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«Die Gegner verneigten sich fast vor mir»

Warum Didier Cuche seine Abfahrt in Kitzbühel wie in Zeitlupe erlebte und er Rennen manchmal wie eine Sucht empfindet.

Die Kitz in der Hand: Didier Cuche mit dem Siegerpokal.
Die Kitz in der Hand: Didier Cuche mit dem Siegerpokal.
Keystone
Spektakulärer Sprung an der Hausbergkante mit dem vollen Zielraum vor Augen.
Spektakulärer Sprung an der Hausbergkante mit dem vollen Zielraum vor Augen.
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Michael Walchhofer kann den Unfall seines Teamkollegen nicht verarbeiten. Wie schon im Super-G erreicht der routinierte Österreicher das Ziel nicht. In seinem letzten Auftritt auf der Streif öffnet sich plötzlich die rechte Bindung und er stürzt. Zum Glück bleibt der 35-jährige Salzburger unversehrt. In der Weltcup-Abfahrtswertung liegt er nun hinter Cuche und Silvan Zurbriggen.
Michael Walchhofer kann den Unfall seines Teamkollegen nicht verarbeiten. Wie schon im Super-G erreicht der routinierte Österreicher das Ziel nicht. In seinem letzten Auftritt auf der Streif öffnet sich plötzlich die rechte Bindung und er stürzt. Zum Glück bleibt der 35-jährige Salzburger unversehrt. In der Weltcup-Abfahrtswertung liegt er nun hinter Cuche und Silvan Zurbriggen.
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Didier Cuche ist in exzellenter Laune. Wie könnte es nach seinem Erfolg auf der prestigeträchtigen Streif auch anders sein? Mit einem Vorsprung von 0,98 Sekunden auf Bode Miller dominierte er das Rennen vom Samstag. Als Abfahrtssieger erhielt er bereits zum vierten Mal die Kitz-Trophäe – in der Streifstatistik hat er den Rekord von Franz Klammer und Karl Schranz egalisiert. Am Tag darauf ist der 36-Jährige spür- und sichtbar gelöst.

Didier Cuche, wo werden Sie Ihre neueste Kitz-Trophäe verstecken? Schön ist sie ja nicht. Doch! Wenn du es diesen Berg hinunterschaffst, findest du sie schön (lacht). Eine habe ich daheim neben dem Fernseher, die anderen in einem Nebenraum.

Sie meinen in Ihrer Abstellkammer? Nicht gerade. Aber ich bin keiner, der sein Zuhause mit Pokalen verstellen muss, damit meine Besucher sehen, wie gut ich bin.

Haben Sie Bode Miller am Abend beim Feiern noch getroffen? Nein, aber Tausende andere (lacht). Es machte Spass, wie die Leute auf mich reagierten und mir gratulierten. Die Gegner und Trainer verneigten sich fast vor mir. Ihr Verhalten war berührend und auch ein wenig unangenehm.

Auf der Streif gibt es immer wieder schwere Stürze. Sie starteten vor 15 Jahren erstmals hier und stürzten nie. Was haben Sie einigen Ihrer Konkurrenten voraus? Ich nehme die Streckenbesichtigung sehr ernst – vielleicht im Gegensatz zu anderen Athleten. Ich behaupte nicht, den Parcours blind fahren zu können. Aber noch die kleinste Welle präge ich mir ein. Durch dieses exakte Visualisieren der Strecke fühle ich mich sicher.

Bleibt während einer Fahrt Zeit zum Denken? Ja, aber nicht im Sinn von: Jetzt kommt der Hausberg, Mitte Traverse muss ich dann die Beine leicht anziehen. Die Prozesse laufen intuitiver ab. Ich sehe eine Welle und reagiere dank dem Visualisieren schlicht richtig. Ich hatte während meiner Fahrt allerdings nie das Gefühl, schnell zu sein, ich kann mich auch kaum noch an meine Fahrt erinnern. Ich war wohl in einem Flow-Zustand, in dem ich mit der Piste praktisch verschmelze. Alles kommt dir dann einfach vor. Als ich 2002 in Adelboden den Riesenslalom gewann, fühlte ich mich, als sei ich im Zeitlupenmodus unterwegs. Bei meinem Streif-Sieg war das ähnlich.

Können Sie einen solchen Zustand willentlich initiieren? Zumindest hilft die Streckenbesichtigung. Ich bin ständig auf der Suche nach diesem Flow-Zustand, diesem wohligen Gefühl, bei dem ich weiss: Es geht alles genau so, wie ich will. Es gibt kein schöneres Gefühl in einem Rennen.

Kann ein Flow auch zur Selbstüberschätzung führen? Ja, man bewegt sich am Limit – wobei der Grat in unserem Sport zwischen Topfahrt und Sturz ohnehin schmal ist. Entsprechend besteht die Gefahr, dass man sich übernimmt. Ivica Kostelic (Leader im Gesamtweltcup) fühlt sich wohl langsam wie ein Übermensch. Er riskiert, es geht auf. Er riskiert noch mehr, es funktioniert. Ich habe dies einmal beim Einfahren auf dem Rennhang von Alta Badia erlebt: Der Schnee war perfekt, ich unheimlich gut drauf. Also steigerte ich das Risiko – stürzte und verletzte mich an der Hüfte. Das Gute dabei: Ich erwachte sozusagen aus diesem Zustand, war wieder geerdet.

Mit Ihren 36 Jahren sind Sie im Schweizer Team eine Führungsfigur. Beraten Sie jüngere Fahrer – etwa bei der Streckenbesichtigung? Ich bin keiner, der sich aufdrängt, zumal meine Lösung eine unter mehreren sein kann. Aber ich helfe gerne, wenn ich gefragt werde. Carlo Janka besichtigt ziemlich schnell, er verlässt sich etwas mehr auf sein Bauchgefühl. Ich könnte meiner Intuition bestimmt mehr vertrauen, aber dann hätte ich ein Kopfproblem, wäre vor dem Start nervöser.

Inwiefern änderte sich Ihre Position mit den Jahren und Erfolgen innerhalb der Equipe? Ich wurde zum Tippgeber. Wobei mich die anderen wohl nur um Ratschläge bitten, solange ich so schnell fahre (lacht). Trotzdem bin ich stolz auf meine Stellung im Team. Sie zeigt, dass mich die Jüngeren akzeptieren, sie sich nicht ständig fragen, wann er seine Karriere wohl endlich beenden wird. Martin Rufener (Cheftrainer der Männer) hielt nach meinem Sieg eine kleine Rede und sagte dabei, wie wichtig ich für die Mannschaft sei. Seine Worte berührten mich.

Kostelic kritisierte nach dem Unfall von Hans Grugger die FIS und stiess eine Sicherheitsdebatte mit an. Sprachen Sie mit ihm darüber? Ich weiss nicht, ob seine Aussage korrekt wiedergegeben wurde. Ich wüsste aber nicht, wen man kritisieren sollte. Zumal sich die Diskussion immer nur um Sicherheitsnetze oder abzutragende schwierige Sprünge dreht. Darum fand ich Bode Millers Hinweise interessant…

…dass nicht die Streif zu schnell sei, sondern einige Fahrer, weil sie sich überschätzen würden und die Kontrolle verlören. Das stimmt. Diese Athleten suchen dann nach Gründen, warum sie mit der Streif nicht klarkommen, vielleicht gar ein bisschen Angst vor ihr empfinden. Teil unseres Sports bleibt jedoch, das eigene Niveau und das Risiko korrekt einzuschätzen. Wenn du vor bestimmten Stellen enormen Respekt empfindest, musst du dein Tempo anpassen. Die Eigenverantwortung ist nicht delegierbar.

Mitte Februar beginnt die WM in Garmisch. Abfahrtsgold fehlt Ihnen noch. Wird es Ihr letztes Ziel sein? Die Frage kann ich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Ich glaube ans Schicksal. Was passieren wird, ist vorgezeichnet. Im positiven wie negativen Sinn.

Ärgert es Sie, wenn Sie nur noch auf dieses Ziel reduziert werden? Klar wäre es schön, eine Medaille zu holen. Mein Lebensglück aber hängt nicht davon ab. Es nervt mich darum, wenn mich etwa die Medien darauf reduzieren. Dass ihr vor der Olympiaabfahrt 2010 ein grosses Tamtam produziert habt, konnte ich nachvollziehen. Die Journalisten müssen ihre Artikel anpreisen. Wenn man mir nach dem Rennausgang aber in den Mund legt, ich sei komplett enttäuscht, stört mich das. Natürlich war ich enttäuscht. Das muss so sein. Aber ehrlich: Mein Leben geht auch so ganz gut weiter. Ähnlich war es dieses Jahr in Wengen. Man sprach im Vorfeld nur davon, dass ein Sieg am Lauberhorn mein letztes grosses Ziel sei. Jetzt, wo ich den Triumph verpasst habe, sagt man plötzlich: Er will nächstes Jahr in Wengen gewinnen. Ich bereite mich im Sommer jedoch nicht nur auf dieses eine Rennen vor.

Der Ausgang der WM ist bei Ihrem Entscheid, ob Sie weiterfahren, folglich sekundär? Genau. Bin ich nächstes Jahr noch dabei, geht es mir nicht darum, in Wengen zu gewinnen. Dann will ich bei jedem Rennen der Schnellste sein.

Damit bleiben Ihnen viele Ziele. Da wäre es doch schade, wenn Sie Ende Saison aufhören würden. (Lacht.) Klar, man kann so denken. Skifahren aber ist nicht wie Arbeiten im Büro. Das Risiko ist enorm. Das muss ich beim Entscheid berücksichtigen.

Sind Sie sich der Gefahren mit dem Älterwerden bewusster geworden? Ich denke darüber nicht mehr nach als früher. Nach so vielen Jahren im Weltcup weiss ich um das Risiko in unserem Sport, zumal die statistische Wahrscheinlichkeit eines Sturzes von mir mit jedem weiteren Jahr steigt. Vor Silvano Beltramettis Unfall 2002 schien eigentlich nur er ein starker Skifahrer zu sein. Der Rest wurde fast als Nullnummern dargestellt. Nach seinem Sturz galten wir alle plötzlich wieder als Spinner im positiven Sinn. Es ist schade, dass es solche Ereignisse braucht, damit allen die Gefahren bewusst werden.

In drei Wochen wird kaum einer mehr von Grugger sprechen. Richtig. Ich kenne die Mechanismen im Kleinen: Ich blieb nur in einer Saison ohne Top-3-Resultate, fuhr trotzdem auf konstant hohem Niveau. Dennoch galt ich als erfolglos. Das hat mich verletzt. Dabei müsste der Respekt gegenüber dem Letzten noch grösser sein als gegenüber dem Sieger.

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