Verena Bahlsen labert drauflos

Vielleicht ist die Firmenerbin eine ­Terrorzelle, die den deutschen Kapitalismus zerstören soll.

Verena Bahlsen, die Erbin des gleichnamigen Keksimperiums, geriet vergangene Woche in einen Shitstorm. Zuerst hatte sie launig verkündet, sie sei «Radikal-Kapitalistin» und wolle sich als Firmenerbin «Jachten kaufen von den Dividenden». Als sie daran erinnert wurde, dass ihr Erbe unter anderem durch Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg erwirtschaftet worden sei, konterte sie: «Die Zwangsarbeiter wurden ­anständig bezahlt und gut behandelt.» Was schon vom Wort her ein Widerspruch ist. Es sei denn, eine Vergewaltigung ist zwanglos, wenn die Vergewaltigte anschliessend ein Sackgeld bekommt.

Frau Bahlsen hatte eigentlich über ihr Hobby – ein Restaurant für gesunde und nachhaltige «Food Innovation» – sprechen wollen, war dann aber wegen der lockeren ­Atmosphäre auf andere Themen gekommen. Sie ist ein gut gelauntes Kind des postpolitischen Kapitalismus. Come on, sagt Frau ­Bahlsen, so ist es doch: Die einen schaffen Mehrwert unter ­militärischem oder ökonomischem Zwang. Die anderen erben diesen Mehrwert und kaufen sich davon ein Vegi-Restaurant, mit dem sie noch mehr Kapital scheffeln. Das ist so irre, da muss man doch einfach Witze drüber machen!

«Ihre Statements haben das Zeug zu feudalistischen All-­Time-Klassikern.»

Natürlich ist der Fall Bahlsen nur ein wahllos herausge­griffenes Beispiel. Verglichen etwa mit dem österreichischen Vizekanzler Strache, der die Pressefreiheit zwischen zwei Nazi-Verharmlosungen an russische Fake-Oligarchen verkauft, ist es nicht der Rede wert. Aber interessant ist der Fall trotzdem. Bei der Generation der Grossväter, sogar noch bei den Straches, hatte man geheime Aufnahmegeräte aufstellen müssen, um solche Statements abzuholen. ­Verena Bahlsen sitzt, wie eine Zeitung anlässlich der Eröffnung des Bahlsen-Restaurants schrieb, «im minimalistischen Food-Space» und labert drauflos.

Ähnlich wie das berühmte «Sollen sie doch Kuchen essen», das Marie-Antoinette kurz vor der Französischen Revolution anlässlich einer in den Pariser Armenvierteln drohenden Brotknappheit geäussert haben soll, haben ihre Statements das Zeug zu feudalistischen All-­Time-Klassikern. Mit Begriffen wie «Innovation» oder «Nachhaltigkeit» wird entspannt über ein System extremster Ausbeutung von Menschen und Ressourcen drübergebügelt. Falls irgend­jemand den geringsten Zweifel an der völlig uninspirierten Brutalität des postmodernen ­Kapitalismus haben sollte: Der google «Bahlsen», «Nachhaltigkeit» und «Zwangsarbeit».

Fast kommt es mir vor, Verena Bahlsen sei eine von Satirikern erfundene Kunstfigur, so gut fügen sich alle antikapitalistischen Klischees zu einem Bild zusammen. Vielleicht ist die junge Firmenerbin ja in Wahrheit eine ­Terrorzelle, die den deutschen Kapitalismus gleich insgesamt zerstören soll. Denn ein ­anderes Statement von Verena Bahlsen, das sie an einem «Innovation Day» geäussert ­haben soll, lautet: «Wir können uns nicht in bestehenden Systemen weiterentwickeln.»



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