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Die «Verrückten» aus Kanada fliegen übers Lauberhorn

In den 1970er- und 1980er-Jahren prägten Steve Podborski, Ken Read, Dave Irwin und Jim Hunter den Weltcup. Nun sind die «Crazy Canucks» nach Wengen zurückgekehrt.

An Bord der Swiss-Maschine, hoch über dem Lauberhorn, erzählt der ehemalige kanadische Skirennfahrer Ken Read von seinen legendären Erfolgen und seinem Sturz 1976 an eben jenem Lauberhorn.<br><i>Video: Florine Schönmann</i>

Es sieht nach einem Herrenausflug aus. Vier Männer, drei von ihnen mit grau meliertem Haar, warten am Flughafen Zürich auf ihren Abflug. Die Szenerie wirkt gemütlich; etwas Small Talk, dazwischen den startenden und landenden Flugzeugen nachschauen. Hätten sich diese vier Männer vor vierzig Jahren in Zürich getroffen, es wäre kaum so beschaulich zu- und hergegangen. Denn damals waren sie eine Attraktion.

Jim Hunter, Dave Irwin, Steve Podborski, Ken Read und der mittlerweile verstorbene Dave Murray stellten die Hierarchie im Skiweltcup auf den Kopf. Hatten jahrelang Schweizer und Österreicher das Geschehen dominiert, waren es auf einmal fünf junge Kanadier, welche Kopf und Kragen riskierten und dafür von den Fans verehrt wurden.

Am 7. Dezember 1975 schrieb Ken Read Geschichte. Er entschied die Abfahrt von Val d’Isère für sich, triumphierte als erster Nordamerikaner in einem Weltcuprennen. 20-jährig war Read damals, erstmals eröffnete er einen Wettkampf mit der Startnummer 1. Dies sei nicht unbedingt ein Nachteil gewesen, hält er fest. «So hatte ich keine Zeit, nervös zu sein. Ich glaube, das war das Geheimnis an diesem Tag.» Hinter ihm klassierten sich Irwin (4.), Hunter (9.) und Podborski (10.) in den Top Ten – es war die Geburtsstunde der «Crazy Canucks». Denn Val d’Isère sollte erst der Anfang sein.

Geleitschutz von der Patrouille Suisse: Als Vorbereitung auf die Flugshow vom Wochenende kreiste eine Maschine der Swiss mit den «Crazy Canucks» über dem Lauberhorn-Renngelände. (12.1.2016)
Geleitschutz von der Patrouille Suisse: Als Vorbereitung auf die Flugshow vom Wochenende kreiste eine Maschine der Swiss mit den «Crazy Canucks» über dem Lauberhorn-Renngelände. (12.1.2016)
zvg
An Bord eine besondere Fracht: Dave Irwin, Steve Podborski, Ken Read und Jim Hunter (von links nach rechts), bekannt als die «Crazy Canucks», sind nach Wengen zurückgekehrt.
An Bord eine besondere Fracht: Dave Irwin, Steve Podborski, Ken Read und Jim Hunter (von links nach rechts), bekannt als die «Crazy Canucks», sind nach Wengen zurückgekehrt.
Martin Kinzl/zvg
Falls die Wetterbedingungen es erlauben, soll die Flugshow auch am Freitag und Samstag stattfinden.
Falls die Wetterbedingungen es erlauben, soll die Flugshow auch am Freitag und Samstag stattfinden.
zvg
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Nun weilen die «Crazy Canucks» wieder in Wengen. Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Weltcups wurden sie eingeladen, durften deshalb am Donnerstag auch einen Alpenrundflug mit der Swiss geniessen. Sie hätten ihre Freundschaft auch nach der Karriere gepflegt, erzählt Read. «Nicht immer unter glücklichen Umständen, weil wir Dave Murray viel zu früh verloren haben. Es ist eine Weile her, seit wir uns alle zusammen getroffen haben, deshalb habe ich mich sehr auf diese Reise gefreut.»

Spricht Steve Podborski über Wengen, beginnt er zu schwärmen. Das Lauberhornrennen sei für ihn der schönste Halt im Weltcup gewesen, hält er fest. «Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich das erste Mal am Start stand, nach unten blickte und nicht glauben konnte, dass jemand in zweieinhalb Minuten dort runter fahren kann.» Nun, Podborski tat es, wurde am Lauberhorn zweimal Dritter – was ihn heute noch ärgert, weil er den Klassiker zu gerne gewonnen hätte.

Der ehemalige kanadische Skirennfahrer Steve Podborski erzählt, warum es ihn wurmt, dass er am Lauberhorn nie gewinnen konnte und was es ihm bedeutet, zurück in Wengen zu sein. Video: Florine Schönmann

Hadern wäre in Podborskis Fall indes falsch. Er ist mit 20 Weltcuppodestplätzen der erfolgreichste «Crazy Canuck», wurde überdies in der Olympiaabfahrt 1980 Dritter. «Ich versuchte viel, um der Beste zu sein, letztlich war es eine Mischung von harter Arbeit und etwas Glück», hält er fest. Ken Read war zwar die Nummer 2 im Team, doch schaffte er, was nur ganz wenigen im Weltcup gelang: 1980 triumphierte er innert sechs Tagen in Kitzbühel und Wengen. «Das war mein Karrierehighlight», sagt er.

Und es war gewissermassen auch eine Genugtuung. Vier Jahre zuvor waren Read und Irwin unterhalb der Minschkante fürchterlich gestürzt, die Stelle ist seither als Canadian Corner bekannt. «Wir wollten zeigen, dass wir aus Fehlern lernen können. Deshalb war es mein grosses Ziel, einmal die Lauberhornabfahrt zu gewinnen.»

Dave Irwin schafft es 1976 am Lauberhorn spektakulär ins Ziel. Quelle: SRF

Diese Aussage bringt das Wirken der fünf Kanadier auf den Punkt. Sie waren eine junge, hungrige Equipe. Und weil die Reisen in die Heimat zu viel Zeit in Ansprung genommen hätten, blieben sie während des ganzen Winters in Europa, teilten Tisch und Doppelbett – und forderten sich zu Höchstleistungen heraus.

«Wir waren sehr unterschiedlich, hatten andere Stärken. Davon konnten wir profitieren», sagt Read. Und Podborski fügt an: «Wir wollten als Team gewinnen. Kam einer im Ziel an, funkte er nach oben, gab den Kollegen Tipps. Das wäre zu dieser Zeit beispielsweise bei den Österreichern nie passiert.» Gewiss profitierten die Kanadier auch von ihrem Trainer, dem Zürcher Heinz Kappeler. Er organisierte Trainingspisten, knüpfte Kontakte zu anderen Equipen und der Skiindustrie.

Dass die «Crazy Canucks» nur zu viert nach Wengen reisen konnten, ist einerseits tragisch. Andererseits ist es auch Glück. Denn Dave Irwin, der Verrückteste von allen – vorab berühmt wegen seiner spektakulären Stürze und der markanten Hornbrille – hätte wegen eines Skiunfalls beinahe sein Leben verloren. 2001 stürzte er unglücklich, lag danach drei Tage lang im Koma.

Dave Irwins Sturz am Lauberhorn 1980. Quelle: SRF

Als er aufwachte, erkannte Irwin weder Freunde noch Familie, konnte nicht mehr sprechen. Bis heute kämpft sich der 62-Jährige zurück, versucht, sein Gedächtnis und andere Fähigkeiten nach und nach wiederzuerlangen. «Eigentlich bin ich 49, an den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern», sagt er. «Aber es ist wunderschön, jetzt mit meinen Kollegen in Wengen zu sein, weil es in mir sehr viele Erinnerungen auslöst, ich Zusammenhänge wieder erkenne. Und das ist sehr gut.»

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