Wie ernst nimmt die NFL ihren Einsatz für Minderheiten?

In der NFL schreibt eine Regel vor, dass bei der Personalrekrutierung Minderheiten beachtet werden müssen. Nach der jüngsten Entlassungswelle gewinnt sie an Relevanz.

Der eine ist schon weg, der andere noch dabei: Vance Joseph (l.) hat seinen Job als Headcoach der Denver Broncos jüngst verloren, Anthony Lynn spielt mit den Los Angeles Chargers um einen letzten Platz im Playoff.

Der eine ist schon weg, der andere noch dabei: Vance Joseph (l.) hat seinen Job als Headcoach der Denver Broncos jüngst verloren, Anthony Lynn spielt mit den Los Angeles Chargers um einen letzten Platz im Playoff.

(Bild: Keystone)

Wer als Headcoach in der National Football League (NFL) engagiert ist, fürchtet ihn: den Black Monday. Es ist der erste Tag nach Abschluss der regulären Saison. Der Tag, an dem die Entscheidungsträger der Clubs auf die Tabelle schauen und darüber befinden, ob ihnen das genügt, was ihre Organisation geleistet hat. Weil die Antwort traditionell bei so mancher Organisation negativ ausfällt und diese als Konsequenz ihren Trainer entlässt, spricht man eben vom schwarzen Montag. In diesem Jahr fiel er auf den 31. Dezember.

Am Ende des diesjährigen Black Mondays stand fest, dass sechs NFL-Trainer keinen Job mehr haben. Weil zwei Mannschaften schon während der Saison die Notbremse zogen, suchen nun acht Mannschaften einen neuen starken Mann für die Seitenlinie.

Die Zahlen bewegen die Szene wenig. Ist Courant normal. Eines bewegt dafür umso mehr: dass fünf der acht Freistellungen Afroamerikaner betrafen. Mit Anthony Lynn (Los Angeles Chargers) und Mike Tomlin (Pittsburgh Steelers) verbleiben gerade noch zwei dunkelhäutige Headcoaches in der Liga, in der rund 70 Prozent aller Spieler Afroamerikaner sind.

Es wird jedoch weniger darüber diskutiert, ob die Freistellungen gerechtfertigt sind, sondern vielmehr darüber, wen die Organisationen als Nachfolger prüfen. Wegen der sogenannten Rooney-Regel stehen die Clubs nun unter besonderer Beobachtung. Die Regel verpflichtet die Clubs, bei der Suche nach Cheftrainern und Führungskräften für die Geschäftsstelle mindestens einen Kandidaten zu einem Bewerbungsgespräch einzuladen, der einer ethnische Minderheit angehört.

Kürzlich wurde die Regel verschärft

Die Regel ist keine neue Idee. Mit dem Ziel, in der Szene die Jobchancen für Minderheiten zu erhöhen, wurde sie 2003 eingeführt. Mittlerweile gilt die Regel auch bei der Suche nach General Managern. Benannt ist sie nach Dan Rooney, einem früheren Besitzer der Pittsburgh Steelers, der sich für Minderheiten stark machte.

Erst kürzlich stimmten die 32 Clubbesitzer einer Verschärfung der Rooney-Regel zu. Wohl auch als Reaktion auf die Kritik, dass viele Organisationen die Regel bisher nicht konsequent umgesetzt hätten. Clubs seien sie umgangen, hätten in Gesprächen die Ernsthaftigkeit vermissen lassen und teils Menschen eingeladen, die keine reellen Chancen auf den Job hatten.

«The Boston Globe» schreibt, dass der Besitzer der Oakland Raiders im Vorjahr etwa vereinzelte Bewerbungsgespräche ausliess. So etwas soll nicht mehr passieren. Die Entscheidungsträger einer Organisation haben künftig bei allen Bewerbungsgesprächen anwesend zu sein. Wer wann mit wem sprach, muss nun genaustes protokolliert werden.

Die Organisationen können aber nach wie vor selber entscheiden, wenn sie am Ende einstellen wollen. Etwas Verbindliches wie eine Quote gibt es nicht. Und doch schürt die Rooney-Regel Erwartungen. Sollte keine der acht Vakanzen durch einen afroamerikanischen Headcoach besetzt werden, gäbe es nächsten Saison nur noch deren zwei in der NFL. So wenige waren es letztmals 2002.

Offensiv-Qualitäten sind gefragt

Die Fritz Pollard Alliance, eine Gruppierung, die bei der Etablierung der Rooney-Regel mitwirkte, bewertet die jüngsten Ereignisse gemäss «The Washington Post» nicht als besorgniserregend. Sie zeige aber dennoch, dass es notwendig sei, sich weiter für ethnische Minderheiten in der Liga einzusetzen.

Die Gruppierung wünscht sich, dass die Rooney-Regel auf die Rekrutierung von Defensive Coordinators und vor allem für Offensive Coordinators ausgeweitet wird. Bei 15 der 20 Coaches, die in den letzten drei Saison bei einem NFL-Team als Headcoach vorgestellt wurden, lag das Spezialgebiet in der Offensive. Im letzten Jahr waren in der Liga lediglich zwei Offensive Coordinators engagiert, die einer Minderheit angehören.

«Die Vertretung mag mal besser, mal schlechter sein. Aber alles, was wir verlangen können, ist eine faire Chance für Minderheiten», sagt Cyrus Mehri, Mitgründer der Fritz Pollard Alliance, gegenüber «The Boston Globe». In den nächsten Wochen und Monaten wird in der NFL also so manches Bewerbungsgespräch geführt. Die Liga hat angekündigt, dass sie das Missachten der Rooney-Regel sanktionieren wird. Mehri glaubt an eine positive Zukunft. Die entlassenen Trainer womöglich weniger.

cst

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