Strampeln gegen Pferdestärke – ein ungleiches Duell

Der ehemalige Radprofi Franco Marvulli misst sich auf der Pferderennbahn Dielsdorf mit einem Pferd.

Sah sich als Aussenseiter, ehe er die schnelle Autospur entdeckte: Franco Marvulli enteilt seiner vierbeinigen Konkurrenz. (Bild: Samuel Schalch)

Sah sich als Aussenseiter, ehe er die schnelle Autospur entdeckte: Franco Marvulli enteilt seiner vierbeinigen Konkurrenz. (Bild: Samuel Schalch)

Ein kleines weisses Zelt hatten sie ihm hingestellt, die Veranstalter der Pferderennen in Dielsdorf. Gleich unter dem Tribünenrestaurant «Hü!» und neben dem Essensstand «Doggy Style», der die Umgebung mit Grillemissionen einnebelte. Unter dieser olfaktorischen Belastung strampelte er sich ab. Er, der ehemalige Radprofi Franco Marvulli, vierfacher Weltmeister auf der Bahn und Silbermedaillengewinner an den Olympischen Spielen 2004, ist inzwischen 40 Jahre alt.

Stunden zuvor hatte der Zürcher in Basel noch den Frauenlauf als Moderator begleitet, unter anderem so verdient er sein Brot nach der Karriere. Für die Siegerehrung gab er das Mikrofon ab, um es rechtzeitig nach Dielsdorf zu schaffen – wo eine neue Erfahrung auf ihn wartete: ein Duell Mensch gegen Tier, er als Radfahrer gegen ein Pferd.

Der Rennverein Zürich hatte Marvulli für die Saisoneröffnung engagiert, klassische Öffentlichkeitsarbeit, wie es einst auch die Kamelrennen vor vielen Jahren waren, mit dem Ziel, Leute auf die Rennbahn zu bringen. Und der Zuschaueraufmarsch hatte Einfluss auf Marvulli. Seit fünf Jahren habe er keine Nervosität mehr verspürt, er habe Respekt davor gehabt, sang- und klanglos unterzugehen gegen den achtjährigen Wallach Bombastic du Merle.

Die Karotte als Ass im Ärmel

Deswegen also strampelte er sich zum Aufwärmen auf dieser Rolle ab, in diesem kleinen weissen Zelt, professionell wie zu seinen Zeiten als Radprofi, umhüllt von diesem unsäglichen Rauch, ­beschallt von einer Tambouren­gruppe und einer Blaskapelle, die Frank Sinatras Evergreen «New York, New York» spielte.

Der Rennverein hatte sich für das Duell einen Modus überlegt, der das Rennen einigermassen ausgeglichen gestalten sollte: Marvulli legt einen fliegenden Start hin und muss 400 Meter zurücklegen, während das Pferd eine Strecke von 500 Metern zu bewältigen hat. Zudem wird das Pferd nicht geritten, sondern bildet mit seinem Besitzer Heiner Bracher ein Trabgespann. Das heisst, dass es nur trabt und nicht galoppiert.

Als Marvulli mit dem 7,5 Kilogramm schweren Querrad auf der Bahn trainiert hatte, waren die Bedingungen trocken gewesen, was dem Radfahrer zugute kam. Vor dem Rennen aber hatte es zwei Tage geregnet; der ­Rasen war so tief, dass Marvulli beim Einfahren den Teil des Reifens, der den Boden berührt, vor lauter Gras nicht sehen konnte.

Wie sollte man unter diesen Bedingungen ein Tier in Schach halten können, das um ein Vielfaches mehr Kraft hat als ein Mensch? Nicht einmal Marvullis Lebenspartnerin setzte in den Wettbüros auch nur einen Franken auf ihren Gefährten. Und als ein Zuschauer ihm beim Einfahren sagt, er habe Geld auf ihn ­gewettet, antwortet Marvulli: «Ich hoffe einfach sehr, Sie ­haben nicht Ihr ganzes Haus und Hab und Gut auf mich gesetzt.»

Immer wieder sagt er im Scherz, dass er in einer Tasche eine ­Karotte mitführe, die er zur Ablenkung des Pferdes auf die Bahn werfen könne. Die Speakerin ­bittet er, ihn als Underdog anzupreisen. Es ist offensichtlich: Marvulli gibt sich kaum eine Chance – bis ihm auf den ersten Metern des Rennens die zündende Idee kommt.

Hilfe von den Grasshoppers?

Auf der Aussenseite der Bahn, dort, wo die Pferde den Boden nicht zu stark beschädigen, entdeckt er die Reifenspur eines Autos. Und er denkt sich: Darauf muss ich fahren. Die Idee ist gut, sehr gut sogar. Und weil der ­Wallach beim Start Mühe hat, ­gewinnt Marvulli das Rennen derart deutlich, dass keiner der Anwesenden auch nur einen Moment der Spannung erlebt hätte.

Diese PR-Aktion wird also kaum noch einmal Leute nach Dielsdorf locken. Aber vielleicht bekommt die Pferderennbahn bei der Akquise neuer Gäste bald Hilfe aus der Nachbarschaft: Keine hundert Meter entfernt liegt das Trainingszentrum der Fussballabteilung der Grasshoppers. Und deren Zuschauer werden sich nach dem bevorstehenden Abstieg vielleicht nach sonntäglichen Alternativen umsehen.

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