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Erlebnisbericht: «Ich hatte abgeschlossen. Meine Augen fielen zu»

Die 22-jährige Julia hat das Loveparade-Drama knapp überlebt. Die Erlebnisse, die sie in ihrem Blog beschreibt, sind eindrücklich.

Die Schuldfrage ist noch nicht geklärt: Der Entwurf eines Stahlreliefs des Künstlers Jürgen Meister, das zum Gedenken an die 21 Opfer der Loveparade in der Nähe der Unglücksstelle in Duisburg aufgestellt werden soll. (20. Dezember 10)
Die Schuldfrage ist noch nicht geklärt: Der Entwurf eines Stahlreliefs des Künstlers Jürgen Meister, das zum Gedenken an die 21 Opfer der Loveparade in der Nähe der Unglücksstelle in Duisburg aufgestellt werden soll. (20. Dezember 10)
Keystone
Am 1. Juni 2011 wurde bekannt, dass sich der Anfangsverdacht bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Duisburg zum Loveparade-Drama bestätigt hat.
Am 1. Juni 2011 wurde bekannt, dass sich der Anfangsverdacht bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Duisburg zum Loveparade-Drama bestätigt hat.
Keystone
Die Polizei war mit 1200 Beamten vor Ort.
Die Polizei war mit 1200 Beamten vor Ort.
Keystone
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«Es sollte eigentlich eine feucht-fröhliche Party geben. Ich und vier meiner Freundinnen hübschten uns auf und zogen dann los auf die vollen Strassen.» So beginnt die 22-jährige Julia aus Duisburg den ersten Blog-Eintrag über ihre Erlebnisse an der Loveparade am vergangenen Samstag. Und am Schluss des Berichts, den sie am Sonntagabend veröffentlichte, steht: «Ich frage mich: Warum? Eine Tragödie.»

Eindrücklich schildert Julia ihren Überlebenskampf in der Menschenmenge. Besonders bewegend sind die Passagen über die schlimmsten Momente: «Ich bekam richtig Panik. Mein Brustkorb schmerzte, ich wurde langsam unter der Menschenmenge begraben. Ich hörte noch Schreie, dann hörte und sah ich nichts mehr, um mich herum wurde alles schwarz. Jemand war auf mich gestürzt. (...) Ich konnte meinen Kopf nicht mehr bewegen, keine Stelle meines Körpers. Ich rang nach Luft, doch ich bekam keine. (...) Dann wurde alles dunkel. Ich rang um Luft, sagte mir in Gedanken: Dein Leben ist vorbei. Ich biss der Person über mir voller Verzweiflung in den Rücken, dass sie sich doch bewegen soll. (...) Ich hatte abgeschlossen. Meine Augen fielen zu, ich fühlte mich ganz leicht und warm. Alles wurde still um mich.»

Der Junge, der neben ihr stirbt

Als Julia das Bewusstsein wieder erlangt, denkt sie an einen Jungen, der in ihrer Nähe um sein Leben kämpfte: «Ich drehte mich um, schüttelte ihn. Als ich in sein Gesicht blickte, war er bereits blau angelaufen und regte sich nicht mehr. Ich wusste: Er war tot. Ich wurde erneut bewusstlos, fiel mit dem Rücken zum Boden. Ich spürte Tritte, hysterische Menschen, die Geräusche kehrten zurück. Jemand tritt mir auf den Hals. Ich seh eine Hand.»

Ein junger Mann nimmt sie in den Arm und tröstet sie. Julia wird aus der Gefahrenzone geführt. Endlich kommt die Versorgung durch die Sanitäter: «Ich werde auf eine Trage gehoben, bekomm eine Schockdecke, mein Blutdruck wird gemessen. Ich werde beatmet und bekomme eine Infusion und starke Beruhigungsmittel. Zucke wieder zusammen, als ich sehe, was hinter mir passiert. Dann endlich komm ich in einen Krankenwagen. Ab ins Bethesda Krankenhaus. Dort werde ich behandelt, bekomme die Höchstdosis an Beruhigungsmitteln, ein Seelsorger kommt und redet mit mir, versucht mich zu trösten und besorgt mir eine Zigarette. (...) Laufen kann ich noch nicht, stehe unter Schock. (...) Bekomme Schlafmittel, kann jedoch nicht schlafen. Habe die ganze Zeit das Gesicht des toten Jungen im Kopf. Nach vier Stunden im Krankenhaus kommen endlich meine Eltern, völlig aufgelöst.»

Als sie wieder zu Hause ist, erfährt sie, dass ihre vier Freundinnen das Loveparade-Drama überlebt haben. Julia schreibt auch über ihre gesundheitliche Verfassung am Tag danach: «Ich habe schreckliche Schmerzen, jeder Zentimeter tut mir weh. Ich frage mich: WARUM? Doch mein Kopf erlaubt mir noch kein Denken. (...) Ich fühle mich leer.»

Forum für Betroffene

«Julias Loveparade Blog» hat ein lebhaftes Echo ausgelöst. Zu ihrem ersten Bericht gab es über 300 Kommentare von Leserinnen und Lesern. Die Mehrheit äusserte Betroffenheit und Mitgefühl und wünschte Julia Glück und Gesundheit für die Zukunft. Es meldeten sich viele Leute, die selber an der Loveparade waren und/oder Freunde und Familienangehörige verloren. In kurzer Zeit hat sich der Blog der 22-jährigen Frau zu einem Forum entwickelt, wo sich Betroffene austauschen können.

In den Kommentaren gab es aber auch negative Äusserungen. So wurde Julia unter anderem vorgeworfen, sie sei eine Reporterin und mediengeil. Solche Vorwürfe hat die Bloggerin inzwischen entschieden zurückgewiesen: «Ich möchte nur meine Geschichte erzählen. Ich mache das für mich, für andere Betroffene und die Menschen, die Interesse daran haben zu wissen, wie es sich überhaupt anfühlt, so etwas miterlebt zu haben. Böse Kommentare kann ich nicht gebrauchen.»

Seit Sonntag hat sich Julia jeden Tag auf ihrem Blog geäussert. Der letzte Eintrag stammt von letzter Nacht. Und dieser zeigt, dass die Bewältigung des Traumas der Loveparade noch in den Anfängen steht.

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