Die Familie ist klein geworden

Albrecht ­Moser hat die Hoch-Zeit dieser Sportart miterlebt, Christian Kreienbühl nimmt als Spitzenathlet heute an Waffenläufen teil. Und gewinnt am Sonntag in Niederbipp.

Der Startschuss: Albrecht Moser (links) schickt Christian Kreienbühl (vorne rechts) und den Rest des Starterfelds ins Rennen.

Der Startschuss: Albrecht Moser (links) schickt Christian Kreienbühl (vorne rechts) und den Rest des Starterfelds ins Rennen.

(Bild: Marcel Bieri)

Reto Pfister

Als Albrecht Moser 1977 seinen ersten Waffenlauf bestritt, war diese Sportart in den Medien sehr präsent. Das Schweizer Fernsehen berichtete regelmässig über die Läufe; der heute 72-jährige Seeländer genoss als Seriensie­ger grosse Bekanntheit. Moser war als Quereinsteiger zu dieser Sportart gekommen. An den Olympischen Spielen 1972 in München hatte er über 10'000 m teilgenommen, später jedoch für sich keine grossen Perspektiven mehr in den Stadiondisziplinen gesehen. Moser startete an Bergläufen, trainierte jedoch auch mit Waffenläufern zusammen.

«Die sportliche Herausforderung reizte mich, nicht der mili­tärische Hintergrund», sagt Moser. «Mit dem Karabiner, der mit der Packung mitgeführt werden musste, habe ich nie geschossen. Und die Reglemente habe ich immer ausgereizt, etwa bei den Schuhen.» Diese mussten damals schwarz sein, verwendet wurden Spezialschuhe, die ähnlich leicht waren wie zivile Laufschuhe.

Er dominierte in den Jah­ren darauf und holte von 1978 bis 1985 achtmal in Folge den Schweizer-Meister-Titel. Als Moser 40 Jahre alt war, verlor er seine Spitzenposition an jüngere Athleten, blieb aber mit der Sportart verbunden, die vielen seltsam vorkommen mag. Was mag daran reizvoll sein, im Kampfanzug mit Gewicht auf dem Rücken einen Wettkampf zu bestreiten? Dieser Ansicht waren in den Jahren darauf auch viele Läufer, die Teilnehmerzahlen sanken stark, viele Anlässe fanden nicht mehr statt. Und doch gibt es sie immer noch, die Waffenlaufenthusiasten.

Viel weniger Startende

Moser, mittlerweile grauhaarig und mit grauem Bart, steht am Sonntagmorgen an einem Strässchen vor dem Klubhaus des FC Niederbipp. Er fungiert als Ehrenstarter beim 6. Niederbipper Waffenlauf. Beim Wettkampf handelt es sich um einen Anlass, der 2012 vom ortsansässigen Läufer Emil Berger ins Leben gerufen wurde. 114 Männer und 12 Frauen nehmen die 21,1 km unter die Füsse, ein im Vergleich zu früheren Zeiten mit über 1000 Startenden winziges Teilnehmerfeld.

Moser gehört nicht dazu; bei der Premiere in Niederbipp bestritt er seinen letzten Waffenlauf. Danach verhinderte eine Diskushernie weitere Starts. «Ich habe kein Problem damit, dass viel weniger Leute an Waffenläufen teilnehmen», sagt der 72-Jährige, merkt jedoch kritisch an: «Das Verschwinden vieler Anlässe hätte man verhindern können, indem man sich offener für Neuerungen gezeigt hätte.»

Familiäre Verbundenheit

Ausserhalb der Szene sind die Athleten, die in Niederbipp antreten, nicht bekannt. Mit einer Ausnahme: Christian Kreienbühl dominiert das Rennen und gewinnt schliesslich bei ungemütlichen äusseren Bedingungen das Rennen souverän. Der 36-Jährige durfte den Wettkampf wie seine Konkurrenten in Laufschuhen absolvieren. Kreienbühl gehört zu den besten Schweizer Langstreckenläufern, er war Mitglied der Teams, die 2014 in Zürich im EM-Marathon Bronze und 2016 in Amsterdam im Halbmarathon Gold gewannen.

«Mutter, Vater und Bruder sind  Waffenläufer.»Christian Kreienbühl

Im Gegensatz zu anderen Topathleten macht er keinen Bogen um die militärische Variante des Laufsports. Was mit familiärer Verbundenheit zu tun hat. «Mutter, Vater und Bruder sind Waffenläufer», sagt Kreienbühl, der sich im Zieleinlauf kurz mit Moser unterhält, aber danach bald vor Kälte zitternd die Garderobe aufsucht. «Wenn es in meine Wettkampfplanung passt, nehme ich jedes Jahr an einem Waffenlauf teil.»

Moser nimmt später auch die Siegerehrung vor. Der ehemalige Schulhausabwart und Gemeindeangestellte in seinem Wohnort Pieterlen pflegt mittlerweile im Auftrag für andere Leute deren Gärten; bei gutem Wetter widmet er sich pro Woche während 30 bis 35 Stunden dieser Tätigkeit. Der Waffenlauf hat ihn aber nie ganz losgelassen.

Berner Zeitung

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