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Vom Tisch auf die Schulbank

Tischtennis-Spieler Elia Schmid träumte von einer Profikarriere und Olympischen Spielen. Doch der Fokus des Meiringers hat sich verschoben.

Verspielt und glücklich: Elia Schmid trainiert weniger als früher, dafür ist die Leidenschaft zurück.
Verspielt und glücklich: Elia Schmid trainiert weniger als früher, dafür ist die Leidenschaft zurück.
Raphael Moser

Eigentlich sieht es beim zweiten Mal gar nicht gross anders aus, wenn Elia Schmid auf dem Podest steht. Etwas grösser ist er geworden, kräftiger, das spitzbübische Lächeln des Siegers jedoch, das ist geblieben. Und doch: Der Elia Schmid, der Anfang März in Neuenburg seinen zweiten Schweizer-Meister-Titel im Einzel feiert, ist nicht derselbe wie der Elia Schmid, der 2014 als 17-Jähriger alle Favoriten düpierte und in Muttenz seinen ersten Titel auf Eliteniveau holte.

Knapp drei Wochen später posiert Schmid vor dem Inforama in Zollikofen. Den Tischtennisschläger hat er auch mitgenommen, er ist jedoch längst nicht mehr sein Hauptarbeitsgerät, sondern vielmehr ein Indiz dafür, dass er in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne den Plastikball über die Tischplatte jagt. Diese Leidenschaft, sie war dem 21-Jährigen trotz hohen Zielen zwischenzeitlich abhandengekommen.

Noch im Frühjahr 2016 hatte Schmid davon gesprochen, nach der abgeschlossenen KV-Ausbildung als Profi ins Ausland zu wechseln und sich in der Weltrangliste vom 228. Rang kontinuierlich hochzuarbeiten. Und er ­erwähnte seinen Traum, die Schweiz bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio zu vertreten.

Zwei Jahre später drückt er in Zollikofen Vollzeit die Schulbank für die Berufsmatur und sagt: «Es war ein guter Entscheid.» Er habe die Motivation nicht mehr aufbringen können, so viel Zeit ins Tischtennis zu investieren.

Unverständnis im Umfeld

Über Jahre ordnete der Meiringer dem Sport alles unter, verlegte seinen Lebensmittelpunkt vom Berner Oberland ins Baselbiet, damit er Teil des Spitzenteams Rio Star Muttenz sein könnte. Vier Jahre lang trainierte er mindestens zweimal täglich, während er halbtags arbeitete.

Doch irgendwann ging er nicht mehr mit dem gleichen Elan in die Halle, irgendwann machte es ihm nicht mehr gleich viel Freude, stundenlang an der Platte zu stehen und an Details zu feilen. «Es war ein schleichender Prozess», sagt Schmid. «Ich kann es mir nicht wirklich erklären.»

Im Dezember 2016 tritt er aus der Nationalmannschaft zurück, Ende Saison verlässt er Muttenz und schliesst sich mit Kloten einer jungen, entwicklungsfähigen Mannschaft in den hinteren Regionen der NLA an. «Dieser Schritt war für die meisten unerklärlich», sagt Schmid. Viele in seinem Umfeld konnten es sich nicht vorstellen, dass einer mit so viel Potenzial, einer, der sich nicht nur an der nationalen Spitze etabliert, sondern an der EM dem ehemaligen Weltranglistenersten Wladimir Samsonow einst gar einen Satz abgenommen hatte, plötzlich keine Lust mehr hat, Tischtennis zu spielen.

Eindrückliche Siegesserie

Schmid reduziert den Trainingsaufwand auf drei Einheiten pro Woche, die er individuell in Belp und Le Landeron absolviert. Dazu kommen zwei Einheiten im Fitnesscenter sowie die Matches mit Kloten. Immer noch eine beachtliche Zeit, die er für sein Hobby aufwendet, doch im Vergleich zu vorher deutlich weniger.

«Ich kann mir alles selber einteilen», sagt Schmid. Priorität hat für ihn nun klar die Ausbildung, doch mit der neu gewonnenen Freiheit, nicht mehr zu müssen und vielmehr zu dürfen, kommt auch die Freude am Tischtennis zurück. In Kloten ist Schmid der Teamleader, von dem die Jungen lernen wollen. «Diese Rolle hat mich sehr motiviert», sagt Schmid.

Besten Beleg für diese wiedergefundene Motivation liefern die Resultate. Am Wochenende riss nämlich während der letzten Doppelrunde der Saison in seinem dritten Einzel gegen Veyrier eine eindrückliche Serie von 19 Siegen, die im Gewinn der Schweizer Meisterschaft und des Oberseecups zwei Höhepunkte bereitgehalten hatte. «Ich habe eine sehr gute Saison gespielt», sagt Schmid, der sich nach dem Rückzug Klotens Wil, dem Schweizer Meister der letzten beiden Jahre, anschliessen wird.

Er hält kurz inne. Manchmal denke er schon, dass es noch weiter nach oben hätte gehen können. Manchmal ertappe er sich beim Gedanken, dass er es wahrscheinlich mal in die Top 100 der Welt hätte schaffen können, wenn er in der gleichen Intensität weitergemacht hätte, wenn er ins Ausland gegangen wäre und dem Sport weiter alles untergeordnet hätte.

«Ich wäre schon gerne die Nummer eins der Welt geworden», sagt Schmid und lacht. Es sind Gedanken, die sich schnell wieder verflüchtigen, spätestens dann, wenn die Klingel des ­Inforamas die nächste Stunde einläutet.

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