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Elternfrage: Teenie-MackenWarum können sich Teenager nichts merken?

Die Adoleszenz ist eine Herausforderung – für die ganze Familie. Unsere Expertin sagt, welche Unterstützung die Jugendlichen brauchen und was Eltern besser lassen sollten.

Vergesslich oder uninteressiert? Die Veränderungsprozesse von Teenagern sind hoch komplex – und anstrengend.
Vergesslich oder uninteressiert? Die Veränderungsprozesse von Teenagern sind hoch komplex – und anstrengend.
Illustration: Benjamin Hermann

Hallo Mamablog, wir haben zwei Teenager, 15 und 17. Warum können die sich so vieles nicht merken? Ich frage mich manchmal ernsthaft, was die im Kopf haben, denn oft vergessen sie einfach alles, was wir besprochen haben. Da können wir ihnen noch so grosse Zettel mit Fettschrift vor ihre Nase hängen – die sehen das gar nicht. Das soll unter Teenies ja häufig vorkommen, aber können Sie uns vielleicht sagen, warum? Wenn ein Jugendlicher sich für etwas nicht interessiert, kann es daran liegen, dass solche Teenager unterbewusst einfach extrem selektiv vorgehen? Danke für eure Erläuterung! Leserfrage von Thomas

Lieber Thomas, herzlichen Dank für Ihre Frage. Für uns Erwachsene ist es manchmal kaum zu glauben, was alles wieder aus dem Kopf von Teenagern purzelt!

Ihre beiden Jugendlichen stecken inmitten umfassender Veränderungsprozesse hormoneller, sozialer und neurobiologischer Art. Wie umfassend die Veränderungen tatsächlich sind, daran können sich Erwachsene meist nur noch verschwommen erinnern – und nicht immer sind diese Erinnerungen angenehm. Wenn wir die Situation, die Sie schildern, nur annähernd verstehen möchten, müssen wir zuerst die drei genannten Ebenen dieser Veränderungen betrachten:

Die hormonelle Veränderung bringt eine Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale und generelle körperliche Veränderungen wie Wachstum und eine neue Statur mit sich. Auch Stimmungsschwankungen und Gefühlschaos sind an der Tagesordnung.

Auf individueller und sozialer Ebene sind Jugendliche aufgefordert, grundlegende Entwicklungsaufgaben zu bewältigen: Sie müssen ihren veränderten Körper akzeptieren und lernen, mit neuen körperlichen Bedürfnissen umzugehen. Besonders gefordert sind sie darin, ihren eigenen Weg zu erkennen und herauszufinden, welche Werte und Ziele für sie persönlich relevant sind.

Jugendliche suchen Anerkennung, Zugehörigkeit und Sicherheit nicht mehr primär bei Eltern und Familie, sondern bei Gleichaltrigen.

«Wer bin ich?» – Das gilt es beständig auszutesten und herauszufinden. Um Autonomie zu erfahren und nicht im Status «unmündiges Kind» zu verharren, müssen Jugendliche die Beziehung zu den Eltern verändern und sich abgrenzen. Freunden kommt neu eine zentrale Bedeutung zu: Jugendliche suchen Anerkennung, Zugehörigkeit und Sicherheit nicht mehr primär bei Eltern und Familie, sondern bei Gleichaltrigen.

Nicht zu unterschätzen sind schliesslich auch die neurobiologischen Veränderungsprozesse. In der Entwicklungspsychologie wird oft von einem regelrechten «Umbau des Gehirns» gesprochen. So kann man im Verlauf des Jugendalters viele Fortschritte in der kognitiven Leistungsfähigkeit beobachten – zum Beispiel im Bereich der Aufmerksamkeit oder des abstrakten Denkens. Andere Hirnregionen strukturieren sich langsamer um: Dazu gehören das «limbische System», welches an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt ist und der «präfrontale Cortex», der Aufmerksamkeit, Handlungsplanung sowie Handlungskontrolle steuert. Solange der Umbau dieser Gehirnregionen im Gange ist, kann es also zu Problemen in der Emotionsverarbeitung sowie der Handlungsteuerung kommen.

Um Ihre Vermutung hinsichtlich «selektiver Aufmerksamkeit» zu klären, müssen wir das Zusammenspiel zwischen Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Handlung betrachten. Mit Aufmerksamkeit ist die Selektion von relevanten bzw. irrelevanten Informationen für aktuelle Handlungen gemeint. Zusammen mit der Wahrnehmung dient die Aufmerksamkeit der Handlungssteuerung. Das bedeutet, dass Jugendliche Informationen «auswählen», welche für die Erreichung der eigenen Ziele wichtig sind.

Und hier kommt der Umbau des jugendlichen Gehirns wieder ins Spiel: Der präfrontale Cortex spielt in Planung, Verteilung und Organisation von Aufmerksamkeit eine grosse Rolle – also just der Bereich des Gehirns, der zuletzt ausreift.

Was Jugendliche raten würden

Die Adoleszenz ist eine ausgesprochen sensible Phase: Die Jugendlichen balancieren zwischen der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben und den Anforderungen von Umfeld und Gesellschaft. Sie setzen sich intensiv mit sich selber auseinander und das macht sie verletzlich. Wie sehr, wird uns bewusst, wenn wir beachten, dass junge Menschen, insbesondere männliche, zwischen 15 und 24 Jahren eine höhere Sterblichkeitsrate aufweisen. Auch viele schwerwiegende psychische Störungen manifestieren sich im Jugendalter.

Für Eltern ist die Jugendzeit der Pubertät oftmals schwierig: Sie sind darin gefordert, ihr Erziehungskonzept zu überdenken und anzupassen. Dabei ist es zentral, dass sie nicht vergessen, wie wichtig sie nach wie vor für ihre Teenager sind – auch wenn diese das nicht unbedingt zeigen. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass das Vertrauen von Jugendlichen zwischen 13 und 21 Jahren in ihre Eltern steigt und sie die Meinung der Eltern ernst nehmen.

Was also tun, wenn die Jugendlichen durch innere und äussere Prozesse dermassen vereinnahmt sind, dass es so scheint, als lebten sie in einer Traumwelt? Was können Eltern tun, wenn «Erziehung» nicht mehr funktioniert?

  • Sei da für mich, auch wenn es so aussieht, als brauche ich dich nicht.

  • Zeig mir, dass du mich liebst, dass ich für dich ok bin!

  • Du hast mir bereits alles mit auf den Weg gegeben, was du mir mitgeben kannst.

  • Belehre und kritisiere mich nicht. Du musst mich nicht mehr erziehen, sondern ein mich respektierendes Gegenüber und ein Sparringpartner sein.

  • Hab Vertrauen in mich.

  • Mich interessiert, was du denkst. Erzähl mir davon!

Wenn Eltern an der Beziehung zu ihrem beinahe erwachsenen Jugendlichen arbeiten möchten, dann könnten dies stützende Leitfragen sein: Wie zeige ich meinem Kind, dass es ok ist für mich? Wenn ich nicht mehr erziehe, was tue ich stattdessen? Wie verhalte ich mich, wenn ich wirklich akzeptiere, dass mein Kind gewisse Dinge im Moment einfach weniger gut kann?

Bedeutet das nun, dass Eltern keine Forderungen mehr an die Jugendlichen stellen sollen, weil sie es sowieso vergessen und nicht erledigen werden? Nein, die Jugendlichen sollen weiterhin auf Ihre Aufgaben in der Familie aufmerksam gemacht werden, damit sie auch Gelegenheit haben, diese erfüllen zu können. Und, wenn es vergessen geht, können Sie die Aufgabe gemeinsam erledigen – so verbringen Sie gleich auch noch etwas Zeit zusammen.

Alles Gute für Ihre Familie,

Daniela

2 Kommentare
    Moleskine

    Wie bekannt mir diese Szenerie doch vorkommt, wenn auch aus der rückwärtigen Sicht des bevorstehenden Rentenalters. Wieder habe ich dieselben, oft jugendlich scheinender Symptome, ein „déja vu“ des Lebens , meine kindlich unbändige Neugier, mangelnde Merkfähigkeit zuweilen auch, im Wellenbad neuer Eindrücke, offener Perspektiven und Interessen. Schön, dies noch einmal auskosten zu können. Pubertät 2.0, sei Willkommen!