Der Höchste und Schnellste

Vier Siege in sieben Springen: Der 22 Jahre alte Ryoyu Kobayashi aus Japan stieg binnen fünf Wochen zum Favoriten der 67. Vierschanzentournee auf.

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Alles redet jetzt von seinem Absprung. Von den phänomenalen Zehntel-, ach, Hundertstelsekunden, in denen er abhebt und in der Luft durchstartet. Dabei sagt seine Landung viel mehr über den Menschen Ryoyu Kobayashi aus.

Der Japaner Ryoyu Kobayashi landet verhältnismässig unjapanisch. Er reisst schon mal die Arme hoch oder ballt noch im Abschwingen die Fäuste. Er legt die Hände aufs Visier und wiegt sich etwas hin und her. Er zeigt ein strahlendes Lächeln und flirtet mit dem Objektiv des Auslaufzonen-Kameramannes. Für andere Nationen ist so etwas selbstverständlich, nach japanischer Auffassung grenzt es aber an übertriebene Selbstdarstellung. Egoismen, berichten japanische Reporterkollegen, werden abgelehnt. Selbst die Besten wie der Rekordturner Kohei Uchimura ordnen sich daher unter, in den Dienst ihrer Mannschaft.

Aber was soll Kobayashi schon gegen seine Gesten machen? Er freut sich eben, völlig zu Recht, denn er gewinnt plötzlich ständig, weil er am weitesten springt. Mit Abstand.

Senkrechtstarter

22 Jahre alt ist er neulich geworden, und im Weltcup springt er gerade einmal seit zweieinhalb Wintern. Erst in dieser Saison nahm die gewöhnliche Skisprung-Welt unterhalb der Trainer und Aktiven Notiz von ihm, dafür ging dann alles sehr schnell. Kobayashi stieg binnen fünf Wochen zum Favoriten der 67. Vierschanzentournee auf, die am kommenden Samstag mit der Qualifikation in Oberstdorf beginnt. Von sieben Springen in der bisherigen Saison gewann er vier, zweimal kam er noch auf das Podest.

Gewiss, das Skispringen ist ein traditionsreicher Sport, und man hat schon viele Senkrechtstarter gesehen, die schnell wieder auf Normalhöhe unterwegs waren, etwa den Slowenen Domen Prevc, Bruder des früheren Tourneesiegers Peter Prevc. Auch Domen ist mit 19 Jahren noch jung und hat wie Kobayashi einen eigenen, modernen Flugstil - zudem ebenfalls drei Ski springende Geschwister. Das ist aber schon alles, die beiden wirken grundverschieden.

Der von den Medien abgeschottete Slowene war als Top-Favorit der vergangenen Tournee mental überfordert und hatte damals im ersten Springen alle Siegchancen verloren. Kobayashi tritt dagegen unverkrampft auf. Er lobte soeben in Engelberg nach seinem Weltcupsieg die imposante Felsenkulisse, und dabei gelang ihm eine für einen Berufsanfänger erstaunliche, leicht Völker verbindende Überleitung: «In so einer schönen Landschaft die japanische Hymne zu hören, darüber habe ich mich sehr gefreut.»

Kraftvoll aus der Ferse heraus

Zum Skispringen kam Kobayashi nicht durch die Sichtung ehrgeiziger Trainer aus einem Vereins- und Verbandssystem wie in Europa, sondern durch seinen Vater, der zu Hause in der Präfektur Iwate im Norden Japans als Sportlehrer arbeitet und insbesondere den Sport im Schnee lehrt, somit natürlich auch seine eigenen vier Kindern: Tochter Yuka wurde direkt Skispringerin, der Älteste, Junshiro, Ryoyu und dessen jüngerer Bruder gingen den Umweg über die Nordische Kombination. Schulbank und Schanzentisch waren also die Pole in der Jugend des Ryoyu Kobayashi, was ein Grund dafür sein mag, dass er nun schon dermassen sicher vorneweg springt.

Er hat in den vielen Übungen auf der Schulschanze keinen neuen Stil erfunden, sondern eher instinktiv ein Detail verbessert, nur: Es war das entscheidende Detail im Sprungablauf, die Ouvertüre - das Losschnellen vom Schanzentisch. Wer beim Absprung etwas Entscheidendes falsch macht, der kann sich noch so flach auf die Luft legen, er wird nicht weit kommen. Wer umgekehrt beim Absprung alles richtig macht, der ist auf dem Weg zum Sieg. Und weil Ryoyu Kobayashi es zurzeit als Einziger raus hat, besonders kraftvoll aus der Ferse heraus hochzuschnellen, muss er seine Ski auf dem Weg hinauf in die Luft nicht lange einsammeln, sondern er hat deren Spitzen besonders schnell rechts und links auf Ohrenhöhe und ist in der Folge höher und schneller unterwegs als alle anderen.

Jugendliche Unbekümmertheit

Sollte er tatsächlich als erster Japaner seit Kazuyoshi Funaki vor 21 Jahren die Tournee gewinnen, dann wird er noch europäischer aus sich herausgehen, und Japans Traditionalisten werden ihm den Landungsjubel hoffentlich nachsehen. Denn in dieser Gestik steckt ja auch das, was ihn stark macht: jugendliche Unbekümmertheit, die wiederum als Gegengift bei starken Selbstzweifeln hilft. Dieses ständige Hadern mit sich und dem eigenen Absprung bremst derzeit jedenfalls die meisten Konkurrenten. Kobayashi aber sagt: «Druck spüre ich nicht.»

Die Traditionalisten zu Hause sollten auch deshalb nicht böse sein, weil Kobayashis sonstiges Auftreten weit entfernt von Eitelkeit ist. Auch er relativiert ja alles, was nach Überheblichkeit klingen könnte, weshalb noch die vorsichtigen und demütigen Worte erwähnt werden müssen, die er an die Sache mit dem «Druck», den er nicht verspüre, anhängte: «... oder ich versuche, so etwas wie Druck nicht zu empfinden.» Und Vorbilder im Skispringen kann er gleich mehrere aufzählen, eines ist «Kamilsan», Herr Kamil, also Kamil Stoch, der Grand-Slam-Sieger der Tournee 2018 und dreimalige Olympiasieger.

Ist er zu schlagen?

Überhaupt ist es ja nicht garantiert, dass dieser grosse Favorit am 6. Januar in Bischofshofen, am Ende der Tournee, ganz oben steht. Auch Ryoyu Kobayashi suchen manchmal Bedenken heim. Im ersten Springen von Engelberg am Samstag war er nur Siebter geworden, weshalb er abends lange nicht einschlafen konnte. Den Kyodo News berichtete er, er habe den Anlauf als das Problem für die geringe Weite ausgemacht und deshalb im Dunkeln die ganze Zeit darüber nachgedacht. Allerdings, anders als bei vielen Konkurrenten muss das Wachliegen geholfen haben. Am nächsten Tag sprang er Schanzenrekord.

Vermutlich ist er dann doch nicht zu schlagen.

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