Das Biest ist zurück

Als Footballprofi war Marshawn Lynch eine Wucht. Für die aktuellen Playoffspiele unterbricht er jetzt seinen Ruhestand.

Fast wie Hannibal Lector in «Das Schweigen der Lämmer» sieht Marshawn Lynch aus, wenn er vor dem Spiel die Maske trägt, mit der er seine Lunge aufwärmt. Foto: A. Parr (Getty Images)

Fast wie Hannibal Lector in «Das Schweigen der Lämmer» sieht Marshawn Lynch aus, wenn er vor dem Spiel die Maske trägt, mit der er seine Lunge aufwärmt. Foto: A. Parr (Getty Images)

Nein, die Erde hat diesmal nicht gewackelt in Seattle. Es war trotzdem unfassbar laut in dieser Arena, in der die Leute einst derart ausgerastet sind, dass Seismografen in der Nähe des Footballstadions ein kleines Erdbeben aufgezeichnet haben.

«Beast Quake» wird dieser Moment seither genannt, und seit letztem Wochenende ist das Biest zurück beim Footballteam aus Seattle, den Seahawks: Zum zweiten Mal kehrte Marshawn Lynch aus dem Ruhestand zurück aufs Footballfeld. Beim letzten Spiel der regulären Saison gegen die San Francisco 49ers (21:26) sorgte er mit einem Touchdown für Lärm – und Hoffnung für die ganze Stadt.

«Fo sho», sagte Lynch auf die Frage, ob er sich fit genug fühle für das Playoff, das für Seattle wegen der Niederlage gegen den Rivalen aus San Francisco bereits an diesem Wochenende bei den Philadelphia Eagles beginnt. «Fo sho» ist die Abkürzung für «For sure» («na klar»), und Lynch knurrt sie vielmehr, als dass er sie sagt.

Er hat keine Lust auf das Gedöns im Profisport.

Hält er sich für fit? «Fo sho.» Glaubt er, dass er den Seahawks helfen kann? «Fo sho.» Dass Seattle die Superbowl gewinnt? «Fo sho.» Wahrscheinlich hätte er auch auf die Frage nach seinem Abendessen «Fo sho» gesagt.

Denn: Lynch redet nicht gerne mit Journalisten. Wer ihn mal abseits eines Footballstadions erlebt hat, der weiss, dass Lynch kein Mann weniger Worte ist, sondern einer mit köstlichen Anekdoten. Er hat nur keine Lust auf das Gedöns im Profisport, wo jedes Wort mit Bedeutung überfrachtet wird. Dann lieber nichts sagen und die fürs Schweigen vorgesehene Busse der Footballliga NFL bezahlen.

60'000 Dollar pro Spiel

Lynch kann sich das leisten. Angeblich hat er keinen Cent seiner Gehälter (bislang: 56,7 Millionen Dollar) ausgegeben, sondern nur die Einnahmen aus den Werbeverträgen. Bei den Seahawks bekommt er nun 60'000 Dollar pro Partie sowie einen Anteil an den Erlösen aus dem Verkauf von Fanartikeln. Am 23. Dezember unterschrieb er – für mindestens zwei, höchstens fünf Spiele. Werden es fünf, spielt Seattle in der Superbowl um den Titel.

Das führt zur Frage, was sich die beiden Seiten von dieser kurzfristigen Zusammenarbeit versprechen. Es steckt viel Folklore in diesem Comeback: Lynch hatte seine Karriere im Februar 2016 bei den Seahawks beendet, ein Jahr später aber bei den Oakland Raiders fortgesetzt, um in seiner Heimatstadt spielen zu können. Ende 2018 war wieder Schluss, doch als nun bei den Seahawks die besten Laufspieler verletzt ausfielen, da sagte Lynch auf das Angebot aus Seattle kurzerhand: «Fo sho.»

Lynch, 33, war im Spiel gegen die 49ers mehr mit dem Abschütteln von Rost beschäftigt als mit dem von Gegnern. Früher konnte er sich auf seine Athletik verlassen, der «Beast Quake»-Lauf sieht so aus wie der von Bud Spencer in «Sie nannten ihn Mücke»: kraftvoll durch die Mitte. Erst einmal kam Lynch nun aber diesen einen Schritt zu spät, um durch eine Lücke in der gegnerischen Defensive zu preschen. Er konnte die Gegenspieler nicht mehr einfach wegdrücken, und ihm fehlte die Ausdauer, um die wacklige Offensive der Seahawks auf seinen Schultern zu tragen.

Nur: Das muss er auch gar nicht mehr. Spielmacher Russell Wilson, Kandidat für die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler der Saison, kann aufgrund seiner Beweglichkeit häufig selbst laufen.

«Wir haben ihn ins kalte Wasser geworfen»Pete Carroll

Lynch aber brauchen sie für die besonderen Momente einer Partie, wenn die Offensive dringend ein paar Yards Raumgewinn benötigt oder den Ball aus kurzer Distanz in die Endzone befördern muss. Genau das hat Lynch am Wochenende getan: Er hüpfte über Mitspieler und Verteidiger hinweg für diesen einen Touchdown, und wären die Seahawks am Ende nicht so tölpelhaft gewesen (sie leisteten sich ein paar Meter von der Endzone entfernt eine Strafe wegen Spielverzögerung), dann hätte Lynch wohl den siegbringenden Touchdown erzielt und seiner Mannschaft ein Freilos in der ersten Playoffrunde beschert.

«Wir haben ihn ins kalte Wasser geworfen, und er hat sofort gezeigt, was er draufhat», sagte Trainer Pete Carroll. «Ich kann gar nicht erwarten, wie er spielen wird, wenn er noch eine Woche lang trainiert und Spielzüge lernt.» Lynch selbst war nicht zufrieden; einer seiner wenigen gehaltvolleren Sätze lautete: «Ich merke, wie die Beine kräftiger werden, wie das Zusammenspiel funktioniert gegen eine der besten Defensiven der Liga – aber am Ende des Tages haben wir verloren, das ist blöd.»

Der fatale Fehlwurf

Der Moment erinnerte ein bisschen an die Superbowl der Seahawks vor fünf Jahren gegen New England, als Carroll am Ende der Partie den Ball nicht an Lynch übergab, sondern erst einen Passspielzug probieren wollte – eine Entscheidung, die noch heute kontrovers diskutiert wird, weil Quarterback Wilson den Ball in die Arme eines Verteidigers warf und das Spiel damit zugunsten der Patriots beendet war. Lynch glaubt deshalb, dass er noch was zu erledigen hat in Seattle. Und dass ihm das diesmal gefälligst niemand mit einer törichten Strafe oder dämlichen Entscheidung vermasseln soll.

Sollten die Seahawks am Wochenende ein paar Zentimeter vor der Endzone der Philadelphia Eagles stehen, wird Lynch also den Ball bekommen. Fo sho.

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