Verrückte Gentlemen

Auf dem gefrorenen St. Moritzersee wird auch Cricket gespielt. Jeden Winter seit fast 30 Jahren gibt es ein internationales Turnier.

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Der Wind hat angezogen, er bläst über die zugefrorene Wasserfläche unterhalb von St. Moritz. Er zerrt an den Tribünen der White-Turf-Rennbahn. Er rüttelt am Verpflegungszelt, das nicht weit davon entfernt steht und Makkaroni für hungrige Cricketspieler anbietet.

Neben dem Zelt steht Martin Ber­thod. Der Direktor für Sport und Events bei St. Moritz Tourismus versucht sich zu erinnern, wie es dazu gekommen ist, dass seit 29 Jahren Männer allen Alters aus dem ganzen Commonwealth – dem Einflussbereich der britischen Krone – für drei Tage ins Engadin kommen, um frierend Cricket zu spielen. Hinter ihm tragen an diesem Samstag die Schweizer Teams Lyzeum Alpinum und Cossonay das letzte Spiel der Round Robin aus. Noch immer kämpfen sie mit den Verhältnissen: Der Werfer kann dem hier eigens verwendeten weichen Kunststoffball weniger Spin mitgeben als dem üblichen harten Lederball, für den Schläger springt er auf dem dünnen Teppich zu hoch ab, und die Fänger rutschen auf dem Eis mehr, als dass sie rennen. Nicht zuletzt wegen dieser Erfahrung reisen Inder oder Südafrikaner an.

Start an der Hotelbar

Der Tourismusdirektor sagt: «Es war eine Bier­idee um zwei oder drei Uhr morgens.» Wie so vieles in St. Moritz hat auch dieses Cricketturnier seinen ­Anfang an ­einer Hotelbar genommen. In den 80er-Jahren spielte man noch Golf auf dem gefrorenen See. «Einer sagte zu mir, wenn man Golf spielen könne, ginge auch Cricket», erinnert sich Ber­thod. Vom Spiel wusste er nicht viel, aber er ­erwiderte, ihm gefalle die Idee. Er werde sich um das Spielfeld kümmern, wenn der andere die Teams bringe. Die ­Arbeitsteilung ist bis heute geblieben.

Beim Cricket versucht ein Werfer das Ziel von drei Holzstäben, auf denen zwei Holzrollen ruhen, umzuwerfen. Vor den Stäben steht der Batsman und bemüht sich, den Ball mit einem flachen Schläger zu treffen. Gelingt das, kann er zwischen den Stäben und dem Werfer hin- und herrennen: Jeder Lauf ist ein Punkt. Er rennt, bis das Team des Werfers den Ball zurück­gebracht hat – ähnlich wie beim Baseball. Unter den Werfern gibt es drei Typen: solche, die den Ball gerade und hart schleudern, über 100 Kilometer pro Stunde schnell. Solche, die dem Ball Drall geben, damit er beim vorgeschriebenen Aufsetzer vor dem Batsman unberechenbar wegspringt. Und solche, die Bälle mit ungerader Flugbahn werfen können. Dem Batsman bleiben Sekundenbruchteile, um den Ball überhaupt zu sehen und zu treffen – eine schwierige Aufgabe. Betritt ein neuer Schläger das Feld, applaudieren deshalb jeweils Publikum und Gegenspieler respektvoll.

Einige Jubelrufe und ein kurzer ­Applaus lassen Berthod herumfahren. Ein Fänger hat einen Ball direkt er­wischt, deshalb muss der Schläger das Feld verlassen. Ein Höhepunkt. Cricket ist ein Spiel, das oft die Zeit zwischen den entscheidenden Momenten so zerdehnt, dass man meinen könnte, es ­geschehe nichts. Spiele ziehen sich manchmal über Tage hin. In St. Moritz hat man die Dauer auf drei Stunden begrenzt – um den Zuschauern etwas zu bieten.

Politische und eisige Raserei

In der Schweiz gibt es keine Meisterschaft. Es existieren nur wenige Clubs. Dieses internationale Turnier ist auch die Verbindung zu diesem Sport, der Millionen von Menschen in Begeisterung und Raserei versetzen kann. Spielt Pakistan gegen ­Indien, steht dort das öffentliche Leben still. Die Spannung der Fans kann leicht zur politische Eruption werden. Ebenso riesig ist die Rivalität, wenn England gegen Australien antritt. Seit vielen Jahren organisiert Daniel Haering das Turnier. Der Zürcher hat das Spiel als Schüler im Internat in Zuoz erlernt – wo 1924 das erste Mal in der Schweiz Cricket gespielt wurde. Jedes Jahr tritt auch ein Schülerteam auf dem Eis an. Für Haering ist das Spiel eine ­Lebensschule. «Einer allein kann nicht gewinnen, aber das Team braucht ein paar Leader, welche die wichtigen Entscheide treffen», sagt er. Und er liebt Cricket dafür, dass es so «british» ist. Dass Gentlemen verrückte Ideen haben können. «Früher spielten wir nur nachmittags Cricket», sagt er, «damit wir morgens auf den Cresta Run konnten.» Beim Cresta Run stürzt man sich kopfvoran auf einem flachen Schlitten eine Natur­eisbahn hinab. Auch so eine Idee der Briten. Haering lacht.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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