Auf dem Zielsprung

Im Frühling vor einem Winter ohne Grossanlass fällt die Rücktrittserklärung vielen Skirennfahrern am leichtesten. In die Jahre gekommene Ausnahmekönner tun sich dennoch schwer.

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Der letzte wichtige Entscheid, den ein Leistungssportler in seiner Karriere zu treffen hat, ist in vielen Fällen der schwierigste. Wann ist der Zeitpunkt gekommen, den Punkt zu setzen, sich einer andern Hauptbeschäftigung zuzuwenden, lautet die Frage. Im Skizirkus dient der Wettkampfkalender etlichen Athleten als Entscheidungsgrundlage, findet sich doch im olympischen Vierjahreszyklus lediglich ein Winter ohne Grossanlass. Es liegt auf der Hand, fällt der Abschied im Frühling einfacher, wenn im darauffolgenden Winter nicht einmal theoretisch die Chance besteht, eine Medaille zu gewinnen.

Didier Défago lässt sich in diesem Kontext als Musterbeispiel bezeichnen. Nach den Winterspielen in Sotschi kündete der Familienvater aus dem Unterwallis seinen Abgang an, nahm die WM in Beaver Creek jedoch noch mit – wenn auch nicht mit dem gewünschten Ergebnis. Der 37-jährige Abfahrtsolympiasieger von Vancouver bestreitet heute in einer Woche anlässlich des Super-Gs am Weltcupfinal in Méribel sein letztes Rennen.

Die gute Alternative

Ob Mario Matt in Savoyen zum Einsatz gelangen wird, hängt von seiner Darbietung im sonntäglichen Slalom von Kranjska Gora ab. Nur wer in der Disziplinenwertung einen Top-25-Platz belegt, wird zum Final geladen; der Olympiasieger von Sotschi ist derzeit die Nummer 27. Neunmal ist der Österreicher in diesem Winter gestartet, sechsmal ausgeschieden; der zwölfte Rang von Kitzbühel stellt das Bestresultat dar.

Heute Donnerstag äussert sich der zweifache Weltmeister an einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz im Beisein von Verbandspräsident Peter Schröcksnadel zu seiner Zukunft; die Zeichen stehen auf Abschied. Den Rücktritt zu erklären, dürfte dem 35-jährigen Slalomspezialisten vom Arlberg insofern einfacher fallen als etlichen Kollegen, weil der Gewinner von 15 Weltcuprennen über eine gute Alternative verfügt: Sein Hobby, die Pferdezucht, lässt sich bei Bedarf zum Beruf machen.

Benjamin Raich feierte vor zwei Wochen den 37. Geburtstag, das schönste Geschenk machte er sich tags darauf gleich selbst. Im Riesenslalom von Garmisch-Partenkirchen fuhr der Tiroler erstmals in dieser Saison aufs Podest. Und erbrachte dadurch den Beweis, noch immer konkurrenzfähig zu sein, obwohl seine letzten Siege in Riesenslalom (2009) und Slalom (2007) sehr weit zurückliegen.

Ob Raich abtreten oder Ende Oktober in Sölden neuerlich im Starthaus stehen wird, hängt nicht nur vom Leistungsvermögen ab. Relevant sei die Freude am Rennsport, pflegt der Doppelolympiasieger, Vierfachweltmeister und Gesamtweltcupgewinner dieser Tage zu sagen. Den Entscheid – dies kündete er bereits im Dezember an – wird er erst im Sommer fällen, weil er sich nicht von Emotionen leiten lassen will. Im Weltcup wartete die Herausforderung, im Pitztaler Eigenheim Freundin Marlies Schild, die vor Jahresfrist kürzergetretene Slalomkönigin – wobei letztere gewiss auch noch ein bisschen länger warten würde, sollte ihr Partner seine Skier noch nicht in die Ecke stellen.

Der väterliche Ehrgeiz

Hätte sich Ivica Kostelic nach dem Gipfeltreffen in Sotschi verabschiedet, wäre niemand überrascht gewesen. Abgesehen von Olympiagold hat der 35-jährige Kroate so gut wie alles gewonnen, was ein Athlet mit seinen Qualitäten gewinnen kann. Der Körper ist havariert, das rechte Knie 13-fach operiert; er kennt die Basler Kliniken besser als der Durchschnittsschweizer die Feriendörfer an der Adria. In dieser Saison belegte er in den Kombinationen von Wengen und Kitzbühel die Ränge 3 und 4; an der WM wurde er Zwölfter.

Bestresultat in einer der vier Kernsparten ist ein 18.Platz im Slalom, von der Fahrt nach Méribel trennen ihn zwei Punkte mehr als Mario Matt. Kostelic hat im Mai die Isländerin Elin Arnarsdottir geheiratet, ist im Oktober Vater eines Sohnes geworden – das Alternativprogramm stünde bereit. Womöglich steht dem Schritt jedoch sein Ehrgeiz wie jener seines Vaters und Trainers Ante im Weg.

Der standesgemässe Abgang

Bode Miller wird den wegweisenden Entscheid alleine treffen – so, wie er es seit Jugendzeiten immer getan hat. Dieser Tage sieht es danach aus, als wäre der WM-Super-G in Beaver Creek das letzte Rennen des 37-jährigen Skirebellen gewesen. Chronisten könnten von einem standesgemässen Abgang berichten. Gold gewann zwar Hannes Reichelt, die Geschichte des Tages jedoch schrieb Miller mit seinem spektakulären Sturz nach wildem Ritt über die «Birds of Prey». In Stein gemeisselt ist der Rücktritt aber nicht – zumal der begabteste Skifahrer seiner Generation so gut wie nie tut, was von ihm erwartet wird.

Berner Zeitung

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