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Viel Rauch um E-Zigaretten

Für Menschen, die vom Tabak loskommen wollen, bieten sich heute E-Zigaretten an. Doch diese haben bei den ­Behörden einen schweren Stand. Obwohl beim Dampfen kein Rauch entsteht, ist in der Szene Feuer im Dach.

Dampfen statt rauchen: E-Zigaretten wären weniger schädlich als die Tabakversion – dennoch wird ihr Gebrauch von Politik und Behörden erschwert.
Dampfen statt rauchen: E-Zigaretten wären weniger schädlich als die Tabakversion – dennoch wird ihr Gebrauch von Politik und Behörden erschwert.
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Elektronische Zigaretten erfreuen sich seit einigen Jahren auch in der Schweiz zunehmender Beliebtheit. So hat sich der Umsatz hierzulande seit 2012 gut verdoppelt auf heute über 16 Millionen Franken pro Jahr. Gekauft und benutzt werden E-Zigaretten hauptsächlich von starken Rauchern, die auf diese Weise ihren Tabakkonsum reduzieren oder ganz einstellen möchten. Gegen solche Versuche hat gewiss niemand etwas einzuwenden.

Allerdings befürchtet die Eidgenössische Kommission für Tabakprävention, dass die E-Zigis insbesondere von Jugendlichen als Einstieg in einen späteren Tabakkonsum dienen könnten. Wer sich heute indes bei jungen Leuten umsieht, wird vielen Jungrauchern begegnen, aber kaum einem, der es «cool» fände, sich mit einer elektronischen Dampfmaschine zu zeigen.

Mit und ohne Nikotin

Sogenannte Liquids, wie sie in E-Zigaretten verdampft werden, waren in der Schweiz schon immer frei verkäuflich – sofern sie kein Nikotin enthielten. Nach den Erfahrungen von Joël Riederer vom Tabakgrosshändler Wellauer in Buchs SG gibt es durchaus aufhörwillige Raucherinnen und Raucher, die sich mit Liquids ohne Nikotin begnügen. Denn: «Personen, die aufhören möchten, Zigaretten zu rauchen, scheitern oft nicht am Nikotinentzug, sondern an den Bewegungen und ihren Gewohnheiten. Mit den E-Zigaretten haben diese Personen etwas mit den Händen und dem Mund zu tun, müssen aber kein Nikotin zu sich nehmen.»

Wissenschaftlich betrachtet ist die Luft an einer städtischen ­Kreuzung gefährlicher als das Dampfen einer E-Zigarette.

Beda Stadler (66), emeritierter Immunologieprofessor derUniversität Bern

Die meisten unter den starken Raucherinnen und Rauchern schaffen den Umstieg freilich nur, wenn sie – zumindest vorerst – nicht auf Nikotin verzichten müssen, zum Beispiel eben durch nikotinhaltige Liquids. Doch die sind seit einem Jahr verboten. Am 12. November des letzten Jahres verfügte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), die «kommerzielle Einfuhr» und das «Inverkehrbringen» von nikotinhaltigen Liquids sei nicht mehr zulässig. Denn diese Liquids «könnten die Gesundheit von Menschen gefährden». Ausserdem sei die Sicherheit der Produkte nicht gewährleistet.

Seltsames Verbot

Merkwürdigerweise ergänzte das BLV jedoch, «dass E-Liquids mit Nikotin von Privatpersonen zum Eigengebrauch sehr wohl eingeführt werden dürfen, solange kein Verdacht auf Handel besteht». Mit anderen Worten: Es ist erlaubt, von irgendwelchen dubiosen Händlern aus dem Ausland nikotinhaltige Liquids bis zu einer Menge von 150 Millilitern pro Sendung für den Eigengebrauch zu importieren – aber es ist verboten, sich ein Fläschchen von 15 Millilitern aus sicherer Quelle in einem vertrauenswürdigen schweizerischen Geschäft abmischen zu lassen.

Die den Bundesrat beratende Tabakkommission wiederholte Ende September in ihrem aktualisierten Positionsbezug die gesundheitlichen Gefahren, die möglicherweise von E-Zigaretten ausgehen könnten. Sehr wichtig ist der Kommission ausserdem, zu «verhindern, dass Rauchen wieder als normales Verhalten betrachtet wird».

Prominenter Kritiker

Mit der Angabe einer Reihe von Studien wollte die Tabakkommission die Warnungen vor möglichen Gefahren, die von E-Zigaretten ausgehen, untermauern. Es dauerte keine zwei Wochen, bis sich der Verband der Anbieter von E-Zigaretten sowie die Konsumentenvereinigung der E-Dampfer (Helvetic Vape) zur Wehr setzten und ihrerseits mit entsprechenden Studien von ­renommierten Universitäten belegen wollten, wie gross der ­gesundheitliche Nutzen von E-Zigaretten im Vergleich zum Tabakkonsum sei.

Als Laie ist es schwierig zu beurteilen, wer recht hat, wenn sich die Forscher und Expertinnen beider Seiten mit Argumenten und Gegenargumenten eindecken. Für den emeritierten Immunologieprofessor Beda M. Stadler (66) aber – selbst überzeugter E-Dampfer – ist die Sache klar: «Wissenschaftlich betrachtet ist die Luft an einer städtischen Kreuzung mit Sicherheit gefährlicher als das Dampfen einer E-Zigarette – ausserdem entsteht kein ‹Passivdampf›, der irgendjemanden beeinträchtigen könnte.»

Neue Steuern im Visier?

Der frühere Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern geht aber noch weiter: «Die Haltung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) und des BLV ist skandalös», sagt er gegenüber dieser Zeitung: «Tausende von Rauchern in der Schweiz, die inzwischen Dampfer sind, haben den Umstieg geschafft. Falls das BAG wirklich Leben retten möchte, müsste es schleunigst das Dampfen empfehlen und sich entschuldigen.» Was die Be­hörden aber tun werden, sei klar, so Stadler: «Das durch den ­Rückgang des Tabakkonsums verloren gegangene Geld muss wieder hereingeholt werden – also werde das Dampfen dem neuen Tabakgesetz unterstellt, damit neue Steuern erhoben werden können.»