Die eine strahlt, die andere hinterfragt sich

Wendy Holdener und Michelle Gisin sind zurück in St. Moritz, der Stätte ihres grössten Erfolgs. Die Gefühlswelten könnten bei den beiden jedoch kaum unterschiedlicher sein.

«Ich war in einem Loch, freute mich einfach auf ein paar Tage zu Hause» – Wendy Holdener (links). «Ich erwischte einfach zwei tolle Tage» – Michelle Gisin.

«Ich war in einem Loch, freute mich einfach auf ein paar Tage zu Hause» – Wendy Holdener (links). «Ich erwischte einfach zwei tolle Tage» – Michelle Gisin.

(Bild: Keystone)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Es hätte eine grosse Rückkehr werden können, das Drehbuch dafür lag quasi bereit. Wendy Holdener und Michelle Gisin zurück in St. Moritz, wo sie vor zehn Monaten den grössten Erfolg ihrer Karriere feiern konnten. Gold respektive Silber liessen sie sich nach der WM-Kombination umhängen; für Holdener kam überdies nach dem Slalom nochmals eine silberne Medaille dazu.

Und nun stand zum Auftakt des St. Moritzer Weltcupwochenendes doch tatsächlich eine Kombination an. Was für eine schöne Geschichte – wäre da nur nicht das Wetter gewesen. Denn: Dichter Nebel machte den Organisatoren gestern einen dicken Strich durch die Rechnung.

Dabei hatten sie am Morgen das Programm umgestellt, zunächst den Slalom und dann den Super-G austragen wollen. Doch nach der Ouvertüre war der Zweiteiler bereits zu Ende. Immerhin: Im Slalom belegten Holdener und Gisin die Ränge 2 und 3, bezwungen wurden sie nur von Ausnahmekönnerin Mikaela Shiffrin.

Die Schwester reiste mit

«Es war ein solider Lauf. Mehr nicht. Es ging noch nicht so einfach von der Hand», sagte Hol­dener. Die Aussage passt zur ­momentanen Gefühlslage der Schwyzerin. Denn sie ist – aller guten Erinnerungen zum Trotz – nicht in allerbester mentaler Verfassung ins Engadin gereist.

Der 19. Rang im Riesenslalom sowie das Ausscheiden im Slalom von Killington vorletztes Wochenende setzten ihr zu. «Ich war in einem Loch, freute mich einfach auf ein paar Tage zu Hause», hielt sie fest. Vieles habe in Killington nicht gestimmt, weshalb sie länger gebraucht habe, um diese Enttäuschung zu verarbeiten. Die Pause jedoch habe ihr gut­getan, meint Holdener.

Grundsätzlich anders steht es derzeit um die Gefühlswelt von Michelle Gisin. Die Frohnatur aus Engelberg strahlt in diesen Tagen vielleicht noch ein bisschen mehr als sonst. Schliesslich sorgte sie vergangenes Wochenende für eine grosse Überraschung. In den beiden Abfahrten von Lake Louise belegte sie – die Technikerin – die Ränge 8 und 3.

«Eigentlich bin ich mit dem Gedanken nach Kanada gereist, dass ein 25. Platz für mich völlig in Ordnung wäre», meinte sie lächelnd, um dann hinzuzufügen: «Ich erwischte einfach zwei tolle Tage.» Nach Lake Louise hatte sie ihre Schwester Dominique begleitet, «weil es unsere Mutter so wollte». Die zurückgetretene ­Abfahrtsolympiasiegerin stand Gisin mit Rat und Tat zur Seite, war auch bei der Streckenbesichtigung dabei.

Gleichwohl stellt sich die Frage, weshalb es einer Technikerin derart leicht fallen kann, in einer Abfahrt nach vorne zu fahren. «Ich habe das Gleitergen», meint Gisin augenzwinkernd und mit Verweis auf ihre Geschwister Dominique und Marc. Einleuchtender scheint indes folgende Erklärung: Der Slalom sei für sie Drill, in der Abfahrt geniesse sie Freiheiten. Überdies habe sie zuletzt vermehrt die Basisdisziplin Riesenslalom trainiert, was für die Abfahrt hilfreich sei.

Gisins Saisonauftakt weckt natürlich Erwartungen hinsichtlich der Olympischen Spiele. Denn in Südkorea wird die Kombination aus einer Abfahrt und einem Slalom gebildet. Deshalb überlegt sich Wendy Holdener, nächste Woche in Val-d’Isère ein Abfahrtstraining zu absolvieren.

Wind und Nebel

Vorerst aber stehen die Kombinationsweltmeisterin und die WM-Zweite am Wochenende noch in St. Moritz im Einsatz. Vorausgesetzt, die beiden Super-Gs können wirklich durchgeführt werden. Denn das Wetter soll im Engadin garstig bleiben. Angekündigt sind am Samstag stärkere Windböen und am Sonntag erneut Nebel.

Berner Zeitung

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