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Mit den Pfeilen hat sie den Bogen raus

Fiona Gaylor verzichtet aufs Training und wirft Second-Hand-Pfeile. Trotzdem wurde sie Darts-Europameisterin.

Mit Occasionspfeilen, aber feinen Händen zum Triumph: Europameisterin Fiona Gaylor. Foto: Michele Limina
Mit Occasionspfeilen, aber feinen Händen zum Triumph: Europameisterin Fiona Gaylor. Foto: Michele Limina

Seit Stunden sehnt sie sich nach diesem Moment. Nach dieser Ruhe. Die vielen Eindrücke waren anstrengend. Morgens um zwei Uhr sitzt Fiona Gaylor auf dem Hotelbett. Im Video sieht sie sich Stunden zuvor bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: Darts. Nicht ­irgendwo, sondern auf der EM-Bühne. Nicht in irgendeinem Qualifikationsspiel, sondern im Final.

Die 36-Jährige sieht, wie ihr der Start missrät. Wie sie ihre Gegnerin im Anschluss dominiert. Wie sie gegen Ende nochmals schwächelt. Wie der Schiedsrichter sie zu früh als Europameisterin ausruft, weil er einen falschen Modus im Kopf hat. Wie sie cool bleibt und es dann doch wird: Europameisterin. Sie kneift sich. Kein Traum.

Einige Tage später steht Gaylor im mässig ausgeleuchteten Keller eines Winterthurer Pubs und spricht von grossen Gefühlen, Stolz und Unglaube. Als ihre Entourage auf die Bühne stürmte, fragte sie, ob sie wirklich gewonnen habe. Schliesslich war sie als Aussenseiterin nach Budapest gereist. «Als absolute Aussenseiterin», schiebt sie nach, um die Sensation zu unterstreichen. Ihre Klassierung in der Weltrangliste kennt sie nicht. «Irgendwo zwischen 2500 und 3500», sagt sie und lacht.

Grosser Empfang

Selbst der Präsident des nationalen Darts-Verbands war am Flughafen, als Gaylor zurückkehrte. Ihr EM-Titel markiert den grössten ­Erfolg in der 37-jährigen Verbandsgeschichte. Damit diese historische Neuigkeit auch ja gewürdigt wird, kontaktierte Gaylors Schwester mehrere Redaktionen im Raum Winterthur und hinterliess die Telefonnummer der Europameisterin.

Aus der alten Stereoanlage dröhnt der Depeche-Mode-Klassiker «Enjoy the Silence». Mit der Ruhe ist es für Gaylor aber vorerst vorbei. «Wobei», sagt sie, «der Rummel ist nicht mit jenem nach einem PDC-Titelgewinn zu vergleichen.»

Im Darts gibt es nämlich zwei Weltverbände. Die Professional Darts Corporation (PDC) sowie die World Darts Federation (WDF). Die Verbände trennen Welten. Die WM, die die PDC im Londoner Alexandra Palace austrägt, ist vielbeachtet und feuchtfröhlich. Eine Symbiose aus Oktoberfest und Karneval. WDF-Events wie die EM in Ungarn sind Schattenveranstaltungen, es mangelt an Zuschauern und Stimmung. Viele PDC-Spieler sind Profis, haben Sponsoren, verdienen gutes Geld. WDF-Spieler sind höchstens Halbprofis.

Im Keller eines Winterthurer Pubs: Fiona Gaylor. Foto: Michele Limina
Im Keller eines Winterthurer Pubs: Fiona Gaylor. Foto: Michele Limina

Gaylor ist nicht einmal das. Für die Unkosten, die ihr ihr Hobby beschert, kommt sie selbst auf. Der Verband finanzierte nur einen Teil des EM-Abenteuers, Preisgeld gab es keines. «Es ist nicht immer einfach», sagt Gaylor und blickt auf ihre Pfeile. Sie sind aus zweiter Hand, die Flügel am Ende des Schaftes ramponiert. Es sind die Pfeile, mit denen sie in Budapest triumphierte.

Ihr Arbeitgeber blockt ab

Nicht selten lässt sie Turniere aus, weil die Auslagen zu hoch wären. Sie konzentriert sich deshalb auf Turniere in der Schweiz. Diese geben Punkte für die nationale Rangliste. Und nur solange sie dort unter den besten acht klassiert ist, bleibt sie im Nationalteam und somit Kandidatin für weitere Welt- und Europameisterschaften.

«Wobei», sagt Gaylor erneut, «gegenwärtig findet in England die Qualifikation für die nächste WM statt. Ohne mich.» Gaylor fehlt nicht nur des finanziellen Aufwands wegen, sondern auch, weil der Arbeitgeber ihren Wünschen für Absenzen nicht nachkommen konnte.

Gaylor arbeitet im 80-Prozent-Pensum in einem Altersheim. Natürlich sind sie da ziemlich stolz auf ihre neue Europameisterin. Der Heimleiter überbrachte Blumen, am Eingang prangt ein Gratulationsplakat. Nichtsdestotrotz stehen Gaylor pro Monat nur zwei freie Wochenenden zu, was die Turnierplanung nicht minder kompliziert macht. «Ich würde gerne mehr internationale Auftritte haben. Aber eben: Es liegt nicht drin», sagt sie leicht desillusioniert und nippt an ihrer Cola. Vielleicht komme ja demnächst ­jemand auf sie zu. Mit jemandem meint sie einen Sponsor.

Zwei Jahre bis zum Nationalteam

Es ist noch nicht so lange her, da schien ein Sponsorenvertrag utopisch. Zwar lagen zwischen dem Aushang, der sie 2006 auf das Spiel mit den Pfeilen aufmerksam machte, und der erstmaligen Nomination für die Nationalmannschaft nur zwei Jahre. Doch das war im E-Dart, am Automaten also. Zum Steeldart, der Königsklasse, fand sie 2010. Auch da gehörte sie bald zu den Besten. Das interessiert in einem Land, wo es nur gegen 40 aktive Spielerinnen gibt, aber wenig. Es sind die internationalen Erfolge, die Aufmerksamkeit generieren. Erfolge wie Gaylors EM-Titel.

Wenn die Winterthurerin über sich und ihre Leidenschaft spricht, tut sie das so, wie sie Pfeile wirft: ruhig und bedachtsam. Sie wisse nicht, wohin ihr Weg nun führe. «Ich will einfach die Freude am Darts wahren.» Denn es gab mal eine Zeit, in der sie zu oft spielte, die Begeisterung verlor. Sie reagierte und trainiert seitdem nicht mehr. Auch so kann man es zur Europameisterin bringen.

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