Rücktritt: König Sempach hört auf seinen Körper

Das Berner «Kantonale» vom Sonntag hätte zum Saisonhöhepunkt für Matthias Sempach werden sollen. Zwei Tage vor dem Fest erklärt der Schwingerkönig aus gesundheitlichen Gründen den Rücktritt.

Matthias Sempach tritt per sofort vom Schwingsport zurück. Die Gründe erklärt er im Interview. Video: SDA/Tamedia

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Utzenstorf, Dorfeinfahrt. Matthias Sempach stemmt die Hände in die Hüften und blickt grimmig in Richtung Remo Käser. Utzenstorf, einige Kurven ­später. Matthias Sempach verschränkt die Arme und lacht. Daneben steht ein Zitat: «D’Natur isch bi mir Chönig.» Utzenstorf, Schwingarena. Matthias Sempach sitzt im Sägemehlring auf einer Holzbank, kämpft um Worte und gegen die Tränen.

Der erste Sempach posiert auf einem Poster des Bernisch-Kantonalen Schwingfests. Der zweite wirbt auf einem Plakat für die Vereinigung IP Suisse. Der dritte Sempach, der echte, erklärt seinen Rücktritt. «Schwingen», sagt er am Freitag vor dem Mittag, die Haltung kontrolliert, die Stimme zittrig, «Schwingen war viele Jahre lang das Wichtigste in meinem Leben. Aber mein Körper macht nicht mehr mit.»

Sichtlich gerührt: Matthias Sempach gab an einer Medienkonferenz vor dem Bernisch Kantonalen Schwingfest in Utzenstorf den Rücktritt bekannt. Video: SDA

Sempachs Ankündigung unter der Sonne von Utzenstorf kommt nicht aus heiterem Himmel, aber doch überraschend. Zwar hat der Schwingerkönig seit 2015 fast häufiger mit Verletzungen statt mit Gegnern gekämpft, und doch hielt er immer am Ziel fest, mindestens bis zum «Eidgenössischen» 2019 zu schwingen. Die jüngsten Vorfälle haben ihn zum Umdenken bewogen.

Entscheid und Emotionen

Nach längerer Pause wegen eines Bandscheibenvorfalls gibt Sempach Anfang Juli am «Innerschweizerischen» sein Comeback und verpasst den Kranz. Danach verspürt er Nackenprobleme und erlebt am Regionalfest in Fankhaus zweierlei Prägendes. Einerseits bleibt er deutlich unter seinem früheren Rendement. Anderseits wird sein Freund Mat­thias Siegenthaler verabschiedet, ein Schwinger aus der goldenen Berner Generation, zu der auch Sempach zählt. Beim Alchenstorfer reift der Gedanke an den Rücktritt, zumal ihm die linke Schulter Probleme bereitet.

«In den letzten Tagen hat es mich immer wieder durchgeschüttelt.»Matthias Sempach

Eine MRI-Untersuchung bringt Gewissheit: Sempach hat erneut einen Bandscheibenvorfall erlitten. Betroffen sind die Halswirbel. Sein Vertrauensarzt Matthias Zumstein rät ihm, die Karriere zu beenden, ansonsten drohe die Sportinvalidität. Am Montag fällt der Entscheid, es fliessen Tränen. «In den letzten Tagen hat es mich immer wieder durchgeschüttelt», erzählt Sempach. Peter Schmutz, der technische Leiter der Berner, versucht den Schwingerkönig gar umzustimmen. Vergeblich. «Ich kann den Entscheid nachvollziehen, auch wenn ich ihn sehr bedaure», sagt Schmutz.

Am Dienstag und Mittwoch informiert Sempach, ganz der Profi, in einer Art Tour de Suisse mit Manager Roger Fuchs die Sponsoren. Die schwierigsten Gespräche aber sind jene mit seinen Schwingerfreunden. Mitte Woche erkundigt sich Kilian Wenger bei Sempach nach dem Befinden, am Ende des Gesprächs weinen beide. Remo Käser, der zu Clubkollege Sempach seit je ein enges Verhältnis pflegt, trifft es derart hart, dass er sich vor dem «Kantonalen» nicht dazu äussern möchte. Er schreibt in einer SMS: «Es ist für mich sehr emotional.»

Titel und Träume

Sempach blickt auf eine eindrückliche Karriere zurück: Der Königstitel 2013 und der Kilchberg-Sieg 2014 ragen heraus. Den Sieg über Christian Stucki im Schlussgang des «Eidgenössischen» 2013 in Burgdorf, seinen Freund und Konkurrenten seit Jungschwingertagen, bezeichnet er als den grössten. «Stucki ist eine Riesenpersönlichkeit. Dass ich ihn im wichtigsten Gang meiner Karriere besiegen konnte, das macht mich stolz», sagt er. Die Zahlen 106 (Kränze) und 36 (Kranzfestsiege) belegen seine Konstanz auf höchstem Niveau.

Empfang nach dem Karrierehöhepunkt: Sempach in seinem Heimatdorf Alchenstorf nach dem Sieg am Eidgenössischen 2013

Nun tritt er mit 32 Jahren zurück. «Seit ich 18 Jahre alt bin, habe ich professionell trainiert. Ich spürte, ich kann die Nummer eins werden. Doch genau dieses Gefühl habe ich seit einiger Zeit nicht mehr.» Mit dem Gewinn des Königstitels habe er sich einen seiner beiden Träume erfüllen können. «Der zweite ist, einmal selbstständig einen Landwirtschaftsbetrieb zu führen.»

Am Sonntag wird der zweifache Vater in Utzenstorf vor über 10 000 Zuschauern symbolisch seine Schwingerhose an den Nagel hängen – nahe seiner Heimat, und nahe dem Ort seines grössten Triumphs. «Ich verspüre Erleichterung und Dankbarkeit. Es ist gut, wie es ist», sagt Sempach. «Das hier soll keine Trauerveranstaltung sein.» Der König lacht. Wie auf dem Plakat. Er ist mit sich im Reinen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 10.08.2018, 09:37 Uhr

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