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Sprüche klopfen, Leviten lesen

Am «Emmentalischen» kommt Brünig-Sieger Thomas Sempach in den Genuss eines Heimspiels. Am Sägemehlring wird ihn Mentaltrainer Hanspeter Latour anfeuern. Der einstige Fussballtrainer hat ebenfalls Leistung abzuliefern.

Anstacheln und herumalbern: Hanspeter Latour (rechts) gibt als Mentaltrainer Thomas Sempach den Tarif durch. Auf dem Festgelände in Heimenschwand hat aber der Spass Priorität.
Anstacheln und herumalbern: Hanspeter Latour (rechts) gibt als Mentaltrainer Thomas Sempach den Tarif durch. Auf dem Festgelände in Heimenschwand hat aber der Spass Priorität.
Andreas Blatter

Es ist Spätsommer 2010, als Samuel Feller seinen letzten Joker zieht. Kurz vor dem «Eidgenössischen» in Frauenfeld verlangt der damalige technische Leiter der Berner Equipe nach Hanspeter Latour. Der Fussballfachmann soll die Schwinger so richtig anstacheln. Latour fährt nach Bumbach, steht in einem kleinen, dunklen Sääli vor «au dene morz Fätzänä» und fühlt sich wie «ein kleines, schwaches Manndli». Mit seinen Worten, seinen Symbolen, seinen Denkweisen aber trifft er den Nerv vieler Hünen, die so begeistert sind, dass sie Latour gleich nach Frauenfeld einladen.

Vor Ort erlebt der langjährige Thun- und einstige Bundesliga-Trainer den Erfolg Kilian Wengers, der als erster Berner seit 1992 Schwingerkönig wird. Und er sieht, wie der Heimenschwander Thomas Sempach starker Vierter wird. Dieser ist begeistert von Latour, zur Zusammenarbeit aber kommt es erst zwei Jahre später. Sempach hilft im Garten des Oberländers bei Umbauarbeiten, danach machen die beiden Nägel mit Köpfen.

Budi, der Antreiber

Latour sei sein Mentaltrainer, sagt Thomas Sempach. «Wir machen keine professionellen Seminare oder sonstigen Hokuspokus, tauschen uns aber oft in ungezwungener Umgebung aus.» Sein 69-jähriger Betreuer spricht von einer etwas ungewöhnlichen Vorgehensweise. «Bei uns entsteht vieles aus dem freundschaft­lichen Gespräch heraus. Viele Sprüche werden geklopft. Gerade deshalb funktioniert es so gut.» Latour mag seinen Einfluss nicht überbewerten, erwähnt die zwei, drei letzten Prozent, welche er herauskitzeln könne. «Budi ist mein Antreiber», meint Sempach kurz und knapp.

Wer Athleten und Coach beim gemütlichen Zusammensitzen beobachtet, wird rasch feststellen, wie gut sie sich verstehen. Wenngleich sie längst nicht immer gleicher Meinung sind. «Für Thömu sind der Schwingerstolz, die Fairness zentral. Bei mir steht der Sieg im Vordergrund», sagt Latour. Ein Kranz sei eine schöne Sache. «Aber mal ehrlich, davon hängen doch genug an der Decke. Man geht doch nicht ans Schwingfest, um bloss den Kranz zu holen. Mich dünkt es, es dürfte manchmal ein wenig mehr sein», sagt Latour schmunzelnd, derweil Sempach lacht und erzählt, er sei eher der brave, zurückhaltende Typ.

«Thömu», der Zurückhaltende

Es ist seine Bescheidenheit, die Thomas Sempach so sympathisch erscheinen lässt. Latour meint, dieses «in den Hintergrund treten» liege in der Familie. Mittels einer Anekdote versucht er das Ganze zu präzisieren: «Nachdem ein Berner Spitzenschwinger an einem Kranzfest mit einem eher unbekannten Gegner eingeteilt worden war, sagte Thömus Vater Urs mit abwinkender Handbewegung zu mir, das sei ein Freilos.

Einen Gang später musste dann Thömu gegen diesen Schwinger ran. Ich ging also zu Urs und meinte, da müsse nun ein 10 her. Und was kriegte ich zu hören? ‹Es Zähni – jä spinnsch de du? Gägene settige Steubock, da chasch chum zieh, das wird nüt. Dä hett scho gäg mänge guete Cheib gsteut, ä Verrecktere hättä sie ihm nid chönne gäh!›»

Immer mal wieder lese ihm ­Latour gehörig die Leviten, hält Thomas Sempach fest. So war es etwa, nachdem er einst an einem Fest gegen einen Innerschweizer 135-Kilo-Brocken kaum ziehen konnte, weil dieser viel zu enge Hosen trug. «Ich beschwerte mich nicht, weil ich kein Theater machen wollte. Aber unter diesen Umständen konnte ich den Gang nur verlieren. Ich kriegte danach von Budi gewaltig aufs Dach.»

Latour sagt, während des Fests müsse sich der Athlet in einem Tunnel befinden, «da geht es nicht, 100 Hände zu schütteln und jedem einen schönen Tag zu wünschen». Den Nuggi rausgehauen habe es ihm am «Bernisch-Kantonalen» 2013 in Niederscherli. «Als die Lebendpreise vorgestellt wurden, ging ein ‹Gusti› ab. Wer wohl sprang ihm nach und fing es ab? In der Zeitung las ich nicht, der Sempach habe das ‹Kantonale› gewonnen. Ich las, er habe das ‹Gusti› gefangen. Dabei war das doch egal, das ‹Gusti› hätte von mir aus bis nach Bern springen können.»

Derweil sich die Zuhörer vor Lachen kaum einkriegen, wendet Sempach ein, er habe als Feuerwehrmann nun mal an die Sicherheit der Zuschauer gedacht. «Ich stand gerade in der Nähe», sagt der Sennenschwinger, derweil ihn Latour unterbricht: «Chabis, du warst hinter der Tribüne. Glauben Sie wirklich, ein anderer Spitzenschwinger hätte das ‹Gusti› eingefangen? Das kann ich mir nicht vorstellen.»

(K)eine Frage des Geldes

Er übertreibe gerne, gesteht Latour, «aber damit will ich den Athleten anstacheln. Thömu ist sehr kritikfähig, ein anderer hätte mich schon lange weggeschickt.» Der Routinier gilt in der Berner Schwingerequipe als Schattenmann; wenngleich er zu den Leadern gehört und auf der Schwägalp (2008) sowie auf dem Brünig (2016) triumphiert hat, wird meist von vier, fünf anderen gesprochen. Was dem dreifachen «Eidgenossen» nichts ausmacht, «als Schwingerkönig würde ich mich wohl gar nicht wohl fühlen».

Mit 20 habe er nicht im Traum daran gedacht, zwölf Jahre später noch immer aktiv zu sein, meint Thomas Sempach, der Cousin zweiten Grades von Matthias Sempach. Zu fragil war der Körper, das Verletzungsbulletin ist Beleg hierfür. Zwei Kreuzbandrisse, zwei ausgerenkte Kniescheiben, eine Schulteroperation, eine komplexe Fussgelenkblessur – mehr als drei Saisons hat er verletzungsbedingt verpasst. Besser wurde es erst ab 2010, als er die Trainingsprogramme von Thomas Stauffer, dem Cheftrainer des Schweizer Skiteams, gestalten liess. «Vorher hatte ich dies und das gemacht, aber nichts nach System.»

An die Wettkämpfe begleitet ihn Hanspeter Latour unregelmässig. Doch ist er vor Ort, fiebert er mit, regt sich über Kampfrichterentscheide auf («ich war ja auch im Fussball ein Soucheib, beschwerte mich oft bei den Schiedsrichtern»). Ohnehin dürfe er sich auf dem Schwingplatz nicht zu wichtig nehmen, bekräftigt der Oberländer. «Ich habe schliesslich nie geschwungen.» Gewiss wichtig sein wird Latour am «Emmentalischen» vom Wochenende in Heimenschwand; am Samstag wird er durch den volkstümlichen Unterhaltungsabend führen. «Da werde ich noch stärker unter Druck sein als Thömu im Sägemehl.»

Bleibt zum Schluss die Frage, inwiefern Latour von Sempach entschädigt wird. Beide lachen laut – und als der Schwinger zur Erklärung ansetzen will, fällt ihm der Kulttrainer ins Wort: «Thömu, iz muesch ufpasse u sägä, i sig e füürchterlech tüüre Cheib. Süsch chunnt da jede vrbi u wott o öppis!»

Bernerzeitung.ch berichtet am Sonntag ab 8 Uhr live vom «Emmentalischen» in Heimenschwand.

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