Sie ist 40, Mutter und rekordschnell

Knapp ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes gewinnt Caroline Steffen einen Ironman – in Rekordzeit.

Im Ziel wartet die Familie: Ironman-Western-Australia-Siegerin Caroline Steffen mit Sohn Xander – derweil Partner Pete Murray den Speaker gibt.

Im Ziel wartet die Familie: Ironman-Western-Australia-Siegerin Caroline Steffen mit Sohn Xander – derweil Partner Pete Murray den Speaker gibt.

(Bild: Stef Hanson (Witsup))

Emil Bischofberger@bischofberger

Es war ein Tag im Februar, als ­Caroline Steffen ihr Tun grundsätzlich hinterfragte. Erstmals seit der Geburt ihres Sohnes Xander Ende Dezember hatte sie wieder die Laufschuhe geschnürt und war losgejoggt. Es war ein frustrierendes Erlebnis. Alle paar Minuten musste sie eine Gehphase einschalten, nach fünf oder sechs Kilometern beendete sie das Unterfangen. «Vor der Schwangerschaft lief ich vor dem Frühstück Halbmarathon in 90 Minuten – das war für mich normal», sagt die Berner Oberländerin, die seit Jahren in Australien lebt.

Der Gedanke an ein Comeback war Anfang Jahr noch weit entfernt: «Ich genoss das Muttersein.» Zugleich war sie sich ­bewusst: «Ich bin nicht in einer finanziellen Situation, in der ich nie mehr arbeiten gehen muss – und der Triathlon ist nun mal mein Beruf.»

Ihre Fitness verbesserte sich sukzessive, sodass sie im Mai – fünf Monate nach der Niederkunft – ihr Renn-Comeback gab, in Vietnam wurde sie Dritte bei einem Halb-Ironman.

Seit ihrer Schwangerschaft trainiert sie wieder nach den Vorgaben von Brett Sutton, unter dem sie 2010 in die Weltelite aufstieg. Er hätte sie schon länger gerne zurückgehabt – nun machte dies auch für Steffen Sinn: Sutton hatte einige Erfahrungen mit schwangeren Spitzen-Triathletinnen gesammelt, unter anderem mit Nicola Spirig.

25 Kilogramm zugenommen

Dass ein Comeback ein grosses Stück Arbeit würde, war Trainer wie Athletin bewusst: Bis zur Geburt hatte sie 25 Kilogramm zugenommen. Lauftrainings ­ waren so nicht mehr möglich, nur noch ­Powerwalking am Strand oder Treppensteigen – derweil sie im Wasser und auf dem Rad bis zuletzt aktiv blieb.

Steffen muss darüber schmunzeln. Auch läuferisch ist sie mittlerweile wieder auf ihrem alten Niveau. Im August und Oktober gewann sie zwei Halb-Ironman-Rennen und Anfang Dezember eines über die volle Distanz (3,8 km Schwimmen, 180 km Rad, 42 km Laufen). Die Zeiten, die sie dabei aufstellte, gehören zu den besten ihrer Karriere. Am Ironman Western Australia lief sie in 8:49:46 Stunden Streckenrekord.

«Hey, hey, hey – das kommt nicht aus dem Nichts»

Dass das alles etwas surreal ist – von Jogging mit Laufpausen zu Topzeiten innert sechs Monaten –, ist sie sich sehr wohl bewusst. Und weil sich immer wieder junge Mütter für Ratschläge bei ihr melden, möchte sie klarstellen: «Unser Job ist nicht ganz normal. Für normale Frauen ist deshalb gefährlich, uns Triathletinnen als Vorbild zu nehmen, uns nachzueifern. Da muss ich sagen: Hey, hey, hey, ich trainierte zuvor zehn Jahre auf hohem Niveau, das kommt nicht aus dem Nichts!»

Seit dem Comeback änderte Steffen aber doch einige Dinge in ihrem Trainingsalltag. Radeinheiten absolviert sie mittlerweile «zu 99 Prozent» auf der Rolle. Weil sich da viel effizienter trainieren lässt. Und weil die australischen Autofahrer nicht für ihre Rücksicht bekannt sind. Im Pool schwimmt Steffen meist alleine – der frühmorgendliche Termin des Schwimmteams passt nicht mehr in ihren Zeitplan, da sie das Haus erst verlassen mag, nachdem ihr Sohn aufgewacht ist. Zumal sie ihn nach wie vor stillt.

Darum musste sie auch ihre Rennernährung anpassen: «Wegen meines höheren Grundumsatzes nehme ich etwa 20 Prozent mehr zu mir als zuvor.»

Während die Lauftrainings inhaltlich gleich geblieben sind, spult die 40-Jährige auch diese regelmässig daheim auf dem Laufband ab – während Xanders Mittagsschlaf. Ansonsten schaut sein Vater Pete Murray zu ihm. Dieser hat grösstes Verständnis für die Tätigkeit seiner Frau – als Speaker der Ironman-Rennen in Australien und Asien.

Schlafprobleme statt Velos

Langdistanz-Triathletinnen als Mütter sind keine Ausnahme – 2017 gebaren gleich 22 Athletinnen Kinder. ­Steffen ist mit mehreren Kolleginnen in Kontakt. «Früher sprachen wir über Velos. Nun tauschen wir uns über Schlafprobleme aus.»

Ob sie ihnen auch von ihrem neuen Körpergefühl erzählt? Die Wettkämpfe als Mutter fühlen sich für Steffen ganz anders an als jene davor. «Ich fühle mich nie schnell. Aber sehr stark», sagt sie, «und schnell bin ich ja trotzdem, wie die Zeiten zeigen.» Nicht nur das – auch das Leiden unterwegs fühlt sich anders an. «In Western Australia bestritt ich meinen 21. Ironman. In den 20 davor geriet ich jedes Mal in ein dunkles Loch, wo die negativen Gedanken kommen, gegen die du kämpfen musst. Dieses Mal nicht. Ich habe das Gefühl, durch das Muttersein ist meine Selbstzufriedenheit grösser, ich fühle mich komplett.»

Mit ihrem Ironman-Sieg qualifizierte sie sich für die WM auf Hawaii kommenden Oktober. Es wird ihre Rückkehr nach drei Jahren Absenz und zwei zweiten Plätzen (2010/12). 41 wird sie dann sein. «Ich dachte einst, dass ich sicher vor 40 aufhören würde. Aber im Moment läuft es zu gut. Und ­irgendwie muss ich das Geld für die Windeln ja reinholen!»

Tages-Anzeiger

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