Nomaden im Schnee

Tom Stauffer, Chefcoach des Schweizer Männerteams, tätigt etwa 100 Transfers pro Saison – und ist mehr Manager denn Skitrainer.

Grafik: Micha Treuthardt


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Justin Murisier sagt: «Schnell sein und dabei elegant aussehen, das geht in Adelboden kaum.» Elia Zurbriggen meint: «Nirgends sind die Beine im Zielhang so blau wie hier.» Gino Caviezel erzählt: «Das Chuenisbärgli runter – es ist ein riesiger Kampf.»

Mag sein. Wobei die Schwierigkeit am Freitag nicht im Hinunter-, sondern im Hinauffahren bestand. Die Kantonsstrasse von Frutigen nach Adelboden war gesperrt, ein Erdrutsch hatte sie schwer beschädigt. Noch mehr Hektik, noch mehr Tohuwabohu, wie passend aber auch.

Noch am Donnerstagnachmittag hatte sich die Slalomelite in der 1000 Kilometer entfernten kroatischen Hauptstadt Zagreb gemessen. Derweil die Athleten den Transfer in der vom Weltskiverband FIS organisierten Charter­maschine zurücklegten, fuhren viele Trainer, Serviceleute und Verbands­angestellte mit dem Auto die Nacht hindurch auf teils schlechten Strassen vom Balkan ins Berner Oberland.

Tom Stauffer sass für einmal bequem im Flugzeug, nachdem er in den letzten Jahren im Auto ans Heimrennen gereist war. Von Juli 2016 bis März 2017 etwa legte er über 16'000 Kilometer im Wagen zurück, weit über 30'000 sind es pro Jahr in seiner Funktion als Cheftrainer der Schweizer Männer, sehr viele davon nach Saisonende. Dazu sammeln sich rund 75'000 Flugmeilen an.

Das zweite Zuhause: Tom Stauffer verbringt viele Stunden im Auto. Bild: Raphael Moser

Von August bis März verbringt der 47-Jährige keine 20 Nächte in seiner Dachwohnung in ­Unterlangenegg, weshalb er sich überlegt hat, Heizung und Kühlschrank abzustellen. Rudi Huber, bis 2015 Alpindirektor bei Swiss-Ski, meinte einst, Stauffer sei ein Extrem-, aber kein Einzelfall. «Es gibt viele, die quasi im Auto und im ­Hotel leben.»

Sölden–Zürich–­Calgary–Panorama–­Nakiska–Calgary–Vail–Denver–Vail–­Luleå–Kåbdalis–Levi–Luleå–Stockholm–Calgary–Panorama–Lake Louise–­ Calgary–Denver–Vail.

Es handelt sich nicht um eine Ferienreise, sondern um Stauffers Route im November. Im Gegensatz zu den Disziplinverantwortlichen weilt der Berner stets vor Ort, mehr als drei Tage am Stück ist er nie zu Hause. Für die Pflege des Soziallebens sei sein Job alles andere als ideal, hält er etwas gequält lächelnd fest.

Nicht zuletzt deshalb kündigte Matthias Berthold vor dreieinhalb Jahren seinen Cheftrainerposten bei den Österreichern. Er schloss sich dem kleineren deutschen Team an; die Belastung ist zumindest ein bisschen geringer. Stauffer seinerseits hat immerhin ein paar wenige Freunde in der Szene. «Es sind Leute, mit denen ich auch über zwei, drei andere Themen spreche als Wetter und Schneebeschaffenheit.»

Als Hauptverantwortlicher ist Stauffer mehr Manager denn Skitrainer. Er koordiniert die verschiedenen Gruppen, gestaltet ­deren langfristige Planung. Hingegen kümmert es ihn nicht, ob ein Athlet vor einem Rennen drei oder vier Läufe einfährt. Das vernetzte Denken bezeichnet er als seine Hauptaufgabe.

Für 75 Personen (42 Athleten, 33 Betreuer) ist der Schnauzträger verantwortlich; er bucht Flüge und Hotels, organisiert Trainingspisten in aller Welt. Nicht immer verläuft alles problemlos: In Gröden war der Skiraum in der Schweizer Unterkunft wenig geräumig. Der Coach suchte Alternativen, wurde in der Nähe der Gondelbahn fündig.

Die Bedeutung der Flexibilität

Stauffer bezeichnet dies als Lappalie. Mühsamer sei es zuvor in Nordamerika gewesen, als die Fluggesellschaft gestreikt und es in der Ersatzmaschine keinen Platz mehr für Justin Murisier gehabt habe. Weil die Zollpapiere verloren gingen, blieb das Gepäck irgendwo stecken.

Es kam vier Tage zu spät beim Speedteam an, wurde in Windeseile nach Gröden verfrachtet. «Flexibilität», sagt Stauffer, «ist das oberste Credo.» Erst kurz vor dem Abflug weiss er jeweils, wie viele Tickets er braucht, auf wen er diese ausstellen muss.

Fürs Vorsaisoncamp der Speedfahrer in Nordamerika musste er aufgrund der prekären Schneeverhältnisse vielgleisig planen: Stauffer reservierte in Vail, Aspen, Panorama und Nakiska, buchte vier Hotels, vier Pisten, das Vierfache an Flugtickets und Mietautos.

«Ich sagte jedem: ‹Dort, wo es am besten aussieht, gehen wir hin.›» Qualität steht über Kostenbewusstsein. Letztlich entschieden sich die Schweizer für Nakiska und Panorama, die Vorbereitung auf die Rennen in Lake Louise verlief trotz Wetterkapriolen zufriedenstellend.

«Eine riesige Spielerei»

Es gibt Mitarbeiter bei Swiss-Ski, die den Cheftrainer als Kontrollfreak bezeichnen. Bei ihm laufen die Fäden zusammen. «Mache ich vieles selber, ist der Reibungsverlust geringer», sagt er. Die FIS unterhält zwar ein eigenes Reisebüro, welches dann und wann Chartermaschinen bereitstellt und Flüge anbietet.

Reisen nach Übersee buchen die Schweizer oft via Weltverband, weil dieser mit den Airlines gute Deals ausgehandelt hat, Tickets daher bis kurz vor dem Abflug austauschbar sind und das Gewichtslimit beim Gepäck weniger streng reguliert ist.

Alles in allem aber ist das FIS-Reisebüro keine allzu grosse Hilfe. Das meiste mache er selber, meint Stauffer, «es ist eine riesige Spielerei». Er checkt fast täglich Verbindungen und Airlines, blockiert und bucht, um dann wieder zu stornieren. Welche Athleten am Neujahrstag den City-Event in Oslo bestreiten durften, hatte er erst drei Tage zuvor gewusst.

Die Hotels an Rennen hingegen werden vom Veranstalter or­ganisiert. Dreisternhäuser sind die Vorgabe, das Frühstücksbuffet muss bestimmte Brotwaren und Getränke beinhalten. ­Stauffer meint, bei der Zimmer­belegung sei Fingerspitzengefühl gefragt, nicht jede Paarung würde funktionieren.

Grundsätzlich aber seien die Athleten unkompliziert, wenngleich der eine oder ­andere seine Eigenheiten habe. ­Gilles Roulin etwa ernährt sich ­vorwiegend ­vegetarisch, Sandro ­Viletta nimmt aus Flugangst wann immer ­möglich das Auto.

Österreich als Knotenpunkt

Weil es den klassischen Allrounder nicht mehr gibt, sind die Reisestrapazen für die Fahrer etwas geringer geworden. Roulin jedoch, der neben Speedrennen auch Riesenslaloms fährt, spricht davon, permanent auf Achse zu sein. «Man kommt selten zur Ruhe.» Beat Feuz erwähnt derweil die Anstrengungen, welche mit den ständigen Transfers verbunden seien.

Zagreb–Belp–Adelboden: Die Slalomfahrer (die Schweizer Loïc Meillard, Luca Aerni, Marc Rochat sowie der Italiener Stefano Gross, von links) haben intensive Tage hinter und vor sich. Bild: Raphael Moser

«Viele unterschätzen die Belastung.» Längst lebt der Emmentaler mit Partnerin Kathrin Triendl in Aldrans in Tirol; die Fahrt an die Abfahrtsklassiker in Gröden und Bormio, aber auch nach Garmisch ist weitaus kürzer geworden. Aksel Svindal, Alexis Pinturault und Henrik Kristoffersen haben ihren Wohnsitz der kürzeren Distanzen zu Trainings- und Rennstrecken wegen ebenfalls nach Österreich verlegt.

Tom Stauffer checkt fast täglich Verbindungen und Airlines, blockiert und bucht, um dann wieder zu stornieren.

Pinturault, Kristoffersen und Konsorten landeten am Freitag um 13 Uhr auf dem Flughafen Bern-Belp. Als der Schweizer Cheftrainer vier Stunden später in Adelboden Auskunft gab, hatte er noch nicht im Hotel eingecheckt, sich noch nicht verpflegt. Über Sinn oder Unsinn des Weltcupkalenders brauche man nicht zu diskutieren, hält er fest.

«Wenn das marketingmässig ein Erfolg ist, dann müssen wir spuren. Das ist unser Business.» Beinahe 100 Transfers wird Stauffer bis Ende Saison getätigt haben. Er sagt: «Wir sind Nomaden im Schnee.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.01.2018, 14:45 Uhr

Artikel zum Thema

«Uns fehlt der Überflieger»

Cheftrainer Thomas Stauffer spricht vor den Rennen im Val Gardena über den Saisonstart. Der 47-jährige Berner erklärt, mit welchen Problemen sich die jungen ­Abfahrer konfrontiert sehen. Mehr...

Zu Hause ist «Thömu» ein gern gesehener Gast

Thomas Stauffer, seit April Cheftrainer der Schweizer Skirennfahrer, führt ein aussergewöhnliches Leben. Ein Augenschein in Unterlangenegg. Mehr...

Paid Post

Vor Erkältungen schützen

Jedes Jahr in der kalten Jahreszeit steigt die Gefahr, an einem grippalen Infekt oder Erkältung zu erkranken. Ob und wie stark ein Infekt ausbricht, hängt massgeblich von der Fitness unseres Immunsystems ab.

Kommentare

Blogs

Foodblog Als Meret Oppenheim vom Marzili träumte

Bern & so Freier Kopf

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Die Welt in Bildern

Sonnenbaden mit gummigem Halsband: Dieses Krokodil trägt schon seit zwei Jahren einen Pneu um den Hals.
(Bild: Antara Foto/Mohamad Hamzah/ via REUTERS) Mehr...