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Boomendes BuchgeschäftThe Art of the Book-Deal

Die Obama-Memoiren retten dem Mediengiganten Bertelsmann das von Corona verhagelte Geschäft. Dessen Chef Thomas Rabe hat die entscheidenden Deals dafür gemacht.

Der Finanz-Mann an der Spitze des ««multilokalen Kreativunternehmens» Bertelsmann: Thomas Rabe.
Der Finanz-Mann an der Spitze des ««multilokalen Kreativunternehmens» Bertelsmann: Thomas Rabe.
Foto: Getty

Tausend Seiten schwer liegt «Ein verheissenes Land» von Barack Obama nun in den Schweizer Buchhandlungen, Listenpreis: 55.90 Franken. (Lesen Sie hier unsere Buchkritik.) Die neue Autobiografie des ehemaligen US-Präsidenten ist aber ein globales Buchphänomen: Übersetzt in 25 Sprachen, ist der Wälzer gleichzeitig auf der ganzen Welt erhältlich, überall mit dem gleichen Einband. Dazu kommen die elektronischen Ausgaben und das von Obama selbst gesprochene Hörbuch. Ein Marketing-Blitzkrieg mit Interviews und Auftritten Obamas begleitet den Buchstart.

Ein vielversprechendes Buch: Die Memoiren des Ex-US-Präsidenten, weltweit gleichzeitig in 25 Sprachen erschienen.
Ein vielversprechendes Buch: Die Memoiren des Ex-US-Präsidenten, weltweit gleichzeitig in 25 Sprachen erschienen.
Foto: Jamie McCarthy (Getty)

Nur ein Unternehmen ist in der Lage, eine solche weltweite Buchpremiere zu orchestrieren: der deutsche Medienkonzern Bertelsmann. Sein Chef Thomas Rabe hat seit 2014 aus dem US-Verlagshaus Random House und dem ursprünglich britischen Penguin-Verlag den mit Abstand weltweit grössten Buchverlag geformt: Penguin Random House.

Allein die amerikanische Erstauflage liegt bei drei Millionen Exemplaren. Die Hälfte davon druckte Bertelsmann in Deutschland und verschiffte sie in hundert Containern zurück in die USA.

Ausgerechnet das oft totgesagte Buch also hilft jetzt einem Medienkonzern aus der Krise. Zu Bertelsmann gehören die Fernsehgruppe RTL und der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, die beide schwer unter dem Werbeeinbruch in der Corona-Krise leiden. Bertelsmann-Chef Rabe erhofft sich von Obama den entscheidenden Geschäftsimpuls im zweiten Halbjahr.

Trump im selben Verlag

Für Rabe zahlt sich nun ein Deal von 2017 aus: Sein Buchverlag hatte sich damals die Rechte an den Biografien von Michelle und Barack gesichert – für sagenhafte 60 Millionen Franken. Der unglaublich hohe Preis löste in der Verlagswelt Kopfschütteln aus. Aber Michelle Obamas «Becoming» ist mit 13 Millionen verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten Bücher überhaupt. Und mit 890’000 verkauften Exemplare allein am ersten Tag ist ihr Mann auf Kurs, sie zu übertreffen.

Es ist, als hätte der Bertelsmann-Chef die Lehren eines anderen Random-House-Autors verinnerlicht: Donald Trump. Dessen «Art of the Deal» mit dem Ratschlag, nur in grossen Dimensionen zu denken, ist in den Achtzigerjahren tatsächlich im selben Verlag erschienen wie jetzt die Obama-Memoiren.

Thomas Rabe, 55, ist der Erste, der zugibt, dass sein Erfolg weniger mit genialen Geschäftsideen zu tun hat als mit dem Riecher für die richtige Firmenübernahme. «Etablierten Unternehmen gelingt es offenbar einfach nicht, selbst neue Geschäftsmodelle zu entwickeln», sagte Rabe dem «Spiegel».

Seine Karriere hat Rabe auf der Finanzseite der Unternehmen gemacht, für die er arbeitete. Nach einem Betriebswirtschaftsstudium, Stationen in der Europäischen Kommission in Brüssel und in einer Anwaltsfirma wurde er 2000 Finanzchef von RTL, dann Finanzchef der ganzen Bertelsmann-Gruppe.

Bald auch noch Bob Woodward

Geholfen hat Rabe aber auch sein internationaler Hintergrund: Er wurde in Luxemburg geboren, wuchs in Brüssel auf (wo er Bass in einer Punk-Band spielte) und spricht vier Sprachen. Von Bertelsmann spricht er gern im unnachahmlichen Managersprech als «multilokales Kreativunternehmen».

Und dieses will er nun gern nochmals etwas grösser machen. Offenbar steht Simon & Schuster zum Verkauf, der Verlag des Enthüllungsjournalisten Bob Woodward. «Furcht» und «Wut», dessen zwei Bestseller über die Trump-Präsidentschaft passen eigentlich ganz gut ins Bertelsmann-Portfolio.