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US-Turnskandal: Jetzt geht es dem Verband an den Kragen

Weil USA Gymnastics im Missbrauchsskandal zu lasch gehandelt hat, soll der Verband aufgelöst werden. Die Opfer applaudieren.

David Wiederkehr
Der ehemalige Nationalmannschaftsarzt des amerikanischen Turnverbandes: Larry Nassar. Mitten im Skandal ist auch USA Gymnastics. Der Verband wusste von den Vorwürfen gegen Nassar, verschleierte diese aber.
Der ehemalige Nationalmannschaftsarzt des amerikanischen Turnverbandes: Larry Nassar. Mitten im Skandal ist auch USA Gymnastics. Der Verband wusste von den Vorwürfen gegen Nassar, verschleierte diese aber.
Keystone
Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach mehr als einem halben Jahr gestand Olympiasiegerin McKayla Maroney, wie sehr sich der Missbrauchsskandal auch heute noch auf ihr Leben auswirkt. «Ich mache drei Schritte vorwärts und zwei zurück», sagt sie vor Zuhörern in New York. Bei fast jeder Gelegenheit sei sie von Larry Nassar, dem einstigen Chefarzt von USA Gymnastics, missbraucht worden.
Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach mehr als einem halben Jahr gestand Olympiasiegerin McKayla Maroney, wie sehr sich der Missbrauchsskandal auch heute noch auf ihr Leben auswirkt. «Ich mache drei Schritte vorwärts und zwei zurück», sagt sie vor Zuhörern in New York. Bei fast jeder Gelegenheit sei sie von Larry Nassar, dem einstigen Chefarzt von USA Gymnastics, missbraucht worden.
Getty Images
Sein Fall lässt das FBI schlecht aussehen: Larry Nasser vor Gericht. (Archivbild)
Sein Fall lässt das FBI schlecht aussehen: Larry Nasser vor Gericht. (Archivbild)
Matthew Dae Smith, Keystone
Bei zwei Gerichtsverfahren im Januar im Bundesstaat Michigan wurde Larry Nassar wegen Missbrauchs von Minderjährigen zu 300 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte die drakonische Strafe kommen sehen müssen: Weil im Laufe des Prozesses derart viele seiner Opfer aussagen wollten, musste Richterin Rosemarie Aquilina die Anhörungen um mehrere Tage verlängern. Nassar, 54, wird den Rest seines Lebens in Haft verbringen müssen.
Bei zwei Gerichtsverfahren im Januar im Bundesstaat Michigan wurde Larry Nassar wegen Missbrauchs von Minderjährigen zu 300 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte die drakonische Strafe kommen sehen müssen: Weil im Laufe des Prozesses derart viele seiner Opfer aussagen wollten, musste Richterin Rosemarie Aquilina die Anhörungen um mehrere Tage verlängern. Nassar, 54, wird den Rest seines Lebens in Haft verbringen müssen.
Keystone
Wohl mehr als 300 Mädchen und junge Frauen hat Nassar im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte missbraucht. Emma Ann Miller war vermutlich das letzte Opfer von Skandalarzt Larry Nassar: Die 15-jährige Turnerin liess sich im August 2016 von ihm behandeln, eine Woche, bevor sich die Michigan State University von ihm trennte. Besonders brisant: Bis heute verschickt die angesehene Hochschule in East Lansing Geld für diese Behandlungen.
Wohl mehr als 300 Mädchen und junge Frauen hat Nassar im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte missbraucht. Emma Ann Miller war vermutlich das letzte Opfer von Skandalarzt Larry Nassar: Die 15-jährige Turnerin liess sich im August 2016 von ihm behandeln, eine Woche, bevor sich die Michigan State University von ihm trennte. Besonders brisant: Bis heute verschickt die angesehene Hochschule in East Lansing Geld für diese Behandlungen.
Keystone
Ins Rollen gebracht hat den erschütternden Missbrauchsskandal Rachael Denhollander, indem sie am 29. August 2016 Klage einreichte gegen Larry Nassar. Einen Tag darauf trennte sich endlich auch die Michigan State University von ihm, drei Monate später wurde er verhaftet.
Ins Rollen gebracht hat den erschütternden Missbrauchsskandal Rachael Denhollander, indem sie am 29. August 2016 Klage einreichte gegen Larry Nassar. Einen Tag darauf trennte sich endlich auch die Michigan State University von ihm, drei Monate später wurde er verhaftet.
Keystone
Fast 160 frühere und aktuelle Turnerinnen wagten am Prozess gegen Nassar den Gang an die Öffentlichkeit, um gegen ihren einstigen Peiniger auszusagen. Besonders bemerkenswert der Auftritt von Aly Raisman: Die dreifache Olympiasiegerin wandte sich direkt an Nassar und sagt: «Du bist nichts.»
Fast 160 frühere und aktuelle Turnerinnen wagten am Prozess gegen Nassar den Gang an die Öffentlichkeit, um gegen ihren einstigen Peiniger auszusagen. Besonders bemerkenswert der Auftritt von Aly Raisman: Die dreifache Olympiasiegerin wandte sich direkt an Nassar und sagt: «Du bist nichts.»
AFP
Es waren beklemmende, schmerzhafte Auftritte der missbrauchten Turnerinnen, Tränen flossen bei den jungen Frauen genauso wie beim Publikum. Auch Olivia Cowan, als Absolventin der Michigan State University ein Opfer Nassars, traute sich, eine öffentliche Aussage zu machen.
Es waren beklemmende, schmerzhafte Auftritte der missbrauchten Turnerinnen, Tränen flossen bei den jungen Frauen genauso wie beim Publikum. Auch Olivia Cowan, als Absolventin der Michigan State University ein Opfer Nassars, traute sich, eine öffentliche Aussage zu machen.
Getty Images/AFP
Olympiasiegerin McKayla Maroney dagegen brachte nicht die Kraft auf, vor Nassar selbst auszusagen. Sie liess stattdessen ein siebenminütiges Statement verlesen. Mit 13 oder 14 Jahren hätten die Missbräuche angefangen, geendet haben sie erst mit ihrem Rücktritt nach den Olympischen Spielen 2012 in London. Mehr als 100 Male sei sie zum Opfer geworden.
Olympiasiegerin McKayla Maroney dagegen brachte nicht die Kraft auf, vor Nassar selbst auszusagen. Sie liess stattdessen ein siebenminütiges Statement verlesen. Mit 13 oder 14 Jahren hätten die Missbräuche angefangen, geendet haben sie erst mit ihrem Rücktritt nach den Olympischen Spielen 2012 in London. Mehr als 100 Male sei sie zum Opfer geworden.
Reuters
Im November war Larry Nassar wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material zu 60 Jahren Haft verurteilt worden. Im Bezirksgericht von Lansing, Michigan, steht eine lebenslängliche Gefängnisstrafe zur Debatte – im Maximum weitere 40 Jahre.
Im November war Larry Nassar wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material zu 60 Jahren Haft verurteilt worden. Im Bezirksgericht von Lansing, Michigan, steht eine lebenslängliche Gefängnisstrafe zur Debatte – im Maximum weitere 40 Jahre.
Getty Images
In einem Schreiben an das Gericht beschwerte sich Larry Nassar nun im zweiten Prozess über den «Medienzirkus», der wegen seines Falles veranstaltet werde. Er wollte die Kameras aus dem Gerichtssaal verbannt haben, die eine Liveübertragung ins Fernsehen und Internet sicherstellten.
In einem Schreiben an das Gericht beschwerte sich Larry Nassar nun im zweiten Prozess über den «Medienzirkus», der wegen seines Falles veranstaltet werde. Er wollte die Kameras aus dem Gerichtssaal verbannt haben, die eine Liveübertragung ins Fernsehen und Internet sicherstellten.
Getty Images/AFP
Bezirksrichterin Rosemarie Aquilina stellte klar, dass sie von diesem Begehren nichts hielt. «Ich stehe zur Verfassung, die besagt, dass die Medien zu Gerichtsverfahren zugelassen sind», sagte sie und kanzelte Nassars Bitte nach Gnade bloss müde lächelnd ab.
Bezirksrichterin Rosemarie Aquilina stellte klar, dass sie von diesem Begehren nichts hielt. «Ich stehe zur Verfassung, die besagt, dass die Medien zu Gerichtsverfahren zugelassen sind», sagte sie und kanzelte Nassars Bitte nach Gnade bloss müde lächelnd ab.
Keystone
Zunehmend unter Druck geraten die Verbände und Institutionen, die Larry Nassar beschäftigt haben. Lou Anna Simon, Präsidentin der Michigan State University, bekräftigt aber, sie habe von den Übergriffen Nassars erst viel zu spät erfahren.
Zunehmend unter Druck geraten die Verbände und Institutionen, die Larry Nassar beschäftigt haben. Lou Anna Simon, Präsidentin der Michigan State University, bekräftigt aber, sie habe von den Übergriffen Nassars erst viel zu spät erfahren.
Reuters
Ein Stück weit wurde USA Gymnastics aktiv. Etwa beendete der Verband die Zusammenarbeit mit der Karolyi Ranch. Auf diesem Trainingsstützpunkt in Huntsville, Texas, vergriff sich Larry Nassar regelmässig an den Turnerinnen des US-Nationalkaders. Jeden Monat traf sich das Nationalteam auf der Ranch zu Zusammenzügen. Nun wurde bekannt, dass Nassar nicht einmal die Lizenz besass, in Texas zu praktizieren.
Ein Stück weit wurde USA Gymnastics aktiv. Etwa beendete der Verband die Zusammenarbeit mit der Karolyi Ranch. Auf diesem Trainingsstützpunkt in Huntsville, Texas, vergriff sich Larry Nassar regelmässig an den Turnerinnen des US-Nationalkaders. Jeden Monat traf sich das Nationalteam auf der Ranch zu Zusammenzügen. Nun wurde bekannt, dass Nassar nicht einmal die Lizenz besass, in Texas zu praktizieren.
Twitter
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Es war ein letzter Augenblick im Sonnenschein. Am Montagmittag verschickte der amerikanische Turnverband USA Gymnastics (USAG) einen Tweet, in dem er sich an die Leistungen von Simone Biles an der WM in Doha erinnert, an die sechs Medaillen, die vier goldenen, und an die Höchstschwierigkeit am Sprung, die nun nach dem Turnwunder aus Texas benannt werden wird.

Dann wurde es 17 Uhr an der US-Ostküste, als eine Mitteilung des nationalen Olympischen Komitees (USOC) versandt wurde. Brisanter Inhalt: Das USOC will USAG die Berechtigung entziehen, den Turnsport in den USA zu repräsentieren und zu organisieren. Anders gesagt: Der Turnverband ist am Ende. «Death penalty», nennen das die Amerikaner, «Todesstrafe». Laut Mitteilung hat er die Gelegenheit, freiwillig aufzugeben. Andernfalls wird das USOC den Prozess zur Auflösung einleiten.

Grund für die drastische Massnahme sind die anhaltenden Schwierigkeiten von USAG, den Missbrauchsfall Larry Nassar adäquat aufzuarbeiten. Der frühere Chefarzt des Verbandes wurde im Januar zu mehr als 300 Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er sich während vieler Jahre an über 350 Turnerinnen vergriffen und auf seinem Computer kinderpornografisches Material im grossen Stil gespeichert hatte. Auch Simone Biles gehört zu den Opfern.

Im spektakulären Gerichtsfall traten über 150 der missbrauchten Frauen auf, um sich direkt an ihren Peiniger zu wenden. Manche von ihnen gaben aber auch klar dem Turnverband sowie der Michigan State University Schuld (MSU), bei der Nassar als Osteopath tätig gewesen war. Die beiden Institutionen hätten viel zu lange zugesehen und seien mit Hinweisen und Verdachtsmomenten allzu lasch umgegangen, sagte Olympiasiegerin Aly Raisman, eines der Opfer. «Ihr habt genug Gelegenheiten gehabt, Nassar zu stoppen. Er hätte schon vor langer, langer Zeit weggesperrt gehört.» Die MSU verpflichtete sich später, den Opfern insgesamt 500 Millionen Dollar Entschädigungen zu zahlen.

Die Probleme häuften sich

Bei USA Gymnastics dagegen gab es kaum Bewegung. Geschäftsführerin Kerry Perry tauchte unter und verweigerte Kritikern wie Raisman genauso das Gespräch wie den Medien – obschon sich Sponsoren nach und nach abwandten. Im September musste Perry schliesslich gehen, doch ihre Nachfolgerin Mary Bono machte es noch schlechter und war nach nur vier Tagen schon wieder weg – sie hatte sich abschätzig über Colin Kaepernick geäussert, den Footballer und Nike-Athleten, der prominent gegen Polizeigewalt protestiert. Seit ihrem Abgang ist der Verband endgültig führungslos.

«Wir glauben nicht mehr daran, dass USA Gymnastics die Herausforderungen meistert, die sich der Organisation stellen. Sie ist damit überfordert und strauchelt stattdessen immer weiter», schreibt nun Sarah Hirshland, Geschäftsführerin des amerikanischen Olympischen Komitees und kündigt die Guillotine an: «Noch vor wenigen Wochen haben wir gehofft, dass ein anderer Weg möglich ist. Aber jetzt glauben wir nicht mehr daran. Das Kunstturnen in den USA hat Besseres verdient als diesen Verband.»

«DANKE!»

Bei den Opfern des Missbrauchsskandals kommt der Schritt gut an. «DANKE», schrieb die frühere Spitzenturnerin Rachael Denhollander auf Twitter, deren Anzeige gegen Nassar im August 2016 den Fall ins Rollen gebracht hatte. «Es ist höchste Zeit, dass diese Organisation durch eine abgelöst wird, die sich auch tatsächlich um die Sicherheit der Athleten kümmert.»

Wie lange der Auflösungsprozess dauert, ist offen, selbst Hirshland kann dazu keine Angaben machen. Es bleiben auch daneben viele weitere Fragezeichen. Was geschieht mit den Trainern, die von USA Gymnastics beschäftigt sind und laufende Verträge haben? Was mit den Turnern und Turnerinnen, die eben eine WM hinter sich und den Blick bereits Richtung Tokio 2020 gerichtet haben? Was mit den vielen Talenten, die dezentral in zahlreichen Trainingszentren ausgebildet werden, aber zentral beim Turnverband gelistet sind und von diesem gefördert werden?

«Es gibt in dieser Situation keine einfache Lösung», schreibt Hirshland in einem Brief an die Turnszene, ihr sind die vielen offenen Fragen bewusst. Aber, fügt sie an: «Der Prozess ist wichtig für den Turnsport in den USA. Klar ist, dass das Turnen für das USOC ein Schwergewicht ist und bleibt. Wir sind bereit, kräftig mitzuhelfen beim Aufbau eines neuen Turnverbandes und sichern allen möglichen Teilnehmern bei Tokio 2020 unsere Unterstützung zu.»

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