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«Es hiess: ‹Du machst das!›, und es gab keine Widerrede»

Ariella Kaeslin, wie reagierten Sie auf die Nachricht der Missbräuche im derart grossen Stil?

Haben Sie je von Missständen im US-Turnteam gehört?

Viele US-Turnerinnen wurden auf der Ranch von Marta Karolyi trainiert, wo sehr harte Trainingsmethoden vorherrschten. So sei es für Nassar ein Leichtes gewesen, mit kleinen Zuwendungen ihr Vertrauen zu gewinnen.

Versöhnlicher Blick zurück für die einstige Spitzenturnerin Ariella Kaeslin: Die 30-jährige Luzernerin hat sich mit ihrer einstigen Liebe, dem Kunstturnen, fünfeinhalb Jahre nach ihrem Rücktritt versöhnt.
Im Sommer 2011 war Kaeslin völlig überraschend zurückgetreten und hat im Schweizer Kunstturnen eine Lücke hinterlassen. Drei Monate zuvor hatte sie noch EM-Bronze am Sprung gewonnen. Erschöpfungsdepressionen machten der dreifachen Schweizer Sportlerin des Jahres schwer zu schaffen, wie sie 2015 in ihrer Biografie enthüllen wird.
Heute studiert Kaeslin an der Universität Bern Sportwissenschaft und Psychologie, im Sommer schliesst sie den Bachelor ab – und denkt an ein zweites Studium nach. Sie sagt, manchmal fühle sie sich nicht wie 30, eher wie 24.
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Wie ging Karolyi mit den eigenen Turnerinnen um?

Haben Sie bei den chinesischen und russischen Turnerinnen ähnliche Szenen beobachtet?

«Ich hatte nie den Eindruck, ich sei vom Trainer aus sexuellen Motiven angefasst worden.»

Trotzdem wagte es keine der Turnerinnen, sich jemandem anzuvertrauen.

Kann sich eine 16-jährige Turnerin überhaupt gegen einen Trainer wehren?

Sind Erfolge im Turnsport ohne Drill überhaupt möglich?

Einen harten Konkurrenzkampf gibt es überall an der Spitze.

Historische Einigung im Missbrauchsskandal um den verurteilten Arzt Larry Nassar: 500 Millionen Dollar bezahlt sein einstiger Arbeitgeber, die Michigan State University, als Genugtuung und Schmerzensgeld an die mehr als 300 Opfer. Es ist ein teures Schuld-Eingeständnis der renommierten Hochschule – und eines, auf das die Opfer immer gehofft hatten. Sie wollten nicht nur Nassar in die Verantwortung genommen sehen, sondern auch die Institutionen, die sein Treiben erst ermöglichten.
Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach mehr als einem halben Jahr gestand Olympiasiegerin McKayla Maroney, wie sehr sich der Missbrauchsskandal auch heute noch auf ihr Leben auswirkt. «Ich mache drei Schritte vorwärts und zwei zurück», sagt sie vor Zuhörern in New York. Bei fast jeder Gelegenheit sei sie von Larry Nassar, dem einstigen Chefarzt von USA Gymnastics, missbraucht worden.
Gegründet wurde die Turnranch vom legendären Trainer-Ehepaar Marta und Bela Karolyi (Marta im Bild mit der vierfachen Olympiasiegerin Simone Biles). Die Vorwürfe der Turnerinnen sind happig: Die Trainer könnten von den Übergriffen gewusst, aber nichts unternommen haben. Dass in Huntsville noch einmal Turnerinnen einquartiert werden, scheint ausgeschlossen. Der Ruf ist ruiniert.
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Was braucht es, um an die Öffentlichkeit zu gehen? So wie es nun die Amerikanerinnen taten – oder wie Sie und Ihre Teamkolleginnen 2007, als Sie sich gegen den damaligen Nationaltrainer Eric Demay auflehnten.

Was braucht es also, um sich zu wehren?

Trainer kommen den Athletinnen auch körperlich nahe, etwa wenn sie sie bei schwierigen Figuren stützen.

Die US-Turnerinnen spielten der Öffentlichkeit jahrelang etwas vor. Sie kennen dieses Doppelspiel: An der EM 2011 waren Sie entkräftet und ausgelaugt, wenig später traten Sie zurück. Doch Ihre Verzweiflung merkte man Ihnen nicht an.

Wir dachten, Sie seien vielleicht etwas müde, das war alles.

Warum?

Womit kämpfen diese Sportler?

Wenn man sieht, was Sie posten – Fotos aus den Ferien, auf den Ski oder dem Velo – wirkt das ziemlich entspannt.

Sie haben sich zur #MeToo-Debatte aber nicht öffentlich geäussert. Warum nicht?

Fast jede Frau, egal ob Sportlerin oder nicht, ist schon mit unangemessenen Bemerkungen oder gar Berührungen konfrontiert worden.

Sie galten lange als «Schätzli der ­Nation», Medien spielten oft auf Ihr Äusseres an. Störte Sie diese Verniedlichung?

Kunstturnen ist eine sehr körperbetonte Sportart, die Turnerinnen tragen knappe Dresses und sind schön frisiert und geschminkt. Ist das noch zeitgemäss?

«Wer so lange im Spitzensport war, bleibt wohl ein bisschen zurück. Ich habe noch zu viel Seich im Kopf.»

Und solche Anweisungen hinterfragten Sie nicht?

Regelmässig wird kritisiert, die Berichterstattung im Frauensport richte sich mehr nach dem Aussehen als nach der Leistung. Was ist Ihr Eindruck?

Nach Ihrem Rücktritt freuten Sie sich darauf, nicht mehr zu müssen, nur noch zu dürfen. Nun treiben Sie nach wie vor sehr viel Sport: Rudern, Rennen, Langlaufen, bald möchten Sie einen Iron Man bestreiten. Klingt nach Anstrengung.

Bei welcher Übung?

Der Spagat geht noch?

Wie oft sind Sie noch in der Turnhalle?

Wann drückt der Wettkampfgeist von früher durch? Können Sie nach einer halben Stunde rennen sagen: Heute fühle ich mich nicht gut, ich höre auf?

Und Sie können tatsächlich bei 9,9 Kilometern aufhören?

Geht deshalb Ihre Uhr 20 Minuten vor?

Sind Sie eine notorische Zuspätkommerin, und ist das der Versuch, die Zeit in den Griff zu bekommen?

Sie sind 30 geworden und schliessen im Sommer den Bachelor in Sportwissenschaft und Psychologie ab. Andere Leute in Ihrem Alter gründen eine Familie. Fühlen Sie sich im Rückstand?

Inwiefern?

Können Sie sich vorstellen, danach als Physiotherapeutin zu arbeiten?

Sie haben früher junge Mädchen im Kunstturnen trainiert.

Was würden Sie sagen, wenn Ihre Tochter, Ihr Sohn zu turnen anfangen würde?