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Demonstration des Unantastbaren

Fabian Cancellara sorgt in Mendrisio für Begeisterung – 23'000 werden Zeuge seines dritten WM-Titels im Zeitfahren.

Fabian Cancellara braust durch die kleinen Dörfer des Mendrisiotto und wird dabei lautstark unterstützt: Im Tessin ist der Stellenwert des Radsports äusserst hoch.
Fabian Cancellara braust durch die kleinen Dörfer des Mendrisiotto und wird dabei lautstark unterstützt: Im Tessin ist der Stellenwert des Radsports äusserst hoch.
Keystone

Die Szenerie ähnelt jener an der Tour de Suisse, das Rad scheint sich im Mendrisiotto nur um einen zu drehen. Fabian Cancellara ist in aller Munde, das Südtessin als WM-Gastgeber für den Berner mit italienischen Wurzeln wie geschaffen. Vater Donato wirkt nervöser als Sohn Fabian, dessen Selbstvertrauen förmlich zu spüren ist. Er absolviert die Vorbereitung auf seinen Einsatz im Zeitfahren in gewohntem Umfeld. Masseure und Mechaniker sind die gleichen, welche ihn bei Saxo Bank begleiten. Teamchef Bjarne Riis, der sich mit Cancellaras Ehefrau Stefanie und Tochter Giuliana unterhält, steht ebenfalls in der Nähe jenes Reisebusses, welchen Swiss Cycling vom italienischen Lampre-Rennstall gemietet hat. Der Ittiger setzt auf Vertrautes, dem nationalen Verband bleibt in der goldenen Mission nur eine Nebenrolle.

Mangel an Herausforderern

Das Selbstbewusstsein Cancellaras dürfte auch ein weinig auf den Zustand der Gegnerschaft zurückzuführen sein. Vor Jahresfrist triumphierte in seiner Abwesenheit Bert Grabsch. Der Deutsche ist zweifelsfrei ein ausgezeichneter Rennfahrer, dem durchschnittlich sportinteressierten Schweizer jedoch ähnlich bekannt wie der Weltmeister im Naturbahnrodeln. David Millar – der Schotte gewann das letzte Vuelta-Zeitfahren, Fabian Cancellara war zu diesem Zeitpunkt längst ausgestiegen – konzentriert sich auf das sonntägliche Strassenrennen, weil er den Platz an der Sonne im Kampf gegen die Uhr als vergeben betrachtet und nicht im Regen stehen möchte. Dem Olympiasieger mangelt es schlicht an ernsthaften Herausforderern.

Die klingendsten Namen – für Szenekenner klingen sie freilich übel – tragen Alexander Winokourow und Andrei Kaschetschkin. 2007 gehörten die Kasachen zu den Protagonisten des Astana-Skandals. Beide wurden des Fremdblutdopings überführt, einer effektiven und nicht minder gefährlichen Betrugsform; beide kehrten nach zweijähriger Sperre auf die Strasse zurück. Westlich des Urals dürften diese Comebacks kaum jemanden glücklich machen, zumal Winokourow versucht hatte, den Bann mittels fingierten Rücktritts zu verkürzen.

Sturz als einzige Gefahr

Die Kasachen vermögen Cancellara in keiner Weise zu gefährden, den Rest der Konkurrenten ereilt das gleiche Schicksal. Der Berner setzt sich bereits auf den ersten Kilometern ab, das Tempo ist atemraubend, die Linienwahl beeindruckend. Kein Automobilist dürfte die engen Kehren im malerischen Rancate am Fuss des Monte San Giorgio jemals ähnlich schnell passiert haben wie der 28-Jährige. Nach einem Drittel des rund 50 km langen Parcours überholt er den eine Minute vor ihm gestarteten Saxo-Bank-Kollegen Gustav Larsson. Längst ist klar, dass ihn nur ein Sturz am Gewinn seines dritten WM-Titels im Zeitfahren hindern kann. Selbst ein Defekt wäre zu verkraften – zu gross ist die Differenz. Wo immer sich Cancellara gerade befindet, wird er lautstark begrüsst. Der Zuschaueraufmarsch ist beträchtlich, viele der 23'000 sind mit dem Velo gekommen. In der zweiten Runde ist es auch um Medaillenanwärter Bradley Wiggins geschehen, der Tour-de-France-Vierte aus England wirkt demoralisiert, als der rot-weisse Schnellzug an ihm vorbeibraust.

Hohes Durchschnittstempo

Das Pensum ist fast abgespult. Cancellara befindet sich auf den letzten hundert Metern, reisst die Arme hoch, jubelt, applaudiert dem Publikum und fährt im Schritttempo über die Ziellinie – die Masse tobt, die Begeisterung ist riesig. In diesen Momenten erinnert er an Usain Bolt, obwohl die Sparten kaum vergleichbar sind, der Schweizer Sportler des Jahres keine Faxen macht und seine Konkurrenten nicht direkt hinter sich weiss. Fast anderthalb Minuten nimmt der Ittiger Silber-Gewinner Larsson ab; der Schwede vermochte während geraumer Zeit in Sichtweite seines Teamkollegen zu bleiben und damit von seiner idealen Ausgangsposition zu profitieren. «Grazie Svizzera, grazie Tifosi», schreit Cancellara, dessen Durchschnittstempo 51,6 Stundenkilometer beträgt. Larsson liegt bei 50,3, der drittplatzierte Deutsche Tony Martin bleibt unter der 50er-Marke. Dessen Landsmann Grabsch fährt um dreieinhalb Minuten an der Titelverteidigung vorbei. An der Pressekonferenz wird Larsson gefragt, wie es sich anfühle, hinter dem «Ausserirdischen» Zweiter geworden zu sein. Cancellara stehe noch immer auf der Erde, erwidert er lachend. «Er war einfach der Beste.» Wie an der Tour de Suisse.

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