Videobeweis haben und mit der Tatsache, dass selbst sieben Schiedsrichter mit der knüppelharten Action überfordert sein können. Mit der Dopingproblematik, die kaum je thematisiert wird. Noch immer sterben frühere Spieler an den Folgen von Gehirnerschütterungen und der Krankheit CTE. Fast wöchentlich wird ein Profi verhaftet, weil er geklaut, geschlagen oder geschossen hat.

Der Hashtag #BoycottNFL ist ein fast ständiger Trend.


Die Cheerleader werden mies behandelt und noch schlechter bezahlt (oder umgekehrt), und der Rassismus ist latent. Im Weissen Haus regiert ein Präsident, der den mehrheitlich schwarzen Spielern ihr Recht auf Protest für Gerechtigkeit abspricht. Bei der – zu 83 Prozent weissen – Fangemeinde trifft er damit einen Nerv. Der Hashtag #BoycottNFL ist so ein fast ständiger Trend.

Und was immer gerade ist: Als Buhmann drängt sich Ligachef Goodell auf. Mehr als 30 Millionen Dollar lässt sich der aalglatte 59-Jährige aus New York jährlich auszahlen – so viel wie die teuersten Spieler. Aus dem Nicht-Pfiff gegen New Orleans wand er sich mit Plattitüden heraus.

Die NFL ist ein Multi-Milliardengeschäft

Gleichwohl kommen die Amerikaner nicht vom Football los. In einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts Gallup bezeichnen 37 Prozent Football als Lieblingssport. Die Zahl ist zuletzt etwas gesunken, seit 2006 mit 43 Prozent der Rekordwert erzielt worden war, aber noch immer ist sie unerreicht. Auf den Ehrenplätzen: Basketball (11 Prozent), Baseball (9) und Fussball (8). Nach einer Baisse in den beiden Vorjahren zogen 2018 auch die Zuschauerzahlen wieder kräftig an.

Fast 14 Milliarden Dollar Umsatz – 25 Milliarden sollen es bis in acht Jahren sein.


Die NFL hat es wie keine zweite Liga verstanden, die Fans zu vereinnahmen und kommerziell Profit aus dieser Abhängigkeit zu schlagen. In den Achtzigerjahren eroberte das Kabelfernsehen die US-Haushalte und die NFL das Kabelfernsehen. Seit 2000 hat die Liga den Jahresumsatz mehr als verdreifacht und erzielt fast 14 Milliarden Dollar. Sogar 25 Milliarden sollen es bis in acht Jahren sein.

Die Kürze und Heftigkeit einer Footballsaison ist einzigartig. Anfang September wird der erste Spieltag ausgetragen, und keine vier Monate später beginnt das Playoff. Die 16 Partien der Regular Season stehen 82 in der NHL und NBA gegenüber – und 162 in der Major League Baseball. Im Playoff entscheidet ein einziges Spiel über das Weiterkommen und schliesslich auch über den Gewinn der Vince-Lombardi-Trophäe.

Das Duell Kansas City gegen New England sahen 77'000 Zuschauer im Stadion und 54 Millionen an den TV-Bildschirmen. (Bild: Keith Myers/Kansas City Star/TNS via Getty Images)

Die Superbowl mag für die TV-Rekorde verantwortlich sein, doch es tut es auch ein Halbfinal: Jener zwischen den Patriots und den Kansas City Chiefs fand 54 Millionen Zuschauer. Doppelt so viele wie die Oscars-Übertragung vor einem Jahr. Wenn Donald Trump in seiner Wut über protestierende Spieler über «einbrechende Quoten bei der NFL» motzt, muss er eine andere NFL meinen.

Ist die Superbowl einmal vorbei, passiert in der NFL: nichts

Bemerkenswerter ist allerdings, was in der Profiliga nach dem grossen Final passiert. Nämlich: nichts. Fast drei Monate vergehen zwischen Superbowl und Draft, dem Auswahlverfahren der besten College-Abgänger. In dieser Zeit steht die Liga praktisch still. Und im Gegensatz zum Fussball gibt es auch keine internationale Alternative. Die Footballfans saugen in dieser Zeit jede News dankbar auf.

Zwischen dem Draft und dem Beginn der Trainingslager Ende Juli vergehen noch einmal zehn Wochen, und wenn im August vier Vorbereitungsspiele anstehen, kommen mehrheitlich die Jungen, die zweite, dritte und vierte Garde zum Zug. Sie sind nicht viel mehr als ein Appetitanreger.

Wie angestachelt die Fans angesichts dessen sind, wenn nach sieben Monaten Pause in der zweiten Septemberwoche endlich wieder das richtige Football losgeht, beschrieb Angelos Halaris einmal in einem Fachmagazin für Psychiatrie. Halaris ist Doktor der Loyola University in Chicago und riet: «Der Football-Entzug ist real. Aber greifen Sie in dieser Zeit bitte nicht auf Alkohol und Drogen zurück, um Football zu ersetzen. Sie müssen mit dieser Situation zurechtkommen, auch wenn es hart ist.»

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