Fussballer, tut nicht so – andere haben den Videobeweis schon lange

Für die Fussballer sind technische Hilfsmittel noch immer ein Novum – andere Sportarten nutzen sie schon lange. Diskussionsstoff liefern sie aber weiterhin.

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Anna Baumgartner@tagesanzeiger

Die Geschichte der bewegten Bilder beginnt mit einem Beweis. Im Jahr 1872 beauftragte Leland Stanford den Fotografen Eadweard Muybridge damit, die Frage zu beantworten, ob ein galoppierendes Pferd zu einem Zeitpunkt alle Beine in der Luft hat oder nicht. Muybridge begann zu tüfteln und zu bauen. Er stellte zwölf Kameras mit einer Belichtungszeit von unter einer halben Sekunde (für damalige Verhältnisse ein extrem tiefer Wert) in einer Reihe entlang einer Rennbahn auf und spannte feine Drähte. Das durchgaloppierende Pferd zerriss die Drähte und löste die Kameras aus.

Es entstanden zwölf Bilder und drei Erkenntnisse: 1. Dass das Pferd tatsächlich zu einem Zeitpunkt alle Beine in der Luft hat. 2. Dass dies aber passiert, während alle viere unter dem Bauch sind. Galoppierende Pferde waren also jahrhundertelang falsch gemalt worden. 3. Dass sich Bewegung bildlich wiedergeben lässt.

Das ZielfotoMillimeter entscheiden

Gut 40 Jahre später kam das Beweisfoto in die Sportwelt. Beim 1500-m-Rennen der Olympischen Sommerspiele 1912 wurde erstmals eine Kamera auf der Ziellinie installiert – und sofort gebraucht. Die Amerikaner Abel Kiviat und Norman Taber kamen hinter Sieger Arnold Jackson zeitgleich ins Ziel. Und so musste schon bei der Premiere das Zielfoto Aufschluss geben. Am Ende gewann Kiviat Silber, Taber Bronze.

Mittlerweile gibt es das Zielfoto in fast jeder Sportart mit einer Ziellinie. «Fotofinish» wurde zum Synonym für ein knappes Rennen. Was sich in all den Jahren geändert hat, ist die Technik: Während auf der Ziellinie 1912 noch eine Kamera stand, deren Bild zuerst entwickelt werden musste, schossen die Zielkameras der Spiele in Rio 2016 10000 Bilder in der Sekunde.

TennisEin Falkenauge für die Linien

In einigen Sportarten brauchte es einen oder eine ganze Ansammlung von Fehlentscheiden, damit eine Technologie zu Hilfe genommen wurde. Im Tennis war diese Initialzündung der US-Open-Viertelfinal zwischen Serena Williams und Jennifer Capriati 2004. Die Veranstalter liessen während des Matches eine Linientechnologie mitlaufen – und konnten feststellen, dass dreimal zu Unrecht gegen Williams entschieden wurde. Im einen Fall hatte die Stuhlschiedsrichterin sogar fälschlicherweise den Linienrichter überstimmt.

So kam das Hawk-Eye 2006 auf die WTA- und ATP-Tour. Die Technologie wurde vom englischen Mathematiker Paul Hawkin für die TV-Übertragung von Cricketmatches entwickelt. In einem 3-D-Modell berechnet sie, wo der Ball auf dem Boden aufkommt. Der Abdruck lässt sich auf 3,6 mm genau berechnen. Mittlerweile wird es in verschiedensten Sportarten eingesetzt, darunter Volleyball, Badminton oder Rugby, sowie bei Fernsehübertragungen von Snooker.

BasketballDie Uhr im Blick

Der Videobeweis wird aber nicht nur eingesetzt, um über Tore oder Fouls zu entscheiden. Er ist auch wichtig, wenn es darum geht, die herunterlaufende Uhr im Blick zu haben. In der NBA wurde er 2002 eingeführt – ­wegen einer umstrittenen Szene im vorangegangenen Playoff. Im Conference-Final zwischen Sacramento und den LA Lakers erzielte Samaki Walker einen Dreipunktewurf in der letzten Sekunde. Die Slow Motion zeigte aber klar, dass Walker zum Zeitpunkt, als die Uhr auf 0 stand, den Ball noch in den Händen hatte.

CricketEin Strauss von Technologien

Das Hawk-Eye ist nicht die einzige Technologie, die im Cricket gebraucht wird. «Umpire Decision Review System» heisst der Strauss von Technologien, die seit 2009 sowohl von den Schiedsrichtern als auch von den Teams zur Kontrolle angefordert werden können.

Das Hawk-Eye wird eingesetzt, wenn zu entscheiden ist, ob der Ball ein Wicket getroffen hätte, wenn er nicht ans Bein des Schlägers geflogen wäre. Dazu kommt der sogenannte Hot Spot: eine Infrarot-Technik, die zeigt, ob der Schläger Kontakt mit dem Ball hatte. Das Gleiche überprüft auch ein System, das zu Beginn einen Namen hatte, der an einen Rapper der 90er-Jahre erinnert. Real Snicko vereint die Slow-Motion-Bilder einer Aktion mit einer Schallkurve, die dann ausschlägt, wenn der Ball den Schläger oder Beinschoner trifft. Heute heisst die Technologie Ultra Edge.

Trotz all der technischen Hilfsmittel werden die Entscheide aber noch immer kontrovers diskutiert. Vor allem auch darum, weil die Spieler auf dem Feld nur 15 Sekunden Zeit haben, um eine «Challenge» zu nehmen. Dazu kommt, dass die Bilder bei TV-Übertragungen eingeblendet werden, ob sie nun auf dem Feld verlangt wurden oder nicht.

FootballChallenge ist nicht immer gut

Schon tief verankert ist der Videobeweis im Football. Eingeführt in den 80er-Jahren, können Schiedsrichter und Coaches heute in verschiedensten Spielsituationen eine Überprüfung anfordern. Doch das geht nicht immer gut.

In einer Partie 2017 verlangte der Coach der Chicago Bears im Spiel gegen die Green Bay Packers eine Challenge, weil er sicher war, dass sein Spieler Benny Cunningham die Pylone an der Touchdown-Linie berührt und somit einen Touchdown geschafft hatte. Die Videoschiedsrichter schauten sich die Szene nochmals an und merkten, dass Cunningham allerdings davor die Kontrolle über den Ball ­verloren hatte. Die Packers bekamen deshalb den Ball, punkteten in der Folge – und gewannen das Spiel.

Video: So funktioniert der VAR in der Super League

Schiedsrichter Sandro Schärer erklärt, wann das technische Hilfsmittel zum Einsatz kommt. (Video: Tamedia)

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