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Geselligkeit in Corona-Zeiten Wenn die Geburtstagsparty im Videochat stattfindet

Dank Bildschirmen können wir uns trotz Social Distancing einander nahe fühlen. Wie das aussieht und warum es wichtig ist.

Pascal Blum, Aleksandra Hiltmann
Gemeinsam in einer Bar feiern geht gerade nicht. Es bleiben Videochats, um sich virtuell zu treffen.
Gemeinsam in einer Bar feiern geht gerade nicht. Es bleiben Videochats, um sich virtuell zu treffen.
Foto: Houseparty

Was macht Kachel 3? Schaufelt eine Quinoa-Bowl. Kachel 7 döst auf dem Sofa weg, Kachel 4 ist leer, wieso? Es klingt, als sei der Teilnehmer die Spülmaschine ausräumen gegangen, kann man ja gleichzeitig machen.

Wir feiern gerade Geburtstag auf der Videokonferenz-App Zoom, die seit einigen Tagen deutlich mehr Downloads verzeichnet. Man schaut in die Selfiekamera, während man anderen dabei zuschaut, wie sie in die Selfiekamera schauen. Wer lacht, kommt ins Bild, wer gähnt, kommt ins Bild, und weil man nichts mehr versteht, wenn alle durcheinanderreden, warten alle darauf, dass jemand signalisiert, wo das Gespräch langgehen soll. Eine Unterhaltung zu zweit ist so sehr schwer zu bewerkstelligen.

Kachel 6 trinkt jetzt Shots, in Kachel 8 sind noch Kinder wach. Sie sagen: «Stell das ab.»

Man kann einen schnellen Abgang machen

Jahrelang wurde gesagt, Arbeit sei etwas, das immer mehr aussehe wie Freizeit. Und jetzt muss man solche Bürotools benutzen, um miteinander feiern zu können? Die virtuellen Partys erinnern an die Videositzungen, die man nun die ganze Zeit im Homeoffice absolvieren muss, nur finden die Geburtstagskonferenzen später und mit mehr Alkohol statt – wobei man immer noch sieht, ob jemand aufgeräumt hat.

Ein heiteres Hang-out auf Distanz, wer möchte, kann gleichzeitig die Zehennägel schneiden. Es ist auch sehr einfach, einen schnellen Abgang zu machen. Die Zoom-App lässt sich 40 Minuten gratis nutzen. Danach muss das Geburtstagskind die Pro-Version kaufen.

Wer per Videochat feiert, sagt allen seinen Freunden, dass es so gemacht werde.

Freundschaftsforscher Janosch Schobin

Der Freundschaftsforscher Janosch Schobin schreibt solchen digitalen Zusammentreffen momentan grosse Bedeutung zu. «Wer gerade seine Geburtstagsparty per Videochat feiert, tut mehr, als nur unter widrigen Bedingungen seinen Alltag mit Menschen zu teilen, die ihm wichtig sind.» Freunde seien in der Corona-Zeit besonders wichtig, da wir uns in einer liberalen Gesellschaft im Moment alle davon überzeugen müssten, das Gebotene zu tun. Das Medium ist die Botschaft: Wer per Videochat feiere, sage dadurch allen seinen Freunden, dass es so gemacht werde, sagt der Soziologe der Universität Kassel.

In der App Houseparty sieht man, welche Freunde online sind, und kann sich laufenden Gruppen-Videoanrufen anschliessen. Es gibt sogar eine Quizfunktion.
In der App Houseparty sieht man, welche Freunde online sind, und kann sich laufenden Gruppen-Videoanrufen anschliessen. Es gibt sogar eine Quizfunktion.
Foto: Houseparty

Schon lustig: Wie oft wurde darüber geschrieben, dass wir uns in der digitalen Moderne voneinander abkapseln? Und jetzt heisst es auf einmal, wir sollen nicht so dicht beisammenstehen. Offenbar waren wir uns die ganze Zeit näher, als wir dachten.

Anderntags das «stand in», ein lockeres Auseinanderstehen in kleiner Gruppe im Hof, mittlerweile würde man dafür gebüsst. Die Lieferdienstpizza schneidet man selber in Stücke, es gelten neue Hygienevorschriften. Und soll man die Mini-Party später in die Wohnung verlegen? Lieber nicht, oder?

So machen wir das jetzt erst mal

Freundschaft in Corona-Zeiten, das heisst auch, dass man der Welt nicht mehr zeigen kann, wie man sich und seine Freunde sieht, als Theaterbesucher oder Picknicker. Nicht so schlimm, findet Janosch Schobin: «Die engen Zweierbeziehungen, die bei uns typischerweise unter Freundschaft verstanden werden, sind stark von der Zumutung entlastet, öffentlich gezeigt zu werden.» Sie seien vor allem dazu da, uns emotional zu stabilisieren und mit wichtigen Informationen über unsere Person zu versorgen. «Das ist vielleicht auch eher das, was wir in Zeiten grosser Unsicherheit gerade brauchen.»

Auch die Begrüssung, das Sich-Zunicken mit Sicherheitsabstand, kann man so überhaupt noch Freundschaften pflegen? Wer normalerweise nebeneinandersitze und sich vertrauensvoll unterhalte, werde sich nun von einem Ende des Tisches zum anderen laut unterhalten müssen, sagt Janosch Schobin. Man werde sich fragen: Hat sich unsere Freundschaft verändert? «Vieles wird ungelenk wirken. Und irgendwer muss der oder die Erste sein, der oder die sagt: So machen wir das jetzt erst mal, weil die Lage ernst ist.»

Besonders ältere Personen sollten zurzeit zu Hause bleiben. Und so greifen auch sie zu modernen Mitteln, um die Familie weiterhin zu sehen.
Besonders ältere Personen sollten zurzeit zu Hause bleiben. Und so greifen auch sie zu modernen Mitteln, um die Familie weiterhin zu sehen.
Foto: Getty Images

Für einige könnte die aktuelle Situation sogar eine Chance sein. Gerade ältere Personen machen sich in diesen Tagen mit den Möglichkeiten der digitalen Kommunikation vertraut. Plötzlich sieht der Enkel die Grossmutter über Facetime. Noch vor wenigen Tagen wusste sie nicht einmal, dass es das gibt. Ganze Familien richten sich neuen Whatsapp-Gruppen ein, schicken sich selbst gedrehte Videos.

Und sogar junge Leute lernen die vielen Kanäle, von denen sie sich oft nur noch berieseln lassen, neu zu schätzen. Plötzlich sind da viel mehr Nachrichten, die über diverse soziale Medien reinkommen, nicht nur Daumen und Herzchen. Man kommuniziert wieder miteinander, fragt, wie es den anderen so geht.

Im Videochat erlangen die banalen Dinge neue Bedeutung.

Laut einem südkoreanischen Forscherteam zählt es in der Quarantäne sogar zu den obersten Prioritäten, seine digitalen Netzwerke zu nutzen, weil es helfe, psychisch gesund zu bleiben. Dabei sei es besonders wichtig, so ein anderes Forscherteam, mit Freunden und der Familie zu kommunizieren und sich gegenseitig zu erzählen, wie es einem geht und im Idealfall zu versichern, dass es einem gut gehe.

Im Videochat erlangen die banalen Dinge neue Bedeutung, etwa die, dass einer plötzlich staubsaugen und ein anderer kurz aufs Klo (natürlich ohne Handy) geht. Solche Handlungen zeugen davon, dass man nicht nur sprechen, sondern auch miteinander schweigen, einfach sein kann. In der Wohnung, auf dem Sofa, während man Znacht isst; die Kamera läuft mit.

So beruhigt man auch den Kollegen, der es nach einer Woche zu Hause gar nicht mehr aushält und sich auf den Küchenboden legt wie ein trotziges Kind. «Kannst du noch schnell die Katze ins Bild holen?» Dann bespricht man, welche Serie man als Nächstes schauen möchte, sodass später alle zusammen darüber diskutieren können. Sogar simultan Serien schauen funktioniert. «Wo bist du gerade?» «Minute 3:02». «Okay, ich spule ein bisschen zurück.» Professioneller geht das bei Netflix-Filmen. Dank einer Browser-Erweiterung kann man diese synchron schauen, ohne hemdsärmeliges Stop-and-go.

Der Videochat gibt uns ein Stück Normalität zurück, hilft uns, Nähe zu anderen zu bewahren. Von Personen, die zwischen 2002 und 2004 potenziell mit jemandem in Kontakt kamen, der mit Sars infiziert war, weiss die Forschung, dass diese in der Quarantäne Ängste entwickelten, die Leute wurden nervös oder traurig.

Man hat aber auch herausgefunden, dass Formen digitaler Kommunikation unsere soziale Netzwerke in der analogen Welt stärken. Ein weiterer Grund, ab und zu vor dem Laptop einen Geburtstag mitzufeiern. So wird man auch in der Zeit nach der Quarantäne noch eingeladen. Deshalb in jedem Falle: Prost!

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