Der einzigartige Weg ans Lauberhorn

Keine drei Monate ist es her, seit Carlo Janka das Kreuzband riss. Nun testet er in Wengen, ob sein Knie auch ohne Operation bereit ist für den Wettkampfalltag.

Carlo Janka (31): «Es wird zu 99 Prozent nicht funktionieren. Aber solange die Chance da ist, werde ich es versuchen.» Foto: Urs Jaudas

Carlo Janka (31): «Es wird zu 99 Prozent nicht funktionieren. Aber solange die Chance da ist, werde ich es versuchen.» Foto: Urs Jaudas

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Am Montag sass Carlo Janka auf einer Holzbank in der Bahn nach Wengen. So, wie das alle tun, die hochwollen in das beschauliche, autofreie Dorf am Fusse der mächtigen Berglandschaft von Eiger, Mönch und Jungfrau.

Es ist das letzte kleine Teilstück auf dem Weg an die Lauberhornrennen – für alle Skirennfahrer. Ein Teilstück so normal, dass es nicht der Rede wert wäre. Erst recht nicht für den Routinier aus Obersaxen, der diese Reise nun schon zum zehnten Mal hinter sich gebracht hat. Wäre da nicht diese Vorgeschichte des 31-Jährigen, dieser Weg, bei dem eben nur das allerletzte Puzzleteil so ganz gewöhnlich erscheint.

Er beginnt am 24. Oktober. Riesenslalomtraining im Engadin: Der Innenski rutscht weg, Janka kann einen Sturz gerade noch verhindern, hängt jedoch mit dem rechten Bein am nächsten Tor ein. Es wird heftig nach hinten geschleudert, der Bündner bleibt liegen. Die Diagnose: Kreuzbandriss. Die Folge: Operation, sechs Monate Pause. Normalerweise.

«Er geht nicht volles Risiko, nimmt die Schläge nicht so wie sonst, zieht zurück.»Jörg Roten, Skitrainer

Doch Janka mag sich nicht abfinden mit dem Normalen, mit einem Eingriff, der ihn die Olympiasaison kostet. Er will die Verletzung konservativ behandeln, auch weil nie ganz klar wird, ob das Band ganz gerissen ist.

Es ist ein gewagtes Unterfangen. Janka sucht den Therapeuten Rolf Fischer auf, bei dem er seit vier Jahren seine langwierigen Rückenbeschwerden mittels sogenannter Manualtherapie behandeln lässt. Bei dieser kommen einzig die Hände zum Einsatz. Janka beschreibt: «Er sucht schmerzhafte Stellen, schaut, wie die Gelenke funktionieren. Die Geometrie im ganzen Körper muss stimmen, es darf keine Störfelder geben. Er hat die Gabe, das richtig zu erkennen und entsprechend anzugehen.» Dreimal die Woche nimmt er seit Ende Oktober die zweistündige Autofahrt nach Stansstad auf sich. Und die Therapie zeigt Wirkung. «Es gab keinen einzigen Rückschlag, es hätte kaum besser laufen können», sagt Janka. «Auf den letzten Untersuchungsbildern ist zudem zu sehen, dass sich das Knie ganz gut entwickelt hat, dass alles gut vernarbt ist.» Sein Nachsatz: «Die Frage ist nur: Ist das alles auch gut genug, um wieder Rennen zu bestreiten?»

Start mit «Therapie-Skifahren»

Es ist Samstag, eine Woche vor dem Klassiker im Berner Oberland. Janka sitzt in der Lobby eines Hotels in Garmisch-Partenkirchen. Auf der pickelharten Weltcupstrecke Kandahar hat er sich gerade erstmals an Rennbedingungen herangetastet: «Das ist eine ganz andere Liga.»

Nicht zu vergleichen mit der Piste in Engelberg, auf der er sich Ende November zusammen mit seinem Therapeuten an seine ersten Schwünge nach dem ­fatalen Einfädler wagte – mit einer speziell angefertigten Stütze aus Karbon, die noch jetzt sein Knie stabilisiert. Oder mit den Hängen im Wallis, der Heimat seines Skitrainers Jörg Roten, wo sie erst «Therapie-Skifahren» gemacht hätten, wie Roten sagt, «ganz banale Übungen». Später dann habe er Janka «technisch neu geschult. Erst dann trainierten wir erstmals mit Stangen, auf einfachem Gelände, mit simpler Kurssetzung. Schritt für Schritt haben wir uns gesteigert.»

Bis zur Kandahar also, der ganz anderen Liga. «Hier habe ich gesehen, was noch fehlt», sagt Janka. Das Knie, auch wenn es oft geschwollen ist, macht ihm weniger Sorgen als der Kopf. «Die Überzeugung, das Vertrauen, der Glaube, dass ich das Bein wieder voll belasten kann, das ist noch nicht da.» Roten, seit einem Jahrzehnt Jankas Trainer, sagt es so: «Wenn ein Athlet nicht zu 100 Prozent sicher ist, dass alles hält, dann geht er nicht volles Risiko ein, nimmt er die Schläge nicht so wie sonst, zieht er zurück, anstatt kräftig auf den Ski zu stehen. So ist es bei Carlo derzeit. Er fährt abwartend, lässt die schwierigen Stellen auf sich zukommen.» Ideale Voraussetzungen für den Wiedereinstieg in den Weltcup sind das nicht. Janka sagt: «Zu 99 Prozent wird es nicht funktionieren. Aber solange die Chance da ist, werde ich es versuchen.»

«Mein Herz hat immer noch Zwischenschläge. Einen rhythmischen Puls werde ich nie haben.» Carlo Janka

Und wo, wenn nicht in Wengen, sollte er das tun? Dort, wo er schon achtmal auf dem Podest stand, dreimal davon in der Abfahrt, die er 2010 gewann? Auf der Strecke, «die wie gemacht ist für mich», wie er sagt? Zumal die Rennen vor dem Jahreswechsel deutlich zu früh kamen für ihn «und ein Comeback in Kitzbühel eine Woche später ziemlich schwierig geworden wäre»? Wengen, so nennt er es, sei der «frühest- und letztmögliche Zeitpunkt, in den Weltcup ­zurückzukehren».

Es ist die erste und letzte Möglichkeit, doch noch wundersam in den Winter zu finden mit den Olympischen Spielen in Südkorea als Höhepunkt. In Jeongseon hat er 2016 den ersten Super-G seiner Karriere gewonnen. «Natürlich motiviert mich dieser Sieg zusätzlich», kommentiert der Riesenslalom-Olympia­sieger von 2010, «aber im Moment habe ich noch ganz andere Baustellen.»

In Wengen will er erst das Vertrauen wiederfinden, in sich, in seinen Körper. Und wenn er das vergeblich tut? Oder das Knie nicht mehr mitmacht, eine Operation doch noch nötig wird? Dann kann er sich zumindest nicht vorwerfen, nicht alles versucht zu haben.

Der fehlende Takt

Es wäre die erste lange Verletzungspause für Janka. Weder seine Rückenbeschwerden, die er «mittlerweile auf gutem Niveau im Griff» habe, noch die Herzrhythmusstörungen, die ihn im Februar 2011 zu einem Eingriff zwangen, hielten ihn lange vom Skizirkus fern. Nur zehn Tage nach der Operation am Herzen ­gewann er den Riesenslalom von Kranjska Gora. «Als sich herausstellte, dass ich Probleme mit dem Herzen habe, war das nicht so schlimm für mich. Nein, davor war es mühsam gewesen, weil ich plötzlich keine Energie mehr hatte und erst niemand wusste, woher das kommt», sagt Janka. «Und dann konnte das mit einem kleinen Eingriff behoben werden.» Auf Zeit zumindest.

Die Ärzte hätten ihm gesagt, die Störungen könnten wiederkehren und ihn zu einer weiteren Operation zwingen. «Ich mache mir da aber keine Sorgen, das wäre keine grosse Sache», sagt Janka, seinem stoischen Gemüt entsprechend. «Solche Zwischenschläge hat mein Herz ohnehin noch immer. Ich werde wohl nie einen rhythmischen Puls haben.»

In diesen Tagen beschäftigt ihn weit mehr, dass er noch nach dem richtigen Rhythmus auf der Piste sucht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2018, 08:26 Uhr

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