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Corona-OpferSterben die Menschen mit oder am Virus?

Wie viele Tote die Pandemie tatsächlich verursacht hat, wird viel diskutiert. Jetzt geben zwei Studien aus Italien Hinweise über die Tödlichkeit von Covid-19.

Ankunft des Leichentransports durch einen Armeelastwagen aus der Gegend von Bergamo zum Friedhof von Cinisello, Ende März 2020 in Cinisello Balsamo, Italien
Ankunft des Leichentransports durch einen Armeelastwagen aus der Gegend von Bergamo zum Friedhof von Cinisello, Ende März 2020 in Cinisello Balsamo, Italien
Foto: Cinisello Balsamo/ La Presse/Keystone

Wie viele Tote das neue Coronavirus schon gefordert hat und ob es überhaupt so gefährlich ist, wie fast alle Regierungen dieser Welt sagen das ist bis heute Gegenstand engagierter Debatten. An Sars-CoV-2 würden vornehmlich jene Infizierte sterben, denen aufgrund ihrer Krankheiten ohnehin ein baldiges Ableben bevorstehe, werfen manche Kritiker strenger Anti-Corona-Massnahmen ein. Am Ende seien diese Leute nicht an, sondern nur mit dem neuen Coronavirus gestorben, das an sich eigentlich harmlos sei.

Dass das Gegenteil der Fall ist, zeigen nun erneut zwei Studien aus Italien. Die Botschaft lautet vielmehr: Die Zahl der Corona-Toten ist noch viel höher, als die offiziellen Statistiken bislang ahnen liessen. Dies hatten schon Ende April erste Analysen gezeigt. Nun sind Wissenschaftler von den Universitäten Mailand und Palermo noch einmal der Frage nachgegangen, wie viel mehr Menschen in Italien während der Hochphase der Pandemie gestorben sind, als es für die Zeit normal gewesen wäre.

Die Wissenschaftler haben die Todesfallstatistik des Nationalen Statistik-Instituts Italiens (Istat) ausgewertet und mit den Covid-19-Sterbezahlen verglichen. Für ihre im Fachblatt «Jama Internal Medicine» erschienene Analyse werteten sie die Sterbezahlen von 1689 italienischen Gemeinden aus, was etwa einem Fünftel aller Gemeinden Italiens entspricht.

«Die offizielle Zahl der Covid-19-Toten in Italien unterschätzt den tatsächlichen Anstieg der Mortalität während der Pandemie»

Manfredi Rizzo, Nicola Montano

In diesen Gemeinden waren zwischen dem 1. März und dem 4. April der Jahre 2015 bis 2019 wöchentlich jeweils rund 4000 Menschen gestorben. Im Jahr 2020 aber stieg die Zahl der Todesfälle steil annun waren es zwischen 1000 und mehr als 10000 pro Woche mehr. Die Zahl der offiziellen Covid-19-Toten lag weit unter diesen zusätzlichen Sterbefällen. Sie stieg bis zum 4. April von null auf gut 5000 pro Woche an. «Die offizielle Zahl der Covid-19-Toten in Italien unterschätzt, wie in anderen Ländern auch, substanziell den tatsächlichen Anstieg der Mortalität während der Pandemie», folgern die Autoren um Manfredi Rizzo und Nicola Montano.

Zahlreiche Corona-bedingte Todesfälle sind den Behörden demnach entgangen auch weil Menschen, die zu Hause oder in Heimen starben, nicht auf Sars-CoV-2 getestet und deshalb nicht als Covid-19-Fälle gezählt wurden. Während in den Jahren 2015 bis 2019 im März und in den ersten Apriltagen in den untersuchten Gemeinden durchschnittlich jeweils 20214 Menschen starben, waren es im selben Zeitraum dieses Jahres 41329 also mehr als doppelt so viele.

Fast die Hälfte der Todesfälle fiel auf die besonders hart von der Pandemie getroffene Lombardei. Hier starben 19’824 Menschen, während es 2019 zur selben Zeit 7248 waren, was einem Anstieg auf das 2,8-Fache entspricht.

Nicht alle diese zusätzlichen Todesfälle gehen zwingend auf Sars-CoV-2 zurück. Es sei möglich, dass die Überlastung regionaler Gesundheitssysteme ihren Tribut gefordert hat, sagt Berit Lange, Epidemiologin vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Das sehen auch Rizzo und Montano so: Neben Todesfällen, die direkt durch das Virus verursacht wurden, gebe es gewiss auch solche, die durch die Folgen der Pandemie entstanden sind, darunter auch, dass Patienten Ärzte und Krankenhäuser mieden.

Bei 89 Prozent der Covid-19-Opfer war das Virus die direkte Todesursache

Vor allem Männer starben verfrüht. Die Zahl der männlichen Toten in Italien war im untersuchten Zeitraum 2020 etwa 2,3-mal so hoch wie im Durchschnitt der fünf Vorjahre; die der Frauen nur 1,8-mal so hoch. Zudem fanden vor allem ältere Menschen überdurchschnittlich oft den Tod, allerdings wuchs ihre Sterberate in höherem Alter nicht weiter an. So war die Zahl der Todesfälle zwischen 65 und 74 Jahren 2,1-mal erhöht, ebenso wie die für über 74-Jährige.

Was genau den Tod ausgelöst hat, haben Wissenschaftler ebenfalls untersucht. Bei 89 Prozent der offiziellen Covid-19-Opfer sei das Virus die direkte Todesursache gewesen, ergab eine Analyse der obersten italienischen Gesundheitsbehörde Iss und des Istat, die die Krankenakten von rund 5000 Covid-19-Toten ausgewertet hat. Bei den übrigen elf Prozent habe zwar eine Infektion vorgelegen, konstatiert das Istat in seinem Bericht, diese Menschen seien aber an anderen Erkrankungen gestorben, darunter Herzleiden, Krebs, Diabetes und Demenz.

In den allermeisten Fällen, nämlich bei 79 Prozent der Verstorbenen, sei eine Lungenentzündung der Auslöser gewesen, folgert das Istat. Weitere Komplikationen, die zum Tod der Patienten führten, waren Ateminsuffizienz, Schock, Herzprobleme und Blutvergiftung. Zahlreiche Patienten hatten eine Vorerkrankung, manche sogar zwei oder mehr. Doch ein nicht unerheblicher Anteil war vor der Pandemie schlichtweg gesund, mahnt der Bericht: «In 28,2 Prozent der analysierten Fälle gab es keinen anderen Grund, der zum Tod beitrug, als Covid-19.»

143 Kommentare
    Ueli Flückiger

    "In diesen Gemeinden waren zwischen dem 1. März und dem 4. April der Jahre 2015 bis 2019 wöchentlich jeweils rund 4000 Menschen gestorben. Im Jahr 2020 aber stieg die Zahl der Todesfälle steil an – nun waren es zwischen 1000 und mehr als 10’000 pro Woche mehr."

    Kann mir jemand diesen letzten Satz erklären?