Düstere Zukunft nach Spieler-Exodus

Die Spieler von Swica Volley Münsingen haben genug vom Schweigen der Führung. Sie verlassen den Klub. Die NLA ist gefährdet.

Am Boden: Carlos Guerra (rechts) und Christophe Augsburger verlassen Swica Volley Münsingen. Die Zukunft ist ihnen zu ungewiss.

Am Boden: Carlos Guerra (rechts) und Christophe Augsburger verlassen Swica Volley Münsingen. Die Zukunft ist ihnen zu ungewiss.

(Bild: Andreas Blatter)

Die Erfolgsgeschichte von Swica Volley Münsingen droht wie eine Seifenblase zu platzen. Zwei Monate vor dem Saisonstart steht der letztjährige NLA-Dritte ohne Mannschaft da. Die Führungsspieler Carlos Guerra und Christophe Augsburger wechseln zum Ligakonkurrenten Lausanne; Samuel Büschi, Mittelblocker des Schweizer Nationalteams, liebäugelt mit einem Transfer ins Ausland. Martin Weber (Münchenbuchsee) und Marco Fölmli (Schönenwerd) zieht es in die NLB, Michel Kertai steht in Kontakt mit Münchenbuchsee. Die Ausländer Kyle Joslin (Ka/Pass) und Luis Salgado (Honduras/Diagonal) kehren nicht mehr ins Aaretal zurück. Kurz: Acht Volleyballer verlassen den Verein. Zudem will der bisherige Co-Trainer und Coach Marco Bonaria eine schöpferische Pause machen. Der Spielerexodus macht ihm zu schaffen: «Es ist wie ein Kind, das stirbt.» Bonaria führte Münsingen von der 1.Liga in die NLA.Keine KommunikationDie Spieler bemängeln in erster Linie die Kommunikation der beiden Verantwortlichen, Präsident Holger Herbst und Teammanager Thomas Sieber. Man habe von den finanziellen Problemen zwar gewusst, über die Trainerfrage und die Zukunft generell sei jedoch nie informiert worden. «Weil ich nicht plötzlich ohne Team dastehen wollte, bin ich selber aktiv geworden und habe in Lausanne, das mir sportliche Perspektiven ermöglicht, unterschrieben», sagt der 24-fache Nationalspieler Christophe Augsburger.Finanzielle Probleme«Die Vertragsverlängerung scheiterte primär aus finanziellen Gründen», sagt Spielertrainer und Captain Carlos Guerra. Der 28-jährige Mexikaner habe bereits nach dem Gewinn der Bronzemedaille im vergangenen März gespürt, dass die Erfolgsgeschichte wohl zu Ende geht. «Die Verantwortlichen hielten es nicht für nötig, an das entscheidende Spiel gegen Chênois nach Genf zu reisen.» Er habe gespürt, dass die Zeit in Münsingen noch nicht reif sei, nach drei Jahren NLA den nächsten Schritt in Richtung Professionalisierung zu machen. Dieser wäre aber nötig gewesen, sagt Guerra, um nach den Plätzen 6, 4 und 3 in der neuen Saison den Meistertitel anzugreifen.Holger Herbst bedauert den Exodus. «Unser Handlungsspielraum ist beschränkt. Wir werden in der neuen Saison mit einem stark gekürzten Budget von rund 70000 Franken operieren (2008/2009 = 240000 Franken, die Red.). Damit können wir den Spielern das gewünschte sportliche Umfeld nicht bieten», sagt der Präsident. Enttäuscht sei er, wie wenig sich die Spieler mit dem Verein identifizierten. «Wenn die Schlüsselspieler den Verein tatsächlich verlassen, kollabieren wir.» Gestern Abend traf sich der Vorstand zu einer Art Krisensitzung.Rückt 1.-Liga-Team nach?Das Zusammenstellen eines NLA-Teams wird für die Münsinger Verantwortlichen ein Wettlauf gegen die Zeit. Ein Rückzug aus der Nationalliga A hätte Folgen: 12000 Franken Busse und eine mehrjährige Sperrfrist, um in die NLA zurückzukehren. Nach den Rückzügen von Sursee und Martigny wird die höchste Spielklasse der Männer mit nur sieben Teams bestritten. Es wird keinen Absteiger geben. Vielleicht treffen Guerra und Augsburger am 3.Oktober auf ihren Extrainer Marc Gerson. Der 54-jährige Luxemburger ist Teamchef der zweiten Münsinger Mannschaft, die in der 1.Liga spielt. Das «Zwöi» könnte nachrutschen – immerhin hat es sich mit Nationalmannschaftspasseur Sébastien Chevallier verstärkt, der im Nationalen Leistungszentrum (NLZ) in Bern seine Beachvolleyballkarriere vorantreiben und als Aussenangreifer Erfahrungen sammeln will. «Nein!», entgegnet Gerson . «Ich bin doch nicht der ‹Depp der Nation› und verheize meine 16-, 17-jährigen Spieler. Sportlich wären wir in der NLA total überfordert.» Auch von der Idee, einigen Athleten aus der Talentschmiede des NLZ den Transfer in die Schlossmatthalle schmackhaft zu machen, hält Gerson wenig: «Was mache ich im März 2010, wenn die Beachvolleyballer alle nach Brasilien ins Trainingslager reisen?» Es wäre der nächste Spieler-Exodus.

Berner Zeitung

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