Was kümmern uns die alten Steine?

Markus Somm über den Brand von Notre-Dame.

Markus Somm@sonntagszeitung

Im Schweizer Fernsehen wurde das Programm nicht unterbrochen, als Notre-Dame de Paris, die berühmteste Kirche Frankreichs, brannte, sondern man strahlte unverdrossen ein Gesundheitsprogramm aus, als wäre nichts geschehen, – während in Amerika, ein Atlantik weiter entfernt, so gut wie alle Sender den Atem anhielten. Breaking News, Moderatoren in Tränen, Historiker ergriffen, Politiker auf Twitter.

Es war ein seltsames Erlebnis. Vielleicht auch ein typisches, weil es so deutlich machte, wieviel bewusster sich die Amerikaner als Teil des Westens verstehen. Gewiss, viele europäische Journalisten reagierten angemessener als unsere überforderten Kollegen am Leutschenbach, und doch beschleicht mich manchmal der Verdacht, man müsste nach Amerika kommen, um die Tradition des Westens von neuem schätzen zu lernen: Das Grandiose und das Erhabene und das weniger Erfreuliche.

Es liegt darin eine traurige Ironie. Die Vorfahren der meisten Amerikaner waren einmal Europäer und haben Europa den Rücken gekehrt, weil wir, die Zurückgebliebenen, sie hier nicht wollten, sondern sie verfolgten, plagten oder einfach missachteten. Wenn jemand begreift, was Europa bedeutet, dann jene, die es unfreiwillig verlassen haben. In Europa dagegen, einem ermüdeten, introvertierten Kontinent, scheint man sich dessen je länger, desto weniger bewusst zu sein. Blind für die Vergangenheit, haben wir vergessen, woher wir kommen. Was kümmern uns die alten Steine?

«Mit Notre-Dame verbrannte ein Stück von uns selbst.»

Die Geschichte von Notre-Dame ist besonders ergreifend. Fast zweihundert Jahre lang wurde an dieser Kirche gebaut. Generationen von Handwerkern, Steinmetzen und Architekten haben ihr Leben damit verbracht, ein Haus zu errichten, um Gott zu ehren, – im Wissen, dass sie selber es nie vollendet sehen werden. Notre-Dame entstand von 1163 bis 1345. Kraft des Glaubens. In einer Zeit, da eine einzige Missernte Tausende von Menschen in den Hungertod treiben konnte, erforderte diese Kirche unerhörte Opfer an Zeit und Geld, die man brachte, weil man an etwas Höheres glaubte als das gute Leben an sich.

Wir mögen das heute belächeln oder verurteilen: Diese Könige und Kardinäle, die die armen Menschen dazu nötigten, knappe Ressourcen für religiöse Zwecke zu verwenden, – für einen Gott, den es womöglich gar nicht gibt. Und doch ahnen wir, dass diese Menschen Dinge schufen, die ihnen mehr brachten, als die Verlockungen und Annehmlichkeiten des modernen Lebens. Ein iPhone, ein Mikrowellengerät, Facebook – oder eine Kathedrale?

Als wir Notre-Dame in Flammen sahen, so glaube ich, empfanden viele Trauer, als ob wir persönlich etwas verloren hätten. Mit Notre-Dame verbrannte ein Stück von uns selbst. Unsere Kultur, unser Glauben, unsere Angst vor dem Tod. Wenig bewegte mich mehr als jenes Bild, das ein paar Franzosen zeigte, die vor ihrer verglühenden Kirche knieten und beteten. So gesehen, steht es vielleicht besser um die Europäer, als man meint.

«Eine Katastrophe war bloss eine Frage der Zeit.»

Nach dem Brand jedoch holt uns das übliche miserable Theater wieder ein. In Frankreich entbrannt ein Streit, weil ein paar reiche Franzosen sich sofort bereit erklären, Hunderte von Millionen für den Wiederaufbau zu spenden, eine grosse Geste, die nur Dankbarkeit verdient. Stattdessen wüstes Gebrüll von Seiten der Linken und der Gelbwesten: Die Millionäre sollten lieber mehr Steuern zahlen, wird verlangt – für einen Staat, der, wie sich bald herausstellt, auch hier versagt hat.

Denn Notre-Dame befand sich längst in einem erbärmlichen Zustand: Die Dachbalken vertrockneten, die steinernen Strebebögen zerbröckelten, der einzigartige Vierungsturm verfaulte. Eine Katastrophe war bloss eine Frage der Zeit. Statt laufend den Bau zu erneuern, wie man das über Jahrhunderte getan hatte, liess das moderne Frankreich Notre-Dame verrotten. Seit 1905 besitzt der Staat alle Kirchen des Landes – und es mangelt natürlich am Geld, diese zu unterhalten. Selbst Notre-Dame war davon betroffen. Zwar sorgte der Denkmalschutz dafür, dass jede Renovation äusserst sorgfältig und behutsam vorgenommen wurde, wozu viele, viele Vorschriften zu beachten waren. Gleichzeitig bedeutete dies, dass man eben allzu selten renovierte, weil es so teuer kam.

Irrsinn des Staates. Frankreich war früher eines der reichsten und erstaunlichsten Länder der Welt – wovon Notre-Dame Zeugnis ablegt –, doch das heutige Frankreich, dessen Politiker kaum mehr eine einzige Reform zustande bringen, verarmt. Inzwischen haben auch amerikanische Millionäre angekündigt, den Wiederaufbau von Notre-Dame finanziell zu unterstützen.



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