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Wie weiter?Viele Olympia-Fragen sind noch nicht geklärt

Eine Absage der Spiele von Tokio ist nicht das unwahrscheinlichste Szenario. Und langsam rücken auch die Winterspiele in Peking 2022 in den Fokus.

Im Oktober soll entschieden werden, ob in Tokio überhaupt Spiele stattfinden.
Im Oktober soll entschieden werden, ob in Tokio überhaupt Spiele stattfinden.
Foto: Reuters

Ein Licht am Ende des Tunnels. Ein Leuchtfeuer der Hoffnung, um das sich die Welt versammeln werde. So klang das noch vor ein paar Wochen, wenn sie im Internationalen Olympischen Komitee (IOK) über ihre Sommerspiele sprachen, die sie wegen der Corona-Pandemie in den nächsten Hochsommer verlegt hatten. Und jetzt? Sind die Töne im Olymp auf einmal von einem ernsten Bass unterlegt: Man stecke in «echten Problemen», gab John Coates, der IOK-Vizepräsident und Chefinspektor für die Tokio-Spiele, unlängst zu.

Er sprach von 100’000 Sportlern, Helfern, Offiziellen und Reportern aus aller Welt, die man in Tokio versammeln müsse, ohne wohl über einen Impfstoff zu verfügen – Zuschauer waren da noch nicht mal eingerechnet. Wenn die Pandemie bis zu diesem Oktober halbwegs gezähmt werde, sei Olympia für 2021 jedenfalls machbar, sagte Coates – wenn nicht, so die unfrohe Botschaft, dann nicht. Und so gibt eine neue Kerndisziplin, die den Sport in den nächsten Monaten beschäftigen wird: olympisches Zittern.

Wohin mit all den Tribünen?

Der Kasai-Rinkai-Park liegt nur 15 S-Bahn-Minuten vom Tokioter Hauptbahnhof entfernt im Sonderbezirk Edogawa. Er ist eine Idylle am Meer mit Aquarium, Grillwiese und Riesenrad, eine der grössten Grünanlagen Tokios und ein Schauplatz der verlegten Sommerspiele. Im Ostteil ragen Pinien und Stahlrohrtribünen auf. Von einer Anhöhe aus kann man das Becken der ersten künstlichen Wildwasserstrecke Japans sehen. Was wird dort passieren, bis im nächsten Jahr mit einjähriger Verspätung vielleicht um Medaillen gepaddelt wird?

Man weiss es noch nicht. So wie man insgesamt noch sehr wenig weiss, wie die Verlegung funktionieren soll. Das zumindest ist die Botschaft, die Toshiro Muto ausstrahlt, der Geschäftsführer des Tokioter Organisationskomitees. Auch für die vielen provisorischen Tribünen scheint der Plan nicht so klar. Manche Anlagen würden entfernt und nach einem neuen Bauplan wiederaufgebaut, sagt Muto ins Ungefähre hinein, ansonsten: «Es gibt kein allgemeines Statement.»

Mit den Unsicherheiten der Pandemie haben die zögerlichen Ansagen angeblich nichts zu tun. Lähmt die Angst vor einer späten Absage? Solche Gedanken darf Muto nicht zulassen. Zumal eine Absage laut Prognosen noch teurer käme als die Verlegung. Also versucht Muto, anderslautende Meinungen aus dem IOK einzufangen.

Toshiro Muto, Chef des Organisationskomitees, darf Gedanken einer Absage gar nicht erst zulassen.
Toshiro Muto, Chef des Organisationskomitees, darf Gedanken einer Absage gar nicht erst zulassen.
Foto: Reuters

«Unvorbereitet» habe ihn kürzlich der Umstand getroffen, dass IOK-Präsident Thomas Bach eine weitere Verlegung mit der Absage gleichsetzte. Und nachdem dessen Adlatus John Coates den Eindruck erweckt hatte, dass im Oktober die Entscheidung über Weitermachen oder Nicht-Weitermachen falle, fragte Muto bei diesem noch mal nach. «Er meinte, er habe nie über die Möglichkeit gesprochen, die Spiele nicht zu haben», berichtet Muto. Immerhin: «Mit Blick auf die Spiele sind wir uns alle einig, dass wir neben Massnahmen gegen die Hitze auch Coronavirus-Massnahmen brauchen.»

Aber mancher Virologe glaubt nicht daran, dass die weltweite Corona-Lage 2021 ein Ereignis mit Teilnehmern aus mehr als 200 Ländern erlaubt. Und Japans Premierminister Shinzo Abe besteht darauf, dass der Sommer 2021 der spätestmögliche Termin ist. Eine Absage ist demnach nicht das unwahrscheinlichste Szenario. Trotz der fertigen Tribünen.

Das Geld könnte knapp werden

Eine Verschiebung der Spiele Richtung Herbst 2021 schliesst auch der Kanadier Richard Pound aus. Zwar bestreiten die Organisatoren in Tokio, dass Japans Premier Abe und Thomas Bach über eine Absage überhaupt gesprochen hätten. Aber nicht nur Pound (78), der Doyen des IOK, vermutet, dass da vor allem «kulturelle Eigenheiten» im Spiel seien: «Es scheint eine gewisse nationale Abneigung zu geben, das absolute Ende der Flexibilität zu erklären.»

Diese aber steht aus Pounds Sicht fest: «Soweit ich weiss, akzeptiert jeder, dass, wenn die Spiele 2021 nicht möglich sind, dies das Ende des Weges ist.» Die Japaner hätten das sogar selbst so verfügt: «Erst schlugen sie eine Verschiebung um bis zu einem Jahr vor, das IOK stimmte zu. Dann schlugen sie die neuen Termine vor, und das IOK stimmte zu.»

Das olympische Geisterdorf: Nach den Spielen werden die Wohnungen zu Luxusappartements. Wann die Käufer nun aber einziehen können, ist unklar.
Das olympische Geisterdorf: Nach den Spielen werden die Wohnungen zu Luxusappartements. Wann die Käufer nun aber einziehen können, ist unklar.
Foto: Getty Images

Pound zeigt nun auch ein Kernproblem auf, das bisher unbeachtet blieb, den Ringe-Clan aber intensiv beschäftigt: «Konservativ besehen», sagt er, «muss das IOK damit rechnen, dass weder die Spiele in Tokio noch die Winterspiele 2022 in Peking stattfinden können.» Tatsächlich liegt zwischen den beiden Mega-Events bloss ein halbes Jahr – und das sind just der Herbst und der Winter, in denen die Virenbedrohung wächst. Wie soll in China ein Schneespektakel gelingen, wenn Monate zuvor der Sommer in Japan entfallen musste?

Das birgt eine bisher unvorstellbare Herausforderung für das IOK: Das Geld könnte knapp werden. So erklärt Pound auch den Umstand, dass der Olymp zwar jüngst Überbrückungshilfen für die Sommersportverbände von rund 150 Millionen Dollar auslobte, ohne dies zu substanziieren. Das IOK, so Pound, sehe eben schon die Gefahr einer Absage in China. Deshalb müsse es «sichergehen, dass es bei einem solchen unglücklichen Doppelmissgeschick finanziell überleben könnte».

Die Crux ist: Spiele vor Geisterkulissen sind genauso wenig erstrebenswert. Das IOK lebt von den Bildern eines dreiwöchigen Olympiafests, zumal Tokio ohnehin als Corona-Event gebrandmarkt ist. Eine Doppel-Absage wäre ein Desaster, das den alimentierten Spitzensport weit zurückwirft, bis zum nächsten Termin 2024 in Paris. Sponsoren hätten nichts zu sponsern, Sender nichts zu senden. Grosse Karrieren würden verpuffen, neue nicht erblühen. So besehen, muss Tokio stattfinden. Um jeden Preis.