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Der Ski-Nachwuchs hats schwer

Hinter dem Spitzenquartett findet sich bei den Schweizer Abfahrern eine Lücke. Franz Heinzer erklärt, warum es sehr schwierig geworden ist, Junge in den Weltcup zu bringen.

Urs Kryenbühl befindet sich an der Schwelle zum Weltcup.
Urs Kryenbühl befindet sich an der Schwelle zum Weltcup.
Marcel Bieri

Die Faszination des Skisports ist eng mit der Abfahrt verbunden. Lauberhorn und Streif haben Figuren kreiert, verwegene Draufgänger, die zuweilen heroisiert werden. Hierzulande gilt dies insbesondere für Roland Collombin und Bernhard Russi, Peter Müller und Pirmin Zurbriggen.

An deren Taten wird jeweils im Januar erinnert, wenn die Klassiker in Wengen und Kitzbühel anstehen. Worauf wir an Carlo Janka, Beat Feuz und Patrick Küng denken, darob zum Schluss gelangen, die Schweiz sei noch immer ein Volk von Abfahrern.

Die Realität zeigt ein anderes Bild. Hinter Feuz, Janka und Küng sowie dem sich wieder herantastenden Mauro Caviezel klafft eine grosse Lücke. Die Ursachenforschung führt von rückläufigen Nachwuchs­zahlen über Material- und Kli­mawandel bis zum sinkenden ­Interesse der Veranstalter und mündet in der immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Europacup und Weltcup.

«Ein Abfahrer, der im Europacup zu den Top 5 gehört, schafft es im Weltcup knapp unter die ersten dreissig, sofern ihm eine gute Leistung gelingt», sagt Franz Heinzer. Der Schwyzer, 1991 Weltmeister geworden, ist für die Ausbildung der Schweizer Speedspezialisten zuständig, sein Aktionsradius reicht von der Talenterfassung bis zum Europacup. «Der Übergang vom Europacup- zum Weltcupabfahrer dauert zwei bis drei Jahre», hält der 56-Jährige fest. Wesentlich länger ist der Weg von der Basis ins Vorzimmer des Weltcups.

Pisten für die Touristen

Im Frühling führt Heinzer mit ­U-14-Athleten am Piz Corvatsch jeweils einen wöchentlichen Trainingskurs durch. Es gehe darum, mit Abfahrtselementen wie Sprüngen und schnellen Kurven in Kontakt zu kommen, sagt der dreifache Gewinner der Abfahrtskristallkugel. Kernvoraussetzung sei, am Tempogefühl Freude zu haben.

Im Herbst lädt Swiss-Ski U-18-Athleten aus den nationalen Leistungszentren für eine Woche nach Zermatt. Die zehn Besten durften in der Folge mit Heinzers Europacupteam die Saisonvorbereitung bestreiten, Europacup-Super-Gs in Davos und ein paar FIS-Abfahrten inklusive. Wobei diese wenig mit Weltcupabfahrten gemein haben.

«Ein Abfahrer, der im Europacup zu den Top 5 gehört, schafft es im Weltcup knapp unter die ersten dreissig, sofern ihm eine gute Leistung gelingt.»

Franz Heinzer

So reizvoll es ist, eine Weltcupabfahrt auszutragen, so unattraktiv präsentiert sich ein Rennen auf tieferen Ebenen. Der Aufwand ist nicht viel geringer, die Sicherheitsvorkehrungen entlang der Strecke müssen ebenfalls getroffen werden. Weil das Schaufenster in Form der TV-Bilder fehlt, ist die Sponsorenakquise ungleich schwieriger.

Es erstaunt nicht, sind kaum Skistationen gewillt, wegen eines Rennens ohne Resonanz tagelang eine Piste zu sperren. Je weniger Schnee vom Himmel fällt, desto geringer wird die Bereitschaft, weil es die Touristen sind, welche die teure Beschneiung refinanzieren. Was zur Folge hat, dass FIS-Abfahrten und die meisten Europacupabfahrten auf Strecken stattfinden, die sich vom Schwierigkeitsgrad her nicht mit Weltcupgelände vergleichen lassen.

Europacup am Fernsehen

Deshalb regt Heinzer an, die Weltcupveranstalter zu verpflichten, vor oder nach ihren Rennen Eu­ropacupwettkämpfe auszutragen. In Wengen wird dies auf ver­kürzter Strecke seit Jahren praktiziert, in Kitzbühel kommt es am Wochenende zur Premiere. An Samstag und Sonntag wird auf der Streif trainiert, am Montag findet eine Europacupabfahrt statt.

Tags darauf ist das erste Training für den Weltcupklassiker vorgesehen. Die Österreicher warten mit einer zweiten Neuerung auf, ist es ihnen doch gelungen, den ORF ins Boot zu holen. So wird am Montag erstmals ein Europacuprennen live am Fernsehen gezeigt.

Für Heinzer ist das eine «Su­persache». Er lobt die Veran­stalter in Wengen und Kitzbühel, sagt, für Junge sei es wertvoll, Schlüsselstellen wie den Hundschopf und die Mausefalle früh kennen zu lernen. So erfreulich alles klingt – die Konstellation führt gleich zum nächsten Pro­blembereich: der Kalendergestaltung. Gianluca Barandun (22), Urs Kryenbühl (22) und Niels Hintermann (21) bestreiten am Samstag die Lauberhornabfahrt.

Nach dem Rennen müssen sie per Helikopter nach Interlaken ge­flogen werden, damit sie am frühen Abend in Kitzbühel ankommen und am Sonntag am Europacuptraining teilnehmen können. Heinzer sagt, Überschneidungen seien eher die Regel als die Ausnahme. «Es konzentriert sich vieles auf den Januar. Wir Trainer müssen stets abwägen, welcher Einsatz für welchen Fahrer am sinnvollsten ist.»

«Wir Trainer müssen stets abwägen, welcher Einsatz für welchen Fahrer am sinnvollsten ist.»

Franz Heinzer

Heinzer stand als 18-Jähriger erstmals auf dem Abfahrtspo­dest. Selbiges dieser Tage zu realisieren, wäre unvorstellbar, stellt er klar. Der Grund findet sich in der Taillierung der Skier respektive den stärkeren Fliehkräften. «Ein 18-Jähriger hat körperlich nicht die heute erforderliche Substanz.» Generell seien nur Ausnahmekönner in der Lage, vor dem 25. Geburtstag eine Abfahrt zu gewinnen.

Am Lauberhorn ist dies im letzten Jahrzehnt nur Janka (2010) und Feuz (2012) gelungen. Bei den Genannten handle es sich um Allrounder, sagt Heinzer. «Ihr Riesenslalomschwung ist hervorragend.» Was auch in den schnellen Disziplinen von Vorteil sei.

Der Schwyzer hofft in Anbetracht der relativ geringen Anzahl reiner Abfahrtstalente auf Nachahmer. Er sagt, mehrere po­tenzielle Quereinsteiger im Auge zu haben, erwähnt Justin Murisier, Loic Meillard und Marco Odermatt. Ins Glück können beide Wege führen, wie das Beispiel von Patrick Küng offenbart.

Der Glarner wurde von Heinzer zum Abfahrer geformt, stieg als 25-Jähriger vom Europacup in den Weltcup auf, triumphierte mit 30 am Lauberhorn – und trug damit entscheidend dazu bei, dass in der Schweiz nach wie vor von der Faszination Abfahrt geschrieben wird.

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