Die Leiden des alternden Helden

Seit vier Jahren kämpft Dario Cologna nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch mit seinem Körper. Am Heimweltcup in Davos strebt er trotz Beschwerden mit Achillessehnen und Lunge einen Podestplatz an.

Seit vier Jahren kämpft Dario Cologna nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch mit seinem Körper. Am Heimweltcup in Davos strebt er trotz Beschwerden mit Achillessehnen und Lunge einen Podestplatz an.

Seit vier Jahren kämpft Dario Cologna nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch mit seinem Körper. Am Heimweltcup in Davos strebt er trotz Beschwerden mit Achillessehnen und Lunge einen Podestplatz an.

(Bild: Keystone)

Die Erwartungen sind zuweilen höher als das Leistungsvermögen. Dario Cologna wird an jener Vorgabe gemessen, die er selbst gesetzt hat. Sechs Jahre lang gehörte der Münstertaler in Distanzrennen zu den Siegesanwärtern – ohne Unterbruch.

Es folgten der Kulminationspunkt in Form der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi, der doppelte Goldgewinn nach wundersam anmutender Heilung des beim Joggen gebrochenen Fusses, danach der Saisonabbruch. Aus der Retrospektive lässt sich vom Wendepunkt sprechen, hat Cologna doch seither kaum einen Wettkampf ohne körperliche Einschränkungen bestritten, kein bedeutendes Rennen gewonnen.

Wobei der 30-Jährige im Vorfeld des Weltcupevents vom Wochenende in Davos in einem Nebensatz festhält, eigentlich habe er seither fast alles gewonnen. Und damit ein Thema tangiert, das die Sportart überschattet.

Kein Sprint wegen der Lunge

Im Sommer 2016 wurde der Bündner zum Gesamtweltcupsieger des Winters 2014/2015 ­erklärt, weil der Norweger Martin Johnsrud Sundby einen ­Regelverstoss begangen, ein ärztlich genehmigtes Asthmamedikament auf die falsche Weise eingenommen, die erlaubte Dosis dadurch um ein Vielfaches überschritten hatte. Wahrscheinlich wird Cologna in absehbarer Zeit auch eine Goldmedaille zugesprochen.

An der WM vor zwei Jahren in Falun belegte er im Skiathlon Rang 2, geschlagen von Maxim Wylegschanin, um einen Wimpernschlag. Der Russe jedoch war Teil des staatlich orchestrierten Dopingsystems, in der letzten Woche wurden er und fünf andere erfolgreiche Langläufer vom Internationalen Olympischen Komitee lebenslang ausgeschlossen. Resultat­listen werden neu verfasst, Trophäen umverteilt – oder auch nicht. Cologna sagt, er warte ­immer noch auf die Kristallkugel.

Den heutigen Sprint wird er zu Hause vor dem Fernseher verfolgen. Seit Jahren wohnt der Engadiner in Davos; er kennt die Loipe so gut wie kaum ein anderer, könnte die Kollegen vom Balkon aus anfeuern. Letzteres kommt ebenso wenig infrage wie eine Teilnahme, obwohl in der Skatingtechnik gelaufen wird und die entzündeten Achillessehnen weniger stark belastet würden als in Klassisch-Rennen.

Seit Beginn des Herbsts spüre er die Sehnen, sagt Cologna. Die Wettkämpfe vom letzten Wochenende in ­Lillehammer liess er aus, auf dem Programm stand Stosswellen­therapie bei Teamarzt Patrick ­Noack. In Davos dürfte es heute minus 10 Grad kalt sein – zu kalt für die Lunge des nunmehr vierfachen Gesamtweltcupgewinners.

Obwohl er täglich ein Asthmamittel zu sich nimmt, hustet er wie ein Pferd, nachdem er sich bei sehr tiefen Temperaturen sehr hohen Belastungen ausgesetzt hat. Der Husten wiederum beeinträchtigt die Erholung, sein Verzicht ist im Hinblick auf die 15-Kilometer-Skating-Konkurrenz vom Sonntag nachvollziehbar.

Kein Platz im Nationalteam

Was die Ergebnisse des vergangenen Jahrzehnts betreffen, hat einzig Petter Northug einen vergleichbaren Palmarès vorzuweisen. Auch der Norweger steht nicht dort, wo er stehen möchte; die Ausgangslage ist aber grundlegend anders als beim langjährigen Rivalen aus der Schweiz.

Im letzten Winter trat Northug nur punktuell in Erscheinung, weil er es mit dem Höhentraining übertrieben, den Körper überfordert hatte. Vor Beginn der laufenden Saison verpasste er wegen Krankheit die interne Qualifikation, für die Weltcupouvertüre in Kuusamo wurde er nicht selektioniert.

Worauf er sich enervierte, über nominierte, aber vermeintlich schwächere Teamkollegen lästerte. In Lillehammer erhielt der Freigeist trotzdem eine Chance. Er wirkte angeschlagen, verlor in der Sprintqualifikation fast 13 ­Sekunden, reiste frustriert nach Hause; es heisst, er werde es an der Tour de Ski wieder versuchen.

Hierzulande gibt es am alternden Helden kein Vorbeikommen, in Norwegen sprechen längst alle von Johannes Hösflöt Klaebo. Der 21-Jährige hat die ersten fünf Rennen allesamt gewonnen; in Davos bestreitet er vermutlich nur den Sprint.

Cologna lobt die Kurventechnik des Aufsteigers, zeigt sich von dessen Dynamik beeindruckt und wird bei der ­Frage zu den eigenen Ambitionen erstaunlich konkret. «Ziel ist das Podest», hält er fest, sogleich ­anfügend, «das Podest muss das Ziel sein». Frei übersetzt: Er ist mit der Erwartungshaltung höchstens bedingt einverstanden. Aber er weiss genau, dass sie hausgemacht ist, er nichts daran ändern kann.

Berner Zeitung

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