Emmentaler Bob-Sieger: «Die Geschichte ist ziemlich verrückt»

Erstes Zweier-Weltcuprennen, erster Sieg: Clemens Bracher (30) gelingt in Winterberg mit Anschieber Michael Kuonen der Durchbruch. Der Emmentaler Pilot hätte sich den Erfolg nicht zugetraut.

  • loading indicator

Ein TV-Reporter bezeichnete Ihren Sieg als grösste Sensation in dieser Saison – über alle Wintersportarten hinweg betrachtet. Wie stufen Sie den Erfolg ein?Clemens Bracher:Diese Aussage ist kein Skandal, man kann das schon so sehen (lacht). Ich wusste aber, dass ich etwas «auf dem Kasten» habe. Mit Platz 5 wäre ich natürlich auch zufrieden gewesen.

Von deutschen Gegnern war zu hören, dass einige gar nicht gewusst hatten, wer Sie sind. Hand aufs Herz: Hätten Sie die Leistung für möglich gehalten?Nein. Es war mein erstes Zweier-Weltcuprennen, auch als Anschieber war ich nie dabei gewesen. Deshalb ist es eine verrückte Geschichte. Ich spürte am Morgen, dass es gut kommen könnte. Zudem schöpfte ich Kraft aus der Vergangenheit: Auch Beat Hefti war in Winterberg sein erstes Rennen als Pilot gefahren, hatte es ebenfalls gewonnen.

Ihr Jubel fiel doch ziemlich kontrolliert aus......ich freue mich sehr, aber ich will mir darauf nicht zu viel einbilden. Ohnehin bin ich nicht der Typ, der schnell die Fassung verliert. Ein wenig durchdrehen kann ich dann Ende Saison (lacht).

Wie lässt sich der Erfolg erklären?Am Start haben wir uns verbessert, zudem läuft der neue Schlitten hervorragend –mit dem alten Modell hatten wir Probleme bekundet. Weil wir im Europacup siegten, war ich sicher, bei den Besten konkurrenzfähig zu sein. Im Bob ist der Unterschied zwischen Europa- und Weltcup geringer als in anderen Sportarten.

Die Olympiaselektion ist Formsache. Was bedeutet Ihnen die Teilnahme?Ich will nicht zu euphorisch werden, schliesslich habe ich das Ticket noch nicht erhalten. (überlegt) Ein Lebenstraum würde in Erfüllung gehen. Olympia ist mein Antrieb. So faszinierend der Sport ist– ohne dieses Ziel würde ich mir das Ganze nicht antun.

Wie meinen Sie das?Es steckt extrem harte Arbeit dahinter, auch viel Verzicht. Würde ich normal arbeiten, wäre das deutlich lukrativer.

Nicht zuletzt wegen Ihres Efforts könnte Beat Hefti, Silbermedaillengewinner von 2014, die Spiele verpassen. Sie waren sein Anschieber – wie ist das Verhältnis?Mit Rico Peter (dem Schweizer Nummer-1-Piloten, die Red.) und seinem Team verstehe ich mich sicher besser als mit Hefti. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Im November stürzten Sie mit dem Viererbob – inwieweit beschäftigt Sie der Unfall noch?Psychisch überhaupt nicht mehr, physisch allerdings schon. Ich stiess gegen einen Befestigungsbolzen, durch drei Trainingshosen hindurch bohrte sich ein Splitter in mein rechtes Knie. Die Ärzte verzichteten aber, diesen zu entfernen.

Weshalb?Weil ich einen Hirnschlag erlitt, muss ich Blutverdünner nehmen. Aber es ist halb so wild. Den Splitter spüre ich am Morgen nach dem Aufstehen, im Wettkampf dank des Adrenalins aber nicht.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt