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Corona-Pressekonferenz in BernBerset rügt Ärzte: Viele Befunde werden dem BAG nicht gemeldet

Wie können Bund und Kantone ihr Vorgehen gegen die Corona-Ausbreitung besser abstimmen? Nach einem Treffen wurde informiert. Wir berichteten live.

Corona-PK vom 20. August
Heute informierten Alain Berset und Lukas Engelberger über die Zusammenarbeit von Bund und Kantonen. Insbesondere ging es um die Grossveranstaltungen.
Video: SDA-Keystone

Das Wichtigste in Kürze:

  • Nach einem gemeinsamen Treffen von Bund und Kantonen heisst es in einer Mitteilung: «Die Corona-Situation ist aktuell unter Kontrolle».
  • Es wurden Kriterien für die Bewilligung von Grossanlässen ab Anfang Oktober diskutiert.
  • Das Innendepartement EDI werde dem Bundesrat bis am 2. September die Bewilligungsanforderungen vorlegen.
  • Der Bundesrat hat vergangene Woche trotz steigender Fallzahlen beschlossen, Veranstaltungen mit über 1000 Personen ab Anfang Oktober wieder zu erlauben.
  • Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) meldete am Donnerstag 266 neue Corona-Fälle.

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Zusammenfassung

Trotz steigender Corona-Fallzahlen sehen Bund und Kantone keinen Grund zur Besorgnis. «Die Situation ist unter Kontrolle, das Contact Tracing der Kantone funktioniert», teilten die Behörden nach einem gemeinsamen Treffen mit. Doch die Herausforderungen blieben gross.

«Die Situation ist fragil», sagte Gesundheitsminister Alain Berset am Donnerstagabend vor den Bundeshausmedien und wiederholte damit seine Einschätzung der vergangenen Wochen. In praktisch allen Regionen stiegen die Fallzahlen.

Berset appellierte erneut an die Eigenverantwortung der Bevölkerung: «Es ist nicht einfach, die Abstands- und Quarantäneregeln einzuhalten, aber tun Sie es." Es gelte zu verhindern, dass die Situation ausser Kontrolle gerate.

«Kapazitäten nicht unendlich»

Laut Lukas Engelberger, dem Präsidenten der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK), funktioniert das Contact Tracing und das Quarantänemanagement derzeit noch. Auch die Lage in den Spitälern und Heimen sei stabil, es gebe genügend Schutzmaterial. «Aber die Kapazitäten sind nicht unendlich." Die Kontaktverfolgungsteams in den Kantonen stünden unter hoher Belastung.

Die GDK empfiehlt den Kantonen eine Reihe von Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus, beispielsweise eine Ausweispflicht in Clubs, Personenobergrenzen in Gastbetrieben oder an Veranstaltungen oder eine Maskenpflicht in Läden.

Engelberger vermutet, dass die Masken den Alltag in der Schweiz in den kommenden Monaten wohl noch stärker prägen werden als heute. Das sei aber immer noch besser, als zu gravierenden Massnahmen zu greifen. «Wir sind derzeit weit weg von Schliessungen, müssen aber schauen, dass es so bleibt.»

Lukas Engelberger (l.) und Alain Berset haben in Bern Einigkeit demonstriert.
Lukas Engelberger (l.) und Alain Berset haben in Bern Einigkeit demonstriert.
Foto: Anthony Anex (Keystone/20. August 2020)

Probleme bei Datenübermittlung

Dazu brauche es auch Verbesserungen im Krisenmanagement, erklärte Berset. Er kritisierte, dass bei 40 Prozent der positiven Corona-Fälle der klinische Befund nicht beim Bund eintreffe. So sei es schwierig, herauszufinden, wo sich der Patient oder die Patientin angesteckt haben könnte.« Das ist inakzeptabel.» Der Bund brauche sichere Daten aus den Arztpraxen und den Spitälern.

Auch die Verwaltung der Daten beim Bund könne noch besser werden, sagte Berset. Insgesamt sei man aber gut unterwegs. Das bestätigte auch Kantonsvertreter Engelberger. Zwar gebe es «hie und da Klärungsbedarf» zwischen Bund und Kantonen. Die Probleme könnten aber oft unbürokratisch gelöst werden.

Einheitliche Regeln in Profiligen

Am Treffen vom Donnerstagnachmittag diskutierten die Behörden auch über die Kriterien für die Bewilligung von Grossanlässen ab Anfang Oktober. Die Kantone forderten nach Bekanntgabe des Lockerungsschrittes vom Bundesrat «griffige Rahmenbedingungen» für Anlässe ab tausend Personen.

Entscheide dazu wurden noch nicht gefällt. Ein Vorschlag liege aber auf dem Tisch, sagte Berset. Die Kantone würden nächste Woche konsultiert. Zum Inhalt wurde nur Generelles bekannt: So sollen die Kantone abhängig von der epidemiologischen Lage und den Kapazitäten beim Contact Tracing in ihrer Region Anlässe bewilligen oder verbieten können. Dabei soll es einen Rahmen geben, den alle Kantone einhalten müssen. Sie haben aber Spielraum für eigene Entscheide.

Klar ist auch, dass Spiele der nationalen Fussball- und Eishockeyligen spezifisch geregelt werden. Ein Treffen mit Vertretern der Profiligen sowie Swiss Olympic hat laut dem Bundesrat bereits stattgefunden. Austausche mit weiteren Verbänden aus Sport und Kultur sind vorgesehen.

Ende der Medienkonferenz

Es gibt keine Fragen mehr. Bundesrat Berset beendet die Medienkonferenz. Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Sind die Fallzahlen des BAG vollständig?

Berset antwortet: «Von den Labors, die Coronatests durchführen, erhalten wir 100 Prozent der Daten, und zwar elektronisch.» Anders sehe es bei den klinischen Befunden der Angesteckten aus, welche die Ärzte zwingend ans BAG melden müssten. «Hier fehlen uns rund 40 Prozent der Daten, das heisst in 40 Prozent der Fälle, machen die Ärzte die geforderten Meldungen nicht.» Diese Daten seien aber wichtig für die korrekte Einschätzung der Lage.

Wieviel Spielraum bleibt bei den Kantonen?

Berset: «Wir versuchen, Kriterien zu erarbeiten, die national Sinn machen und für die Sportevents gelten. Aber dann müssen auch die Kantone ihre Bewilligung erteilen und dazu sollen sie ihren Handlungsspielraum nutzen. Sie sind auch verantwortlich für die Umsetzung.» Es gebe ganz bestimmt Mindeststandards für alle.

Wurde auch über die Covid-App diskutiert?

Berset: «Heute haben wir uns nicht über die Covid-App ausgetauscht.»

Anspruchsvoll in rechtlicher Hinsicht

Engelberger ergänzt noch, dass es auch um Abstandsregeln, Bewilligungsverfahren, Vorgehen im Vorfeld des Events und Nachgang der Veranstaltung oder Maskenpflicht gehe. «Das ist rechtlich eine Herausforderung», sagt der GDK-Präsident.

Berset: Kantone brauchen Spielraum

Beset sagt aber auch, dass die Kantone einen gewissen Handlungsspielraum brauchen. Das sei natürlich immer eine Gratwanderung. Klar ist, dass jede Veranstaltung vom Kanton bewilligt werden müsse. Ebenfalls sei klar, dass bereits eine bewilligte Veranstaltung wieder zurückgezogen werden könne.

Frage: Wie könnten diese nationalen Regelungen aussehen?

Berset eklärt: «Es wird immer sehr schwierig bleiben, Automatismen zu schaffen. Werte alleine genügen nicht. Die Dynamik spielt eine grosse Rolle.» Es sei ziemlich klar, dass für die grossen Ligen einheitliche Regeln in der ganzen Schweiz gelten sollen. «Man würde nicht verstehen, dass im Stadion in Fribourg eine Maskenpflicht gilt, aber in Bern nicht.» Man werde zeitnah mit den grossen Ligen zusammensitzen und das klären.

Frage: Macht es Sinn, wenn nur Basel-Stadt eine Maskenpflicht in den Läden einführt?

Engelberger antwortet: «Wir beobachten eine starke Zunahme der Fallzahlen im Kanton Basel-Stadt. Darum haben wir den Entscheid gefällt.» (zur Meldung) Er verstehe, warum die Nachbarkantone noch nicht nachgezogen haben, weil sie nicht in derselben Situation seien.

Frage aus dem Journalisten-Plenum: Wird zwischen den Events unterschieden?

Zeit für Fragen der Medienvertreter. Berset antwortet: «Heute wurde noch gar nichts diesbezüglich entschieden. Ich bin aber der Überzeugung, dass sich die verschiedenen Grossveranstaltungen stark unterscheiden. Aber es gibt Fragen dazu: Wie viele Menschen soll man in den Veranstaltungsort reinlassen? Braucht es eine Maskenpflicht? Ist es möglich, Bar- und Gastronomiebetrieb anzubieten?» Es sei auf gar keinen Fall der Plan, mit dem Feuer zu spielen, sagt Berset.

Bundesrat Alain Berset
Bundesrat Alain Berset
Peter Klaunzer (Keystone)
Massnahmen müssen griffig sein

Der Umgang mit den Grossevents stehe nun im Vordergrund. Dafür brauche es griffige Kriterien, die die Sicherheit der Veranstaltung garantieren. Das müsse national geregelt sein, sagt Engelberger.

Ziel: Keinen zweiten Lockdown

Engelberger erkärt weiter: «Persönlich gehe ich davon aus, dass die Maske unseren Alltag noch stärker prägen wird.» Das sei mühsam, aber immer noch besser, als wenn man gravierendere Massnahmen treffen müsste. «Wir wollen keinen zweiten Lockdown», erklärt der GDK-Präsident.

Krise wird gemeinsam angegangen

Die Contact Tracer seien gefordert – gerade weil die Leute sich wieder mehr bewegen, erklärt Engelberger. Die Kantone setzen dank der Gesundheitsdirektorenkonferenz auf eine gemeinsame Strategie.« Bund und Kantone gehen die Krise gemeinsam an», ist der GDK-Präsident überzeugt.

Engelberger: Lage ernst nehmen

Engelberger meldet sich nun zu Wort. Alle Gesunheitsdirektorinnen und Gesunheitsdirektoren hätten sich heute zu einer Sitzung getroffen. «Wir sind uns einig, dass die Lage fragil ist. Die Kurve zeigt nach oben, das müssen wir ernst nehmen». Die Kantone hätten aber das Contact Tracing und die Koordination der Lage unter Kontrolle: «Wir sind vorbereitet», glaubt der GDK-Präsident.

Lukas Engelberger.
Lukas Engelberger.
Berset: Bescheiden bleiben

«Wir müssen Bescheiden bleiben. Wir können nicht wissen, wie sich die Pandemie entwickeln wird. Deshalb müssen wir flexibel bleiben», mahnt der Freiburger Bundesrat. Zusammen mit dem BAG und den Kantonsärzten arbeite man an einer Strategie, dass die Zahl der gemeldeten Fälle auf 100 Prozent steige.

Berset weiter: «Es warten grosse Herausforderungen auf uns. Wir brauchen einheitliche Grundlagen, anhand der Kantone entscheiden können, ob sie Grossevents bewilligen oder nicht». Dazu brauche es Verbesserungen und Entwicklungen im Datenmanagement und im Contact Tracing.

Berset: Tadel an die Ärzte

«Wir brauchen eine hohe Qualität der Arbeit», sagt Bundesrat Berset. Auch das sei an der heutigen Konferenz mit den Kantonen besprochen worden. Das sei gerade für Grossveranstaltungen, aber auch für die Rückkehr von Leuten aus Risikoländern wichtig. Generell funktioniere das gut, aber: «In über 40 Prozent der Fälle melden die Ärzte die Fälle (die Befunde, Anm. der Redaktion) nicht dem BAG», so Berset. «Das ist in einer Pandemie inakzeptabel.»

Berset: Die Disziplin geht zurück

Berset muss «leider» konstatieren, dass die Disziplin in der Bevölkerung zurückgehe. Er mahnt auch, dass man nicht alles haben könne. Man könne nicht alles wieder öffnen und sich dann wundern, dass die Fallzahlen wieder steigen.

Berset: Lage ist fragil

Berset sagt: «Die Lage ist fragil. Alle Regionen des Landes sind vom Anstieg betroffen.» Der Bundesrat erinnert daran, dass es gestern 311 neue Virus-Fälle gegeben habe.

Definierte Kritierien

Berset und Engelberger hätten heute Kriterien definiert, unter welchen Bedingungen Grossevents ab dem 1. Oktober erlaubt sein sollen, führt der Bundesrat weiter aus. Dabei sei es auch um Zuständigkeiten im Contact Tracing gegangen.

Berset: Bund und Kantone haben intensiven Kontakt

«Bund und Kantone pflegen einen sehr intensiven Kontakt, und das wird weiterhin so bleiben», sagt Berset. Ziel dabei sei wie immer die Eindämmung der Fallzahlen. Beset zieht ein Zwischenfazit. Die Koordination zwischen Bund und Kantonen funktioniere gut. An der Sitzung von heute seien natürlich auch die Grossevents und Impfungen Thema gewesen.

fal/cpm

89 Kommentare
    Leonhard Fritze

    Lieber Herr Bundesrat Berset: Und dann wären da noch die 7 Kantone, in welchen Patienten mit Symptomen gar nicht erst zum Arzt gehen, weil sie behördlich gesperrt sind.