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Kinder im Zürcher Weinland gestorben«Wenn der Bauer Pestizide spritzt, gehen wir schnell ins Haus»

Im Zürcher Weinland erkranken mehr Kinder an einem Hirntumor als es statistisch zu erwarten wäre. Zwei Eltern aus Flaach, die kurz hintereinander je einen Sohn an die Krankheit verloren haben, fordern Aufklärung.

Sohn Max starb mit 14 Monaten: Die Familie Kreuzer auf einem Feld vor ihrem Haus in Flaach.
Sohn Max starb mit 14 Monaten: Die Familie Kreuzer auf einem Feld vor ihrem Haus in Flaach.
Foto: Madeleine Schoder

Innerhalb eines guten halben Jahres schlägt das Schicksal in der Gemeinde Flaach im Zürcher Weinland bei zwei Familien zu. Nach der Diagnose Hirntumor verliert das Ehepaar Kreuzer seinen 14 Monate alten Buben und das Ehepaar Pasanen seinen achtjährigen Sohn. Doch war es tatsächlich einfach nur Schicksal? Diese Frage lässt die beiden Familien nicht mehr los.

Im Februar 2018 vermutet die Coiffeuse Belinda Kreuzer, dass ihr damals neun Monate alter Sohn Max einen Magendarm-Infekt hat. Er erbricht auch auf nüchternem Magen und wirkt apathisch. Doch dann kommt der erste epileptische Anfall. «Im Spital haben sie den Tumor sofort gesehen, nur dank einer Notoperation ist Max nicht schon damals gestorben», erzählt Belinda Kreuzer heute.

«Auch viel Pech damals»

Drei Monate lang wird versucht, das Baby im Zürcher Kinderspital mit Chemotherapie zu behandeln. Ein kurzer Aufenthalt zuhause wird jäh unterbrochen, als Max sich mit Windpocken infiziert. «Wir hatten schon auch viel Pech damals», sagt Kreuzer.

Ab Mai gibt es für Max laut den Ärzten keine Hoffnung mehr. «Es war ein absoluter Schock, dass die Medizin unserem Sohn nicht helfen konnte», sagt Kreuzer. «Wir nahmen ihn nach Hause, dort starb er am 14. Juli.»

Krebserkrankungen bei Kindern sind selten. Von den in der Schweiz lebenden 1,3 Millionen Kindern unter 16 Jahren erkranken jährlich gegen 50 an einem Hirntumor. Belinda Kreuzer konnte es deshalb kaum glauben, als nur ein gutes halbes Jahr später noch ein Kind in Flaach an einem Hirntumor sterben sollte. «Diese zwei Buben, so kurz hintereinander - daran nage ich immer noch.»

Mehrmals ins Spital geflogen

Bei der Familie Pasanen beginnt es auch Anfang 2018, mit plötzlichen Kopfschmerzen des ältesten Sohnes Leon. «Wir dachten, er hätte bloss eine Grippe», erinnert sich der Vater Robert Pasanen, der als Naturwissenschaftler tätig ist. Doch die Schmerzen des Achtjährigen werden stärker, dann beginnen auch bei ihm die Verkrampfungen. «Wir holten den Notarzt und schnell war klar, dass etwas im Kopf von Leon die Krämpfe ausgelöst hat», erzählt Robert Pasanen. Bis die Diagnose Hirntumor feststeht, vergehen mehrere Wochen mit zahlreichen Untersuchungen. Eine intensive Zeit für die Eltern und die drei kleineren Geschwister von Leon. Mehrmals wird er ins Spital geflogen, weil seine Anfälle lebensbedrohlich werden.

Der älteste Sohn Leon starb mit acht Jahren: Die Familie Pasanen, die mittlerweile aus Flaach weggezogen ist.
Der älteste Sohn Leon starb mit acht Jahren: Die Familie Pasanen, die mittlerweile aus Flaach weggezogen ist.
Foto: Peter Würmli

Der sternförmige Tumor im Gehirn des Buben wird mit Chemotherapie, Strahlentherapie und elektrischer Feldtherapie behandelt. Mehrere Monate lang kann das Wachstum des Tumors gehemmt werden. «Ende 2018 wurden die Verkrampfungen aber wieder häufiger», erzählt der Vater. «Im Januar war Leon halbseitig gelähmt, er konnte nicht mehr essen.» Leon stirbt schliesslich am 23. Februar 2019, ebenfalls Zuhause, umgeben von seiner Familie.

Die Familien Kreuzer und Pasanen kennen aus der Verwandtschaft keine vergleichbaren Krebsfälle oder andere Faktoren, die ein erhöhtes Risiko bewirkt haben könnten. Sie schliessen sich zusammen, angetrieben durch Trauer und Skepsis: Was, wenn Umweltfaktoren für den Tod ihrer Kinder mitverantwortlich waren? Was ist mit all dem Gift, das in Pestiziden seit Jahrzehnten auf die Felder gespritzt wird, auch in Flaach?

Mit zahlreichen Fragen konfrontieren sie im Sommer 2019 den ehemaligen Zürcher Kantonsarzt. Und überraschend wurde ihnen für den Bezirk Andelfingen tatsächlich ein erhöhtes Risiko für Hirntumore bei Kindern bestätigt, das damals der Öffentlichkeit nicht bekannt war. Doch ihrer Bitte, das ganze wissenschaftlich im Detail zu untersuchen, sei der Kanton nicht nachgekommen.

Zurückgehaltene Zahlen

Tatsächlich listet ein Dokument des Kantons, welches dieser Zeitung vorliegt, folgende Aussagen auf:

  • Im ganzen Kanton Zürich bestand von 2005 bis 2015 für Hirntumore bei Kindern ein um 39 Prozent erhöhtes Risiko im Vergleich zu den statistisch erwartbaren Zahlen
  • Es gab pro Jahr zehn bis elf Erkrankungen statt wie erwartet sieben bis acht
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Erhöhung zufällig zustande kam, liegt bei 0,2 Prozent
  • Im Bezirk Andelfingen wurden 2005 bis 2015 gesamthaft sieben statt wie erwartet zwei Fälle von Hirntumoren bei Kindern gemeldet

Der Kanton hat diese Zahlen bestätigt. Weshalb er sie nie veröffentlicht hat, ist nicht bekannt.

Dann publiziert das Berner Institut für Sozial- und Präventivmedizin im Frühling 2020 eine aufsehenerregende Studie mit der Erkenntnis: Sowohl im Berner Seeland als auch im Zürcher Weinland, beides landwirtschaftliche Intensivzonen, haben Kinder ein 20 Prozent höheres Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken. Die Studie hat einen langen Untersuchungszeitraum. Demnach erkrankte von 1985 bis 2015 im Zürcher Weinland alle zwei Jahre ein Kind mehr, als statistisch zu erwarten gewesen wäre.

Die Forscher vermuten primär einen Zusammenhang mit krebserregenden Pestiziden im Grundwasser, in der Nahrung oder in der Luft. Sie fordern eine Intensivierung der Ursachenforschung. Die Berner Studie dauert an und in den nächsten Monaten werden weitere Erkenntnisse erwartet.

Beim Kanton Zürich heisst es hingegen im Juli, es gebe keinen Handlungsbedarf. Die Gesamtzahl der Tumore sei «relativ gering für eine statistische Auswertung» und die Entstehung der Tumore sei unterschiedlich. Man habe deshalb gar keinen Anhaltspunkt, um nach einem konkreten Umweltrisiko zu suchen, beobachte aber die Entwicklung der Fallzahlen. Der kantonsärztliche Dienst schreibt im Juli in einem Mail: «Es gibt Rückstände aus der Landwirtschaft, diese sind aber weder nur im Zürcher Weinland feststellbar noch können sie gemäss toxikologischer Beurteilung durch die europäischen und eidgenössischen Fachstellen in den gefundenen Konzentrationen die Ursache für solche Erkrankungen sein.»

«Eigentlich habe ich keine Angst»

«Für den Kanton scheint die Geschichte einfach abgeschlossen», sagt Belinda Kreuzer. «Aber wieso untersucht man nicht auch die letzten fünf Jahre? Ich weiss von sechs weiteren Hirntumor-Fällen in der Region, und ich weiss, wie verunsichert gerade in Flaach viele Eltern sind.»

«Der Kanton wäre doch in der Pflicht, die Ursachenforschung zusammen mit Laboren und Toxikologen anzugehen», sagt Robert Pasanen. Er ist enttäuscht über die Kommunikation im Bezug auf die Belastung durch Pestizide und «den fehlenden politischen Willen» zur Aufarbeitung der Tumor-Häufung. Immerhin sei diesen Sommer eine Taskforce ins Leben gerufen worden. Die Familie Pasanen hat Flaach mittlerweile verlassen, «auch im Wissen darum, dass Kinder hier statistisch häufiger betroffen sind.»

Belinda Kreuzer ist mit ihrem Mann und ihrer vierjährigen Tochter im Dorf geblieben. Ihr Einfamilienhaus an der Gemeindegrenze ist von vielen Feldern umgeben. «Eigentlich habe ich keine Angst», sagt sie. «Aber wenn der Bauer draussen Pestizide spritzt, dann gehe ich mit meiner Tochter schnell ins Haus.»