Bastien Girod: «Das Resultat ist die Quittung für unsere Politik»

Interview

Die Grünen gehören für viele überraschend zu den grossen Verlierern der Wahlen. Für Nationalrat Bastien Girod kann es deshalb nicht einfach so weitergehen wie bisher.

Fordert einen grünen Neuanfang: Nationalrat Bastien Girod.

Fordert einen grünen Neuanfang: Nationalrat Bastien Girod.

(Bild: Keystone)

Peter Meier@bernpem

Herr Girod, wie tief sitzt der Schock des Wahlsonntags? Bastien Girod: Es ist schon sehr hart, wenn einerseits grüne Anliegen immer breitere Unterstützung finden in der Bevölkerung, aber die Grünen andererseits nicht stärker unterstützt werden.

Das Liebäugeln mit einem Bundesratssitz hat sich damit erledigt. Ja, sicher. Ein solcher Anspruch liesse sich im Moment nur zusammen mit den Grünliberalen stellen. Das ist sicher ein Punkt, den wir in der neuen Fraktion diskutieren müssen.

Wie erklären Sie den Absturz? Wir konnten die Bevölkerung offensichtlich nicht genügend davon überzeugen, dass wir die besten Rezepte für den Energiewandel haben. Auch dass unsere Politik die Lebensqualität verbessert, kam zu wenig an. In den vergangenen Jahren waren wir zu passiv. Dafür mussten wir am Sonntag die Rechnung bezahlen. Wir müssen künftig stärker auf ökologische Kompetenz setzen – und wir müssen unser Programm erneuern.

Das grüne Original hat die Zeit verschlafen und sich aus lauter Angst, linke Stimmen an die SP zu verlieren, nie aktiv um Wähler in der Mitte bemüht. Ja, diese Kritik müssen wir uns gefallen lassen. Wir müssen uns sicher breiter aufstellen und künftig weniger auf die SP schielen.

Ihre Partei hat es insbesondere verpasst, stärker auf die Anliegen des gemässigten liberalen Flügels einzugehen. Es kam deshalb zur Abspaltung der Grünliberalen. War das – im Nachhinein gesehen – der Kardinalfehler? Hätten sich die Grünen damals stärker öffnen sollen? Das ist ein Punkt, ja. Dazu muss man aber auch sagen: Die Grünliberalen stehen heute so weit rechts, dass zwischen ihnen und den Grünen noch ein grosses Feld brachliegt, das wir nun besetzen müssten.

Dazu ist die Politik der Grünen heute aber für viele Wähler zu prononciert links. Es geht nicht um links oder rechts. Zentral für uns muss jetzt eine programmatische Erneuerung sein. Man kann nicht immer dasselbe fordern – unabhängig davon, ob und wie sich die Umstände verändern. Es gilt stärker auf die aktuellen Probleme der Menschen zu fokussieren. Das ist in der Vergangenheit zu wenig gemacht worden.

Das zielt direkt auf einen der Hauptverantwortlichen für den bisherigen (Links-)Kurs: Präsident Ueli Leuenberger. Ist seine Zeit abgelaufen? Natürlich, das Resultat ist auch die Quittung für die bisherige Politik. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Die Grünen müssen sich neu ausrichten. Wohin muss die Reise gehen? Wichtig ist, dass wir wieder stärker auf das Konzept der Lebensqualität und Nachhaltigkeit fokussieren und Forderungen daraus ableiten. In den konkreten politischen Sachfragen kann das dann einmal mehr, einmal weniger links sein oder auch mal konservativ. Die Grünen müssen sich ideologisch öffnen und sich programmatisch erneuern. Wir sollten uns etwa auch von der dogmatischen Gleichmacherei der SP abgrenzen. Unsere Politik muss pragmatischer, konsistenter, lösungsorientierter werden.

Und wer soll das an der Parteispitze künftig umsetzen? Da gibt es eine ganze Reihe von Kandidatinnen und Kandidaten. Alec von Graffenried etwa oder Antonio Hodgers. Wichtiger als der Name ist aber, dass die Person über ökologische Sachkompetenz sowie über eine programmatische Offenheit und Modernität verfügt.

Wie steht es mit Ihnen? Nein, ich stehe in der zweiten Reihe. Ausserdem möchte ich derzeit nicht voll auf die Politik setzen, sondern weiterhin auch wissenschaftlich arbeiten.

Sie haben am Sonntag im Bundeshaus profilierte Köpfe wie etwa Jo Lang verloren. Was bedeutet das für die Fraktion in der kommenden Legislatur? Die Fraktion hat fünf schmerzliche Verluste zu verzeichnen. Wichtig sind jetzt ein Neuanfang und die nötige Modernisierung. Diesen Auftrag haben wir vom Wähler bekommen – und wenn wir das jetzt nicht lernen, lernen wir es nie.

Berner Zeitung

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