Lächelnd im Licht

Vor zehn Monaten riss sich Lara Gut in St. Moritz das Kreuzband. Nun ist die 26-Jährige ins Engadin zurückgekehrt – und sie versprüht vor dem Auftakt ins Renn­wochenende viel Zuversicht.

Gut gelaunt: Lara Gut bereitet die Rückkehr nach St. Moritz sichtlich Spass.

Gut gelaunt: Lara Gut bereitet die Rückkehr nach St. Moritz sichtlich Spass.

(Bild: Keystone)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Das Licht ist gedämpft, der grosse Saal voll. Alles wartet auf die Hauptdarstellerin, und diese weiss genau, wie sie auf sich aufmerksam machen kann. Plötzlich startet ein Video auf einem grossen Bildschirm, es zeigt Lara Gut bei der Anfahrt nach St. Moritz im Auto mit Vater Pauli. Die Tessinerin lacht, spricht von den vielen schönen Erinnerungen, die sie mit den Rennen im Engadin verbindet. Hier war sie als 16-Jährige zum ersten Mal in die Top 3 gefahren, ehe sie zehn Monate später an selber Stätte ihren ersten Weltcupsieg feierte. Und hier hat sie im Frühjahr 2016 als erste Schweizerin seit Vreni Schneider die grosse Kristallkugel erhalten.

Als das Video zu Ende ist, schreitet Gut durch den Saal auf die Bühne. Das Licht ist auf sie gerichtet, und sie hat alles im Griff. In den folgenden Minuten parliert sie in vier Sprachen, wechselt dabei spielerisch hin und her. Und: Sie lacht, immer wieder. «Als ich im September erstmals nach meiner Verletzung zu den Medien sprach, ging es um meine Reha, um mich als Menschen», erzählt sie. «Nun ist es schön, bin ich wieder als Athletin gefragt.» Für Gut weckt die Rückkehr ins Engadin allerdings nicht nur schöne Erinnerungen. Am 10. Februar riss sie sich beim Einfahren für den Slalom der WM-Kombination das Kreuzband im linken Knie, verliess die grosse Bühne im Helikopter.

Menschlich gereift

«Vielleicht hat es diese Verletzung gebraucht dafür, die Balance zwischen Spitzensportlerin und Mensch zu finden», hielt sie im September fest. Gut hatte sich zuvor ganz bewusst zurückge­zogen, sich Zeit für die Reha gelassen. Und sie kehrte in sich, begann intensiv zu lesen, pflegte Freundschaften. «Nach dem Sieg im Gesamtweltcup wurde ich nur noch als Objekt wahrge­nommen», sagte Gut einmal. Dieser Druck, ständig liefern zu müssen, machte die Tessinerin zu einer Getriebenen; die gravierende Knieverletzung verstand sie deshalb als deutliches Signal ihres Körpers.

Zehn Monate später ist vieles anders. Reagierte die 26-Jährige früher öfter gereizt auf die Fragen der Journalisten, gibt sie sich nun jovial – selbst wenn sie zum gefühlt hundertsten Mal Auskunft über ihre besondere Verbindung mit St. Moritz geben muss. Es scheint fast schon filmreif, beginnt das Rennprogramm im Engadin heute ausgerechnet mit einer Kombination (siehe Kasten).

«Als ich das gesehen habe, wusste ich sofort, dass ich am Start stehen will», hält Gut fest. Nicht weil sie etwas gutzumachen hätte, sondern weil sie einfach wieder Rennen fahren wolle. Beim Einfahren auf der Piste, auf der sie sich das Kreuzband ge­rissen hatte, wurde sie gestern von diversen TV-Teams gefilmt. «Aber das hat mich nicht gestresst», sagt sie, «weil ich mir Zeit für mich genommen habe, um das zu tun, was ich liebe: Ski fahren. Da habe ich realisiert, wie sehr ich mich als Mensch ver­ändert habe.»

Geglücktes Comeback

Gut sagt, sie habe nicht möglichst schnell, sondern möglichst stark zurückkehren wollen. Das ist ihr gelungen. Letzten Sonntag fuhr sie im Super-G von Lake Louise auf Rang 2, es handelte sich erst um das fünfte Rennen seit ihrem Comeback. «Das hat mich überrascht», hält Gut fest. Nicht überrascht zeigt sich derweil Hans Flatscher. Der Schweizer Cheftrainer sagt, Gut habe vor ihrer Verletzung im Super-G einen Vorsprung auf die Konkurrenz gehabt. Entsprechend erwartete der Österreicher, dass die Tessinerin in dieser Disziplin rasch wieder würde mithalten können.

Nun finden am Wochenende in St. Moritz zwei Super-Gs statt. Das Programm sei ideal für Gut, findet Flatscher. «Das hilft ihr, wieder richtig in den Rhythmus zu kommen.» Allerdings ist durch die Leistung von Lake Louise auch die Erwartungshaltung gestiegen. Sie wolle immer schnell fahren, betont Gut, ohne dabei ein konkretes Ziel zu nennen. Und letzten Sonntag habe sie gesehen, dass sie dazu wieder in der Lage sei. Wieder lächelt sie. Als Mensch mag sie sich verändert haben, als Skifahrerin ist sie eine Ausnahmekönnerin geblieben.

Berner Zeitung

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