Zum Hauptinhalt springen

Jung, mutig und im Aufwind

Zwei Blockerinnen, ein Team: Anouk Vergé-Dépré und Joana Heid­rich haben ein Experiment gewagt – und bereits einiges erreicht. Ab heute spielen die beiden am Gstaad Major.

Die Formkurve zeigt bei Anouk Vergé-Dépré (rechts) und ­Joana Heidrich deutlich nach oben.
Die Formkurve zeigt bei Anouk Vergé-Dépré (rechts) und ­Joana Heidrich deutlich nach oben.
GettyImages

Diese Fragen! «Wo spiele ich den Ball hin? Wie reagiert meine Partnerin? Was ist genau meine Aufgabe auf dem Feld?» Als sich Anouk Vergé-Dépré im Winter daran machte, eine Defensivspielerin zu werden, war das in erster Linie mit viel Kopfarbeit verbunden. «Am Anfang lief nichts automatisch, alles war ja neu für mich», erklärt die Bernerin.

Seit 2011 hatte sie an der Seite Isabelle Forrers gespielt – am Block. Als die Ostschweizerin im letzten Herbst ebenso zurücktrat wie die Frutigerin Nadine Zumkehr, fehlten im Schweizer Nationalkader plötzlich zwei äusserst erfahrene Defensivspielerinnen. Was tun? Ein Experiment wagen!

Vergé-Dépré schloss sich mit Joana Heidrich zusammen, der ehemaligen Blockerin von Zumkehr. Weil die Zürcherin (1,90 m) fünf Zentimeter grösser ist, entschied sich die Bernerin, im Feld nach hinten zu rücken. «Wir sind ein Risiko eingegangen, es gab kaum Erfahrungswerte, da ein solcher Schritt bei den Frauen unüblich ist», hält Vergé-Dépré fest.

Mehr spielen als denken

Mittlerweile lässt sich festhalten: Das Experiment ist geglückt. Im Juni erreichten Heidrich/Vergé-Dépré am stark besetzten 3-Stern-Turnier in Den Haag Rang 2, vor Wochenfrist scheiterten sie am Major im kroatischen Porec denkbar knapp im Viertelfinal an den späteren Siegerinnen aus Kanada. «In den letzten eineinhalb Monaten haben wir besser zusammengefunden», sagt Heid­rich. Zu Beginn hätten sie und Vergé-Dépré sich häufig hinterfragt. «Nun sind wir so weit, dass wir das zeigen können, was wir uns angeeignet haben.»

«Am Anfang haben wir gesehen, dass unser Level sinkt, wenn wir nicht permanent miteinander reden.»

Anouk Vergé-Dépré

Diese These stützt Sebastian Beck, Cheftrainer der Schweizer Frauen. In einem Interview sagte er kürzlich, am Anfang hätten Heidrich/Vergé-Dépré vor allem «Beachvolleyball denken müssen, nun kommen sie immer öfter ins Spielen».

Vergleiche sie die Situation mit dem ersten Turnier in Fort Lauderdale (USA) im Februar, fühle sie sich in ihrer neuen Rolle weit besser, sagt Vergé-Dépré. «Mittlerweile kann ich mich wieder mehr auf meine Intuition verlassen.» Lob erhält die Bernerin von ihrer Teamkollegin. «Was sie in einem halben Jahr gelernt hat, ist der Wahnsinn», meint Heidrich.

Gleichwohl liegt es den beiden fern, sich mit den zuletzt positiven Resultaten zufriedenzugeben. «Wir haben noch viel Potenzial», sagt Vergé-Dépré. «Es gibt nach wie vor viel zu tun. Aber dass wir mit den Besten mithalten können, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind», hält Heidrich fest. Und: Es gibt sogar Vorteile in der neuen Teamkonstellation. Die Tatsache, dass beide am Block agieren können, macht ihr Spiel variabler. Bereits öfter zog es Vergé-Dépré nach vorne ans Netz, um Gegnerinnen zu verwirren.

Verändert hat sich für die beiden 25-jährigen Frauen nicht nur die sportliche Rollenverteilung. Anders als früher, als Heidrich mit Zumkehr und Vergé-Dépré mit Forrer routinierte Partnerinnen an ihrer Seite hatten, ist die Hierarchie nun nicht mehr klar geregelt. «Wir helfen uns gegenseitig», sagt Heidrich. «Wir haben keine klare Chefrolle definiert. Aber ich finde, das ist eher ein Vorteil, weil du so mehr machen, mehr mitdenken musst.»

«Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, nicht zu weit nach vorne zu blicken.»

Anouk Vérgé-Depré

Unerlässlich sei die Kommunikation, betont Vergé-Dépré. «Am Anfang haben wir gesehen, dass unser Level sinkt, wenn wir nicht permanent miteinander reden.» Es brauche Zeit, bis man wisse, wie jemand in gewissen Situationen reagiere, sagt Heidrich. Die beiden sprechen von einem Prozess, der nie abgeschlossen sein werde – weil sich die Umstände während einer Partie rasch ändern können.

Die Frauen geben den Ton an

Ab heute stehen Heidrich/Vergé-Dépré in Gstaad im Einsatz. Es ist der Start in die wichtigste Saisonphase: Ende Juli beginnt in Wien die Weltmeisterschaft. Das Turnier im Saanenland gilt als wichtige Standortbestimmung.

Derzeit sind die Frauen das Aushängeschild von Swiss Volley: Neben der Zürcherin und der Bernerin figuriert mit Tanja Hüberli/Nina Betschart ein weiteres Team in den Top 20 der Weltrangliste, beide Duos haben sich für die WM qualifiziert. Bei den Männern hingegen werden die Titelkämpfe nach dem grossen Umbruch und diversen Rücktritten erstmals überhaupt ohne Schweizer Beteiligung stattfinden.

Mit der WM jedoch mögen sich Heidrich und Vergé-Dépré noch nicht auseinandersetzen. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, nicht zu weit nach vorne zu blicken», meint die Defensivspielerin. Also liegt ihr Fokus nun ganz auf dem Heimauftritt. Wie üblich auf der World Tour streben die beiden einen Platz in den Top 10 an, welcher mit der Achtelfinalqualifikation erreicht wäre. «Wir wollen an unseren letzten Leistungen anknüpfen», sagt Vergé-Dépré. «Gelingt uns das, kann es für sehr viel reichen.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch