Die Strahlkraft des Popstars

Der Schachspieler Magnus Carlsen ist die grosse Figur beim Grossmeisterturnier in Biel. Obwohl er das Turnier nicht gewinnt.

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«Psscht!», tönt es von einem Spieltisch her. Zwei ältere Männer auf den Zuschauerplätzen haben etwas zu laut geflüstert. Ruhe ist das oberste Gebot im Spielsaal des Bieler Schachfestivals, die Gehirne der Direktbeteiligten müssen schliesslich einwandfrei arbeiten können; Spielzüge planen, die Strategie anpassen, vorausdenken.

Handys müssen im Saal ausgeschaltet bleiben – damit die Konzentration der Spieler nicht gestört wird. Schach ist eng mit Mathematik verknüpft. Wer während mehrerer Stunden am Werk ist, wird irgendwann müde.

Selbst ein Profi.

Sogar Magnus Carlsen wirkt am 1. August erschöpft, als er nach gut vier Stunden und 49 Zügen den jungen Schweizer Nico Georgiadis besiegt hat. Der Weltmeister aus Norwegen ist das Aushängeschild der diesjährigen Austragung, viele Leute sind vor allem seinetwegen ins Kongresshaus gekommen.

Doch schon am Dienstag und nach Carlsens Niederlage gegen Schachrijar Mamedscharow steht fest, dass nicht der grosse Favorit das Turnier gewinnen wird, sondern sein erster Herausforderer aus Aserbeidschan. Immerhin verabschiedet sich der Publikumsmagnet standesgemäss erfolgreich: Georgiadis begeht im 46. Zug einen Fehler, den Carlsen eiskalt bestraft.

Danach folgt dem Saubermann eine Schar von Fans; etwas Zeit für Autogramme findet er noch, ein Foto liegt knapp drin. Für Interviews steht er dagegen nicht zur Verfügung.

Ganz anders der Sieger: Auch Mamedscharow macht zwar einen ausgelaugten Eindruck, gibt aber gerne Auskunft und spricht von einer grossen Erleichterung. «In den vergangenen Jahren habe ich gegen Magnus oft schlecht gespielt.

Deswegen freut es mich, ist es mir zum zweiten Mal gelungen, ihn zu schlagen», sagt er. Der Aserbeidschaner ist selbst die Nummer 3 der Welt – wirklich überraschend kommt sein Triumph nicht. Und Carlsen, so ist zu vernehmen, kann mit dem zweiten Platz auch gut leben.

Die besondere Liaison

Biel ist in Carlsens Jahresplanung eine Zwischenstation auf dem Weg zur WM im November. Wobei die Beziehung des Weltranglistenersten zur Uhrenstadt aussergewöhnlich ist. Es ist bereits Carlsens siebte Teilnahme am Bieler Schachfestival. Schon 2007, im Alter von 16 Jahren, triumphierte er erstmals im Seeland.

Er trat in dieser Zeit als Wunderknabe in Erscheinung, als Genie mit dem Gesicht eines braven Jungen, der die Etablierten das Fürchten lehrte. Seither hat er das Turnier ein weiteres Mal gewonnen (2011). «Biel ist und bleibt speziell für ihn», sagt Turnierdirektor Yannick Pelletier.

Trotz den beiden zweiten Rängen 2012 und heuer. Das Bubenhafte ist geblieben, inzwischen ist Magnus Carlsen aber zum Weltstar aufgestiegen. Ein Jugendlicher trägt in Biel ein Fanshirt, auf dem der breit grinsende Carlsen zu sehen ist. Der Norweger ist in der Szene so etwas wie ein Popstar.

Pelletier, ein gebürtiger Bieler, war selbst Schachgrossmeister und versucht jedes Jahr aufs Neue, Carlsen zu engagieren. Manchmal sei das Austragungsdatum ungünstig. Wenn der Norweger sein Kommen bestätigt, muss das Budget erhöht werden.

Eine Stiftung hilft dabei, die Startgage für den derzeit erfolgreichsten Schachspieler zu stemmen. Genaue Zahlen will Pelletier keine nennen. Wichtig ist dem Direktor auch, das Turnier stets für alle zugänglich zu machen. «Es soll ein Festival bleiben», sagt er. Heuer verzeichnet das OK gar einen Teilnehmerrekord.

Amtssprache: Englisch

850 sind im Kongresshaus dabei und können das Schnauben und Seufzen der Stars hören. Alle Partien, über alle Spielklassen hinweg, finden im selben Saal statt. Die Amateure sind fast hautnah bei den Stars, welche leicht erhöht und für alle sichtbar auf einer Bühne ihre Partien austragen.

Und einmal, während der Schlussphase des Duells mit Georgiadis, will sich Carlsen kurz die Beine vertreten und dreht gar eine Runde rund um die vielen Tische, an denen sich Jung und Alt miteinander messen.

Die Szene ist international, viele Gäste aus dem Ausland sind da, meist wird Englisch gesprochen. «Aus Südkorea ist sogar eine ganze Reisegruppe extra angereist», sagt Pelletier. Ihre Teilnahme sei kaum auf die Anwesenheit von Magnus Carlsen zurückzuführen, glaubt der Turnierdirektor. Fans des Weltmeisters sind dennoch fast alle. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.08.2018, 08:52 Uhr

Magnus Carlsen im Einsatz in Biel. (Bild: Keystone )

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