US-Turnskandal: Jetzt geht es dem Verband an den Kragen

Weil USA Gymnastics im Missbrauchsskandal zu lasch gehandelt hat, soll der Verband aufgelöst werden. Die Opfer applaudieren.

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David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Es war ein letzter Augenblick im Sonnenschein. Am Montagmittag verschickte der amerikanische Turnverband USA Gymnastics (USAG) einen Tweet, in dem er sich an die Leistungen von Simone Biles an der WM in Doha erinnert, an die sechs Medaillen, die vier goldenen, und an die Höchstschwierigkeit am Sprung, die nun nach dem Turnwunder aus Texas benannt werden wird.

Dann wurde es 17 Uhr an der US-Ostküste, als eine Mitteilung des nationalen Olympischen Komitees (USOC) versandt wurde. Brisanter Inhalt: Das USOC will USAG die Berechtigung entziehen, den Turnsport in den USA zu repräsentieren und zu organisieren. Anders gesagt: Der Turnverband ist am Ende. «Death penalty», nennen das die Amerikaner, «Todesstrafe». Laut Mitteilung hat er die Gelegenheit, freiwillig aufzugeben. Andernfalls wird das USOC den Prozess zur Auflösung einleiten.

Grund für die drastische Massnahme sind die anhaltenden Schwierigkeiten von USAG, den Missbrauchsfall Larry Nassar adäquat aufzuarbeiten. Der frühere Chefarzt des Verbandes wurde im Januar zu mehr als 300 Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er sich während vieler Jahre an über 350 Turnerinnen vergriffen und auf seinem Computer kinderpornografisches Material im grossen Stil gespeichert hatte. Auch Simone Biles gehört zu den Opfern.

Im spektakulären Gerichtsfall traten über 150 der missbrauchten Frauen auf, um sich direkt an ihren Peiniger zu wenden. Manche von ihnen gaben aber auch klar dem Turnverband sowie der Michigan State University Schuld (MSU), bei der Nassar als Osteopath tätig gewesen war. Die beiden Institutionen hätten viel zu lange zugesehen und seien mit Hinweisen und Verdachtsmomenten allzu lasch umgegangen, sagte Olympiasiegerin Aly Raisman, eines der Opfer. «Ihr habt genug Gelegenheiten gehabt, Nassar zu stoppen. Er hätte schon vor langer, langer Zeit weggesperrt gehört.» Die MSU verpflichtete sich später, den Opfern insgesamt 500 Millionen Dollar Entschädigungen zu zahlen.

Die Probleme häuften sich

Bei USA Gymnastics dagegen gab es kaum Bewegung. Geschäftsführerin Kerry Perry tauchte unter und verweigerte Kritikern wie Raisman genauso das Gespräch wie den Medien – obschon sich Sponsoren nach und nach abwandten. Im September musste Perry schliesslich gehen, doch ihre Nachfolgerin Mary Bono machte es noch schlechter und war nach nur vier Tagen schon wieder weg – sie hatte sich abschätzig über Colin Kaepernick geäussert, den Footballer und Nike-Athleten, der prominent gegen Polizeigewalt protestiert. Seit ihrem Abgang ist der Verband endgültig führungslos.

«Wir glauben nicht mehr daran, dass USA Gymnastics die Herausforderungen meistert, die sich der Organisation stellen. Sie ist damit überfordert und strauchelt stattdessen immer weiter», schreibt nun Sarah Hirshland, Geschäftsführerin des amerikanischen Olympischen Komitees und kündigt die Guillotine an: «Noch vor wenigen Wochen haben wir gehofft, dass ein anderer Weg möglich ist. Aber jetzt glauben wir nicht mehr daran. Das Kunstturnen in den USA hat Besseres verdient als diesen Verband.»

«DANKE!»

Bei den Opfern des Missbrauchsskandals kommt der Schritt gut an. «DANKE», schrieb die frühere Spitzenturnerin Rachael Denhollander auf Twitter, deren Anzeige gegen Nassar im August 2016 den Fall ins Rollen gebracht hatte. «Es ist höchste Zeit, dass diese Organisation durch eine abgelöst wird, die sich auch tatsächlich um die Sicherheit der Athleten kümmert.»

Wie lange der Auflösungsprozess dauert, ist offen, selbst Hirshland kann dazu keine Angaben machen. Es bleiben auch daneben viele weitere Fragezeichen. Was geschieht mit den Trainern, die von USA Gymnastics beschäftigt sind und laufende Verträge haben? Was mit den Turnern und Turnerinnen, die eben eine WM hinter sich und den Blick bereits Richtung Tokio 2020 gerichtet haben? Was mit den vielen Talenten, die dezentral in zahlreichen Trainingszentren ausgebildet werden, aber zentral beim Turnverband gelistet sind und von diesem gefördert werden?

«Es gibt in dieser Situation keine einfache Lösung», schreibt Hirshland in einem Brief an die Turnszene, ihr sind die vielen offenen Fragen bewusst. Aber, fügt sie an: «Der Prozess ist wichtig für den Turnsport in den USA. Klar ist, dass das Turnen für das USOC ein Schwergewicht ist und bleibt. Wir sind bereit, kräftig mitzuhelfen beim Aufbau eines neuen Turnverbandes und sichern allen möglichen Teilnehmern bei Tokio 2020 unsere Unterstützung zu.»

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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