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Damian Gehrig ist keine leichte Beute

178 cm gross, 78 kg schwer – Damian Gehrig entspricht nicht dem typischen Schwinger. Der Emmentaler ist der leichteste aller «Eidgenossen». Ihm fehle es an Kraft, sagt er. Was seine Leistungen noch spezieller macht.

Das Fliegengewicht: Auf der Spielplatzwippe braucht es nicht sonderlich viel dazu, Damian Gehrig in die Höhe zu drücken.
Das Fliegengewicht: Auf der Spielplatzwippe braucht es nicht sonderlich viel dazu, Damian Gehrig in die Höhe zu drücken.
Andreas Blatter

Es ist der vierte Gang am «Seeländischen» 2015 in Vinelz. Favorit schwingt gegen Nobody. 198 stehen 178 Zentimetern gegenüber. Vor allem aber kämpfen rund 150 gegen 78 Kilo. Was komisch aussieht. Als würde ein Schwer- mit einem Leichtgewichtsboxer in den Ring steigen.

Im Vergleich mit Christian Stucki ist Damian Gehrig eine halbe Portion. Und doch wehrt er sich zum Erstaunen der Zuschauer geschickt, ringt dem Hünen tatsächlich einen «Gestellten» ab.

Ungleiches Duell: Hüne Christian Stucki ist fast doppelt so schwer wie Damian Gehrig. Bild: Andreas Blatter
Ungleiches Duell: Hüne Christian Stucki ist fast doppelt so schwer wie Damian Gehrig. Bild: Andreas Blatter

Auf den Kampf vor zwei Jahren angesprochen, lacht Gehrig und sagt: «Ich weiss bis heute nicht, ob Stucki Vollgas gegeben hat. Er ist doch ein lieber Kerl und will, dass der Gegner solch einen Kampf halbwegs anständig übersteht. Ich rechne es ihm hoch an, dass er mich nicht in den Boden spitzte.»

Wie auch immer, bemerkenswert war die Leistung des vergleichsweise schmächtigen Emmentalers alleweil. Wobei der Blick auf seinen Palmarès verdeutlicht, dass diese nicht von ungefähr kam. Gehrig knöpfte auch schon Kilian Wenger ein Unentschieden ab, 2013 stand er am «Bern-Jurassischen» im Schlussgang.

Vor allem aber gewinnt er in Estavayer den Kranz, womit er zur Gilde der 64 aktiven «Eidgenossen» gehört. Er ist der Drittkleinste und der klar Leichteste unter den «Bösen». Nur 9 sind unter 100 Kilo, keiner wiegt weniger als 95. Auf den ersten Blick passt der 24-Jährige so gar nicht in die Szene. Und er meint: «Sage ich im Ausgang, ich sei Schwinger, denken viele, ich würde scherzen.»

«Sage ich im Ausgang, ich sei Schwinger, denken viele, ich würde scherzen.»

Damian Gehrig

Die falsche Sportart?

Die Frage drängt sich auf: Hat sich Damian Gehrig für den falschen Sport entschieden?

Der Turnerschwinger beschäftigt sich immer mal wieder mit diesem Thema. Er ist ein Multitalent, spielt Unihockey, Fussball, Tischtennis, läuft die 100 Meter unter 12 Sekunden, schafft im Weitsprung 6 Meter. Und im Nationalturnen, einer Mischung aus Leichtathletik, Schwingen und Ringen, zählt er zu den Besten. Sport sei sein Leben, meint der Schreiner.

«Ich denke manchmal schon, dass ich in einer anderen Sportart mit dem gleichen Trainingsaufwand auch Erfolg haben könnte.» Im Schwingsport seien die physischen Voraussetzungen nun mal zentral.

«Steht mir ein 190 Zentimeter grosser und 110 Kilo schwerer Schwinger gegenüber, wird es für mich extrem schwierig. Den kann ich nur mit Ausdauer oder gewiefter Technik bezwingen.» Er müsse in solchen Kämpfen viel Risiko nehmen, sei daher anfällig für Konterzüge.

Mit seinem Körper müsse er leben, sagt Gehrig, «ich kann ihn nicht ändern». Wirklich nicht? Er gibt zu, nicht genug in den Kraftbereich zu investieren. «Mir fehlt es definitiv an Kraft. Einen Gegner einfach so wegdrücken, das kann ich nicht.» Er muss an Masse zulegen, ein Prozess, der zwei bis drei Jahre dauern dürfte.

Zudem sagt der Emmentaler, er esse wohl zu wenig. Schon als Bub sei er ein «bringer Kerl» gewesen. Auch Vater Beat sowie seine Onkel Roland, Martin und Ueli – alles Kranzschwinger – waren zu Aktivzeiten keine Schwergewichte.

Der Coup in Estavayer

Wegen seiner aussergewöhnlichen Statur hat sich Damian Gehrig ein für manchen Konkurrenten unangenehmes Defensivkonzept zurechtgelegt. «Ich muss primär verteidigen, deshalb sind auf meinen Notenblättern viele Gestellte notiert», sagt der Schreiner. Er trainiert anders als viele Widersacher, legt Wert auf Ausdauer und Agilität.

Sein Ziel ist es, konstanter zu agieren, regelmässig Kränze abzuholen. Auch wegen dreier gröberer Verletzungen in den letzten drei Jahren totalisiert er «erst» deren 12; dass er sich in Estavayer als Zehnter einreihte, kam einer riesigen Überraschung gleich. Zwar hatte er sich den Coup zugetraut, «aber ich bin ehrlich: Es hätte nicht überrascht, wenn ich nach vier Gängen unter die Dusche geschickt worden wäre.» Gehrig sagt, er mache sich nichts vor.

«Zu den Top 10 im Schwingsport werde ich wegen meiner körperlichen Defizite nie gehören.» Doch auch er hat mittlerweile Sponsoren, auch er wird für Autogrammstunden engagiert. «Der Hype ums Schwingen ist riesig geworden. Das ist fast ein wenig verrückt.»

Die vergangenen drei Wochen verbrachte Gehrig im Wiederholungskurs der Armee, fürs Interview hat er Urlaub beantragen müssen. Letztmals im Sägemehl trainiert hat er im April, ungeachtet des verpassten Kranzgewinnes am «Emmentalischen» will er nichts von fehlendem Rhythmus wissen.

Er sei nun «giggerig» aufs Schwingen, meint der Athlet aus Wasen, welcher am Sonntag am «Bern-Jurassischen» in Tramelan Eichenlaub gewinnen will. Angesichts der bescheidenen Besetzung handelt es sich um eine Pflichtaufgabe. Angesichts der geringen Anzahl an «Eidgenossen» ist ein neuerliches Duell mit Stucki, dem sanften Riesen, nicht ausgeschlossen.

Bernerzeitung.ch berichtet am Sonntag ab 8 Uhr live vom Schwingfest.

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