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Auf Sand gebaut

Noch verkörpert die Schweiz im Beachsoccer Weltklasse und spielt um den WM-Titel mit. Doch neben den Standortnachteilen kämpft der nationale Verband auch mit wirtschaftlichen Problemen.

Spektakulär: Dejan Stankovic ist einer der weltbesten Spieler.
Spektakulär: Dejan Stankovic ist einer der weltbesten Spieler.
Lea Weil/zvg

Die Schweiz ist Weltklasse in einer Sportart, die weltweit betrieben wird und nicht nur von wenigen Ländern. Und kaum einer realisiert es. Dabei kann die nationale Auswahl in den nächsten Tagen Weltmeister werden in einem offiziellen Wettbewerb des Weltfussballverbandes Fifa.

Harte Qualifikationsphase

Beachsoccer, das ist Sonne und Strand, Spektakel und Spannung. 120 Länder wollten sich für die WM qualifizieren, 16 sind auf den Bahamas dabei, die Schweiz ist eine von nur 4 europäischen Nationen. «Das ist ein grosser Erfolg», sagt Verbands-CEO Reto Wenger, «die Konkurrenz in Europa ist sehr stark.»

Die knüppelharte Qualifikation überstand die Schweiz erneut, im Gegensatz zu Russland, Weltmeister 2013 und WM-Dritter 2015. Für Wenger und seinen Geschäftspartner, Nationaltrainer Angelo Schirinzi, ist das eine weitere Bestätigung ihrer beharrlichen, leidenschaftlichen Aufbauarbeit einer Sportart, die in der Schweiz trotz aller Höhenflüge Exotenstatus besitzt.

«Wir geraten international immer stärker ins Hintertreffen.»

Reto Wenger

Ab 2001 bauten Wenger und Schirinzi den Sandfussball in der Schweiz auf, sie etablierten die Suzuki Swiss Beach Soccer League mit dem jährlichen Final in Spiez, organisierten über 250 Events, förderten ein Nationalteam, das als Höhepunkt 2009 im WM-Final gegen Dominator Brasilien stand. Wenger gerät ins Schwärmen, wenn er von den vielen «wunderschönen Erlebnissen» auf der ganzen Welt erzählt, zum Beispiel dem Turnier vor über 30'000 Zuschauern im brasilianischen Regenwald von Manaus.

«Aber klar ist es manchmal frustrierend, weil wir in der Schweiz halt nicht über das ideale Wetter verfügen, keinen Zugang zum Meer haben und eine bescheidene Infrastruktur besitzen.»

Sonnenschein im Schatten

Immerhin gibt es im Sommer mittlerweile zwanzig fest installierte Beachsoccerplätze in der Schweiz, im Winter jedoch hat es nur eine kleine Halle als Trainingsmöglichkeit. «Wir geraten international immer stärker ins Hintertreffen», sagt Wenger.

Der 42-Jährige spricht von einer ­«Nischensportart», wenn es um Beachsoccer geht, er mag den ­Begriff Randsportart nicht. Und er sieht grosses Vermarktungspotenzial, weil es ein schneller Sport sei, attraktiv und intensiv und in lockerer Ambiance, mit Fallrückziehern im Akkord und Treffern im Überfluss.

Auf der SFV-Website seien 2016 von den Top 10 angeklickter Videos vier Beachsoccerbeiträge gewesen. Über allem stand Xherdan Sha­qiris Traumseitfallzieher im ­EM-Achtelfinal gegen Polen – notabene eine typische ­Beachsocceraktion.

«In den meisten Ländern ist der Fussball noch viel, viel dominanter als in der Schweiz.»

Reto Wenger

Im Prinzip ist Beachsoccer ja der ideale Sport in der modernen Medienwelt voller Kurzfuttermeldungen: eindrucksvolle Videos, coole Bilder mit Strand, Palmen, Bikinigirls, herrliche Tore, Tricks, Torwartparaden.

Doch auch Beachsoccer fristet trotz aller Sonnenscheinatmosphäre ein Schattendasein neben dem Koloss Fussball. «In den meisten Ländern ist der Fussball noch viel, viel dominanter als in der Schweiz», sagt Wenger, «deshalb ist es beispielsweise in Deutschland sehr schwierig, unsere Sportart zu pushen.»

Kleinstes Budget der Top 50

In der Schweiz ist Beachsoccer allen Widrigkeiten zum Trotz eine Erfolgsgeschichte. Die stark bedroht ist. Sie ist gewissermassen auf Sand gebaut. Instabil – und mit Fragezeichen behaftet, wie lange sich die Schweiz noch in der Weltspitze halten kann. Die Idealisten Wenger und Schirinzi wissen das. «So geht es nicht weiter», sagt Wenger, «sonst wird das die letzte WM mit Schweizer Beteiligung sein.»

Das grösste Problem sind die Finanzen, es fehlt an wirtschaftlichen Möglichkeiten, um mit der Konkurrenz mitzuhalten. «Von den Top 50 weltweit haben wir mit Abstand das kleinste Budget für das Nationalteam», erklärt Wenger. Zahlen gibt er nicht bekannt, aber es dürften rund 100'000 Franken sein für alle Auslagen inklusive Reisen zu den zahlreichen internationalen Auftritten.

«Von den Top 50 weltweit haben wir mit Abstand das kleinste Budget für das Nationalteam.»

Reto Wenger

«Andere Teilnehmer bereiten sich seit Wochen auf die WM vor», sagt Trainer Schirinzi, «teilweise trainieren sie schon lange auf den Bahamas. Wir treten gegen Teams mit Profis an.» Die Schweizer sind erst seit Anfang Woche auf der Karibikinsel, am Donnerstag bestreiten die Amateurkicker – in ihren Ferien vom Beruf – das erste Gruppenspiel gegen den Gastgeber.

Boom nach WM-Titel?

Immerhin gehört das Nationalteam seit diesem Jahr zum SFV. Ob das etwas bringt, wird die Zukunft weisen, beim Verband geniessen die Fussballauswahlen inklusive Nachwuchs und Frauen einen höheren Stellenwert als die Sandsektion. Und so geht der Kampf von Wenger und Schirinzi unverdrossen weiter.

«Ein sehr gutes WM-Abschneiden wäre aus wirtschaftlicher und sponsorentechnischer Hinsicht und bezüglich TV-Präsenz wertvoll», sagt Wenger. Offen ist, ob ein Titelgewinn einen Beachsoccerboom in der Schweiz auslösen würde.

Synergien mit Futsal?

Die Ideen gehen dem Berner Wenger und dem Basler Schirinzi, die seit Jahren auch im Ausland als Entwicklungshelfer tätig sind, nicht aus. So ist ein grosser Event in der Altjahreswoche im Hallenstadion geplant, mög­licherweise zusammen mit der Futsal-Gemeinschaft, die gerade sehr wächst und dabei vom europäischen Fussballverband stark unterstützt wird.

«Ich mag Futsal, es ergänzt sich ja als Hallensportart perfekt mit Beachsoccer», sagt Reto Wenger. Er will Synergien nutzen und sieht die relativ neue Sportart Futsal keineswegs als Gefahr. Und Weltklasse ist die Schweiz ohnehin nur im Beachsoccer.

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