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Optimistischer Grenzgänger

Am Wochenende treffen sich die nordischen Skisportler im Rahmen des Weltcups in Kuusamo (Fi). Geführt werden die helvetischen Langläufer und Kombinierer von einem Olympiasieger – dem 43-jährigen Hippolyt Kempf.

Wer sich mit Hippolyt Kempf über Sport unterhält, wird den Rest des Tages gut gelaunt angehen. Der 43-jährige Luzerner sprüht vor Enthusiasmus, wenn er über seine Jobs und die damit verbundenen Herausforderungen spricht. Hauptberuflich amtet der Ökonom mit Doktortitel als Leiter der Abteilung Sport und Wirtschaft im Bundesamt für Sport (Baspo). Bei Swiss-Ski ist der in Thun wohnhafte Familienvater seit acht Jahren als Chef nordische Kombination engagiert – jener Disziplin, in welcher er 1988 in Calgary Olympiasieger wurde. Nach internen Turbulenzen, die im Abgang Adriano Iseppis gipfelten, hat er im Sommer auch die Führung der Langläufer übernommen.

Ist von seinem Arbeitspensum die Rede, will er nichts von Überlastungsgefahr wissen. Insgesamt führe er etwa dreissig Personen, was einem KMU entspreche – «im Vergleich mit dem CEO von Nestlé bin ich ein kleiner Fisch». Seinen Athleten traut er oft mehr zu, als sie erreichen, halb leer ist sein Glas nie. Der Optimismus ist treuer Begleiter des Innerschweizers, was vorab auf dessen Vergangenheit beruht. «Wer als 14-Jähriger aus dem Kader geworfen wird, weil er angeblich zu wenig talentiert ist, sich daraufhin entscheidet, die Kantonsschule zu verlassen und seinen Goldmedaillentraum an einem österreichischen Skigymnasium weiterzuleben, der muss über eine positive Grundhaltung verfügen.»

Wider jegliche Normen

Schräg angeschaut sei er damals geworden, weil er einen Weg wider die Schweizer Normen beschritten, im fernen Stams ein nichtschweizerisches Maturitätszertifikat erworben, als 20-Jähriger dreissig Stunden pro Woche trainiert und sich zum Berufssportler erklärt hatte. «Willst du weltweit der Beste werden, musst du Dinge tun, die für andere nicht nachvollziehbar sind.» Er sei seinen Gefühlen gefolgt, habe 1988 vor Olympia trotz Vorbehalten seitens des Betreuerstabs eine Woche in der Höhe verbracht und sich dabei stets am oder über dem Limit bewegt. Diese Trainingsform ist heute als «Motorblock» bekannt und fixer Bestandteil des Programms von Ausdauersportlern. Akzeptanz für derartige Experimente sei keine vorhanden gewesen, sagt Kempf, sich bestens an jene Leute erinnernd, «die dachten, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank». Er wog bei einer Grösse von 1,80 Metern lediglich 66 Kilo, war oft angeschlagen oder krank. Nach Calgary sei er «nudelfertig» gewesen, die Energie war aufgebraucht. Er hatte im Hinblick auf die Winterspiele alles auf eine Karte gesetzt und das Trumpfass gezogen.

Es waren mitunter die in Folge des Goldmedaillengewinns gemachten Erfahrungen, welche Kempf dazu bewogen, das Amt bei den Langläufern anzutreten – «einen Job, den ich nicht gesucht hatte». Innert zweier Jahre sei er «medial hinaufgespült worden, von null auf hundert gerast». An der Wahl zum Sportler des Jahres habe er sich neben Grössen wie Pirmin Zurbriggen und Jakob Hlasek wiedergefunden «und diese sogar noch ausgestochen». Dario Cologna befinde sich derzeit in einer vergleichbaren Situation und sei deshalb auf Stabilität im Umfeld angewiesen. Letzteres suchte man im helvetischen Langlaufsport zuletzt vergeblich; kaum ein Jahr ging ohne markante personelle Veränderungen vorüber.

Selbstvertrauen und Demut

Kempf kennt die Gründe, welche primär struktureller Natur sind und mit der «für mich hoch interessanten» Ökonomisierung des nordischen Skisports zusammenhängen (vgl. unten stehender Text). Im Engadiner Cologna erkennt der Luzerner ein Abbild seiner selbst, wenngleich er dies niemals so sagen würde. Stattdessen lässt er verlauten, der Weltcup-Gewinner verfüge über eine optimale Mischung aus Selbstvertrauen und Demut. «Er ist von sich überzeugt, weiss aber ganz genau, wann er auf die Bremse stehen muss.» Cologna und sein Trainer, der Norweger Fredrik Aukland, arbeiten ebenfalls häufig experimentell. «Das ist für mich enorm spannend, weil sie ein viel grösseres Wissen haben als ich damals», sagt Kempf.

Dessen Amtsdauer bei den Langläufern ist auf ein Jahr begrenzt, sein Pensum beim Baspo hat er derweil von 80 auf 50 Prozent reduziert. Es gelte, die Dynamik im Männerteam aufrechtzuerhalten, bei den Frauen einen Schritt vorwärts zu kommen und die Strukturen zu überdenken. «An Colognas Beispiel zeigt sich, dass sich auch für die nordischen Skidisziplinen Begeisterung entfachen lässt», sagt der Luzerner. Und die Augen funkeln.

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