«Ich vermisse weltweit ein genügend starkes Vorgehen gegen Doping»

Nach den Enthüllungen zum Staats­doping in Russland ist Matthias Kamber ernüchtert. Der Direktor der Stiftung Antidoping Schweiz fordert strukturelle Veränderungen. Zudem brauche es für den Kampf gegen Doping mehr Geld.

Sport hat Matthias Kamber schon immer fasziniert. Chemie auch. In seinem Amt als Direktor von Antidoping Schweiz gehen die beiden Gebiete eine spannende Verbindung ein.

Sport hat Matthias Kamber schon immer fasziniert. Chemie auch. In seinem Amt als Direktor von Antidoping Schweiz gehen die beiden Gebiete eine spannende Verbindung ein.

(Bild: Andreas Blatter)

Herr Kamber, hat Antidoping Schweiz alles dafür getan, damit an den Olympischen Spielen in Rio keine Schweizer Athleten positiv getestet werden?Matthias Kamber: Ja, alles Menschenmögliche haben wir getan. Einerseits haben wir alle Athletinnen und Athleten geschult und überprüft, ob sie Medikamente nehmen, bei denen Vorsicht geboten ist. Anderseits haben wir die Begleitpersonen auf die spe­zifischen Anforderungen von Olympischen Spielen vorbereitet, also zum Beispiel darauf, wie die Aufenthaltsorte der Athleten gemeldet werden müssen.

Gab es auch Dopingproben? Bei den selektionierten Athleten haben wir zusätzliche Kontrollen gemacht. Das geschieht in Absprache mit der Wada, der Welt-Anti-Doping-Agentur. Wir melden ihr, wen wir wann auf was ­getestet haben. Die Wada entscheidet dann, ob zusätzliche Kontrollen durchgeführt werden müssen.

Welche Aufgaben haben Sie in Rio? Keine. Wir sind nicht vor Ort. Ich bin aber bei Bedarf rund um die Uhr auf dem Handy erreichbar. Während der Winterspiele in Sotschi hatte ich einige Anrufe, weil es mit der Angabe der Aufenthaltsorte der Athleten Probleme gab. Während der Olympischen Spiele müssen alle Athleten detailliert angeben, wann sie sich wo aufhalten, damit das Internationale Olympische Komitee (IOC) jederzeit Kontrollen durchführen kann.

Sie haben das IOC scharf kritisiert, weil es das systematische Doping in Russland nicht mit dem Ausschluss der gesamten russischen Mannschaft bestrafte. Warum? Systematisches Doping muss hart bestraft werden. Der McLaren-Bericht, der am 18. Juli ver­öffentlicht wurde, hat klar aufgezeigt, dass das gesamte russische System korrupt ist, von den Kontrolleuren bis hinauf zum Sportminister. Das ist ein massiver Verstoss gegen die internationalen Abkommen, die einen Staat zum Kampf gegen Doping verpflichten: Europaratskonvention, Unesco-Konvention, Olympische Charta und Welt-Anti-Doping-Code. Es ist in der Verantwortung des IOC, systematische Verstösse zu ahnden. Denn die einzelnen Sportverbände sind damit überfordert.

«Systematisches Doping muss hart bestraft werden.» 

Für den Fall, dass Russland staatliches Doping nachgewiesen werden sollte, hatte IOC-Präsident Thomas Bach eine harte ­Bestrafung in Aussicht gestellt. Weshalb ist er zurückgekrebst? Das müssen Sie Herrn Bach selber fragen. Ich vermisse aber weltweit ein genügend starkes Vorgehen gegen Doping. Es fehlt überall an Geld. Die Wada hat ein jährliches Budget von etwa 26 Millionen Dollar. Das ist lächerlich wenig. Die gesperrte Tennisspielerin Maria Scharapowa nimmt allein schon viel mehr ein. Wenn man gegen Doping ist, muss man es konsequent bekämpfen. Das vorrangige Interesse des IOC ist aber immer noch, möglichst viele Teilnehmer zuzulassen.

Was sollte geändert werden? Die nationalen Anti-Doping-Agenturen müssten in der Wada vertreten sein, denn sie sind es, die über 70 Prozent aller Anti-Doping-Massnahmen weltweit durchführen. Trotzdem haben sie kein Mitspracherecht. Das Sagen haben immer noch die Sportverbände und die Regierungen. Die Wada hat es verpasst, sich neu zu organisieren.

Weshalb? Die internationalen Sportverbände fürchten sich davor, Kompetenzen abtreten zu müssen. Nötig wäre zudem auch eine unabhängige Institution, welche Sanktionen international durchsetzen kann. Als in der Schweiz 2002 eine unabhängige Disziplinarkammer für alle Sportarten geschaffen wurde, gab es zunächst auch hierzulande Bedenken. Heute sind aber alle Verbände froh darüber, weil es auch eine Entlastung bringt. Auf internationaler Stufe hat man dies noch nicht erkannt.

«Die internationalen Sportverbände fürchten sich davor, Kompetenzen abtreten zu müssen», sagt Matthias Kamber. Bild: Andreas Blatter

Wie unabhängig ist Antidoping Schweiz? Auch wir sind nicht völlig unabhängig. Im Stiftungsrat sitzen Vertreter von Swiss Olympic und Bund, die als wichtigste Geldgeber über unser Budget bestimmen. Dieses ist seit 2010 nie erhöht worden, obwohl der Aufwand und die Verantwortlichkeiten zugenommen haben. Somit schreiben wir seit vier Jahren in Folge Defizite. Jetzt sind alle Reserven aufgebraucht. Wenn wir nicht zusätzliche Mittel erhalten, müssen wir im kommenden Jahr unsere Arbeit reduzieren.

Was sind die Gründe für den Mehraufwand? Einerseits müssen wir gemäss Sportförderungsgesetz seit 2012 die vom Zoll sichergestellten Dopingmittel bestimmen, deren Importeure büssen und die Substanzen vernichten. Im letzten Jahr waren das über 550 Fälle. Die Tendenz ist steigend. Anderseits sind wir aufgrund des neuen Welt-Anti-Doping-Codes dazu verpflichtet, zusätzliche Analysen vorzunehmen.

«Es gibt auch in der Schweiz noch die Einstellung, dass man es mit der Dopingbekämpfung nicht übertreiben soll.»

Wieso ist das Budget trotzdem nicht aufgestockt worden? Es gibt eben auch in der Schweiz noch die Einstellung, dass man es mit der Dopingbekämpfung nicht übertreiben solle, weil unsere sauberen Athleten chancenlos seien, wenn in Russland und anderen Ländern systematisch gedopt werde.

Wie viel Geld braucht Antidoping Schweiz zusätzlich? Unser Budget beläuft sich derzeit auf 4,7 Millionen Schweizer Franken. Für nächstes Jahr braucht es eine halbe Million mehr. Und mittelfristig eine Million mehr pro Jahr.

Wie gut ist die Dopingbekämpfung in der Schweiz im internationalen Vergleich? Im Vergleich zu Russland oder Entwicklungsländern in Afrika und Südamerika stehen wir sicher gut da. Mein Ziel wäre es, ­gerade diese Länder beim Aufbau einer funktionierenden Anti-Doping-Agentur unterstützen zu können. In Europa gehören wir noch zum oberen Mittelfeld. Diese Position werden wir ohne zusätzliche Mittel aber nicht halten können. Denn in vielen Ländern Europas steigen die Budgets.

«50 Prozent aller Athleten können wir mit guter Prävention von Doping abhalten. 10 Prozent sind stark gefährdet, Doping zu nehmen.»

Wie schwierig ist es, Doping nachzuweisen? Wenn ein Athlet dopen will, dann ist es für uns sehr schwierig. Meine Faustregel lautet: 50 Prozent aller Athleten können wir mit guter Prävention von Doping abhalten. 10 Prozent sind stark gefährdet, Doping zu nehmen. Bei ihnen können nur massive Kontrollen und Ermittlungen etwas ausrichten. Bei den 40 Prozent dazwischen brauchen wir mehr Instrumente zur Abschreckung. Es wird uns aber nie gelingen, Doping völlig auszurotten.

Den Direktor von Antidoping Schweiz fasziniert als Chemiker die angewandte Forschung. Bild: Andreas Blatter

Getestet wird sowieso nur, was getestet werden kann. Klar. Aber wir können die Proben inzwischen bis zu zehn Jahre lang aufbewahren und auch nach­träglich analysieren. Das erzeugt Druck auf die Athleten. In den letzten Jahren haben wir zum Beispiel das Dopingkontrolllabor Köln bei der Entwicklung eines Tests unterstützt, der die Ab­bauprodukte von Anabolika drei Monate länger nachweisen kann. Nachträglich konnten so einige Dopingsünder etwa der Spiele in London entlarvt ­werden.

Die Forschung zur Entwicklung neuer Tests gehört also auch zu Ihren Aufgaben? Ja, doch im Moment haben wir dafür noch ein Budget von 120'000 Franken. Das reicht nicht weit. Aber wir haben uns zum Beispiel an der Entwicklung von Bluttests beteiligt, für die nur ein Stich in den Finger nötig ist. Damit können aufwendige Urinproben vermieden werden.

Dass Sie Chemiker sind, ist dabei wohl hilfreich. Ja, mich fasziniert die angewandte Forschung. Laborresultate oder die Diskussion über neue Testverfahren interessieren mich sehr. Weltweit gibt es neben mir aber nur noch eine einzige Chemikerin, die eine Anti-Doping-Agentur leitet. Die andern sind Juristen, Manager und immer mehr auch ehemalige Polizeiermittler.

Ist ein einzelner Sportler ­überhaupt in der Lage, sich vor Doping zu schützen? Ja. Jedes in der Schweiz zugelassene Medikament ist bei uns erfasst, und jedermann kann auf unserer Website oder via App nachsehen, ob das Mittel generell oder im Wettkampf verboten ist.

Mein Ziel ist nicht, möglichst viele Dopingfälle aufzudecken, sondern ich möchte dank guter Aufklärung möglichst viele unabsicht­liche Dopingfälle vermeiden. 

Was ist, wenn ihm eine medizinische Betreuungsperson eine Spritze gibt? Auch dann bleibt der Athlet in der Verantwortung und muss sich nach dem Inhalt erkundigen. Die Athleten wissen, dass sie ihre Ärzte oder Apotheker über ihren Sport informieren müssen. Wir schulen Ärzte, welche den Fähigkeitsausweis Sportmedizin erwerben, und stehen in Kontakt mit Pharmazeuten. Wir sensibilisieren also nicht nur die Athleten, sondern auch ihr Umfeld. Mein Ziel ist nicht, möglichst viele Dopingfälle aufzudecken, sondern ich möchte dank guter Aufklärung möglichst viele unabsicht­liche Dopingfälle vermeiden. Wir hatten zum Beispiel früher einige Cannabisfälle, jetzt nicht mehr.

Finden Sie es richtig, Athleten wegen des Konsums geringer Mengen Cannabis zu bestrafen? Meiner Meinung nach sollte Cannabis nur in jenen Sportarten verboten sein, wo es sich auf die Leistung auswirkt. Aber mit dieser Haltung kamen wir beim Gremium der Wada nicht durch, das die Dopingliste erstellt. Cannabis ist im Wettkampf verboten. Ein positiver Cannabistest wird allerdings in der Regel nur mit einer Sperre von einem bis drei Monate sanktioniert. Bei Anabolika sind es in der Regel vier Jahre.

Das ist hart. Es gibt viele Sportler, die eine lebenslange Sperre fordern. Anabolika nimmt man nicht einfach so zu sich. Sie sind keine Er­kältungs- oder Nahrungsergänzungsmittel, die man falsch einsetzt, und man nimmt sie auch nicht an einer Party in einem ­unüberlegten Moment ein. Anabolika werden gezielt eingesetzt. Das muss entsprechend bestraft werden.

Wie viel bedeutet Ihnen der Sport? Ich finde ihn äusserst faszinierend, mache auch selbst gerne Sport. Sport kann die Entwicklung junger Menschen positiv beeinflussen. Deshalb bin ich so sehr gegen das Doping. Sportler sind Vorbilder für Jugendliche. Würden wir bei den Topathleten das Doping freigeben, dann hätte dies nicht nur eine Wirkung auf den Spitzensport, sondern auf die gesamte Sportwelt.

Müsste man auch im Breitensport mehr sensibilisieren? Wir haben das gemacht. Vor zwei Jahren haben wir den GP von Bern kontrolliert. Die Ergebnisse waren höchst erfreulich: Wir stellten kein Doping fest. Von 150 Proben waren 2 positiv, und diese konnten medizinisch begründet werden. Die Tests kamen aber nicht überall gut an, weil die Urinproben für die Athleten belastend waren und sie teilweise lange warten mussten.

Es gibt das Gerücht, dass im Breitensport viele Substanzen eingesetzt werden. Ja, aber es handelt sich wohl eher um falsch eingesetzte Medikamente, die nicht auf der Dopingliste stehen. Wir sollten mehr in die Prävention investieren. Die Mittel dafür sind aber nicht vorhanden. 80 Prozent unseres Budgets müssen wir für Kontrolle und Ermittlung im Spitzensport einsetzen.

In welcher Sportart wurde noch nie jemand positiv getestet? Vielleicht Boccia ...

Kontrollieren Sie alle Sportarten? Von den 83 Sportarten, die Swiss Olympic angegliedert sind, kontrollieren wir gut die Hälfte. Unser Budget reicht für knapp 2700 Proben, das ist zu wenig.

«Unser Budget reicht für knapp 2700 Proben, das ist zu wenig.»

Verlangen Sie, dass sich ­Sponsoren oder das Sport­publikum ­stärker gegen Doping engagieren? Es wäre uns schon sehr geholfen, wenn wir mehr ideelle Unterstützung erhielten. Und natürlich könnte ich mir ein neues Finanzierungsmodell vorstellen. Heute decken die Steuerzahler 54 Prozent und Swiss Olympic 40 Prozent unseres Budgets. Vom Geld der Sponsoren oder von jenem, das für Fernsehübertragungsrechte fliesst, sehen wir nichts. Ein Sponsor, der 2 Millionen Franken in den Sport investiert, würde aber auch profitieren, wenn er davon 1 Prozent uns zukommen liesse.

Inwiefern? Dank der Unterstützung einer Pharmafirma konnten wir zum Beispiel vor den Olympischen Spielen in London gemeinsam mit Swiss Swimming einen Blutpass einführen und aufzeigen, dass die Schwimmer unauffällige Profile aufwiesen. Es ist für den Sponsor eine Art Rückversicherung, wenn er sich dafür engagiert, dass die Sportart dopingfrei gehalten wird. Würden wir jungen Ausdauersportlerinnen und -sportlern Blutpässe ausstellen, dann könnten wir ihnen später eine saubere Laufbahn bescheinigen.

Wo stehen wir denn heute in ­Sachen Dopingbekämpfung? Meine Bilanz fällt gemischt aus. Nach der Veröffentlichung des McLaren-Berichts war ich sehr ernüchtert. Ich war davon ausgegangen, dass Staatsdoping längst nicht mehr existiert. Die gute Nachricht ist aber, dass es auf­gedeckt wurde. Das Ehepaar Stepanowa, welches es ans Licht brachte, verdient Unterstützung. Wenn dank der gewonnenen Erkenntnisse das System verbessert wird, haben wir einen Fortschritt gemacht. Wenn es aber weitergeht wie bisher, dann haben wir verloren, dann übe ich einen Alibijob aus.

Wagen Sie eine Prognose, wie viele Dopingfälle in Rio entdeckt werden? Ich glaube nicht, dass es in Rio Dopingfälle geben wird, und wenn, dann höchstens solche, die auf dumme Versehen zurückzuführen sind.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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