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Bizarrer Mord in BrasilienWenn nicht Gift, dann halt dreissig Kugeln

Flordelis dos Santos hat fünfzig Kinder adoptiert. Deshalb galt die Gospelsängerin, evangelikale Predigerin und Abgeordnete vielen als guter Mensch. Bis ein schlimmer Verdacht aufkam.

Krokodilstränen? Nach der Ermordung ihres Mannes im Juni 2019, angeblich durch eine Bande, weint Flordelis vor den Medien.
Krokodilstränen? Nach der Ermordung ihres Mannes im Juni 2019, angeblich durch eine Bande, weint Flordelis vor den Medien.
Foto: Reuters

Wenn jemand unendlich grosszügig, gutherzig und fürsorglich ist, öffnet sich hinter dieser Fassade ein Abgrund ins Dunkle. Zumindest in einem Roman oder in einem Film ist es immer so, und bei Flordelis dos Santos höchstwahrscheinlich auch in Wirklichkeit.

Wäre die 59-jährige Brasilianerin eine fiktive Figur, würde man über ihren Autor sagen: Also jetzt übertreibt er es. Selbst wenn seine Geschichte in Lateinamerika spielte, dem Kontinent der Magie, des Ungeahnten und des blutigen Wahnsinns.

37 Kinder auf einen Schlag

Aufgewachsen ist Flordelis, wie sie das brasilianische Publikum nennt, in einem Elendsviertel in Rio de Janeiro. Früh tritt sie einer evangelikalen Freikirche bei, wird Lehrerin und erlebt, wie im Jahre 1994 eines Morgens 37 verzweifelte Kinder und Jugendliche an ihre Haustür klopfen, Überlebende eines Massakers an Strassenkindern.

Zumindest wird sie das später erzählen. «Ich öffnete ihnen nicht nur meine Tür, sondern auch mein Herz.» Das heisst, sie adoptiert auf einen Schlag alle 37, unter ihnen 14 Babys. Mit ihren vier eigenen Sprösslingen und zusätzlichen Adoptivsöhnen und Adoptivtöchtern hat sie schliesslich 55 Kinder sowie einen Ehemann, den evangelikalen Prediger Anderson do Carmo.

Flordelis dos Santos im Oktober 2009 mit einigen ihrer Kinder vor dem gemeinsamen Haus in Niteroi bei Rio de Janeiro.
Flordelis dos Santos im Oktober 2009 mit einigen ihrer Kinder vor dem gemeinsamen Haus in Niteroi bei Rio de Janeiro.
Foto: Vanderlei Almeida / AFP

Über diese herzergreifende Episode erscheint 2009 ein Dokudrama. Die bekannten brasilianischen Schauspielerinnen und Schauspieler, die darin auftreten, verzichten zugunsten obdachloser Kinder auf ihre Gage. Der Film trägt den Titel: «Flordelis ein Wort genügt, um alles zu ändern». Nun wird die Supermutter so richtig berühmt.

Sie singt Gospel und gewinnt 2010 ihre erste Goldene Schallplatte heisst das immer noch so? für mehr als 40’000 verkaufte Tonträger. Sie gründet gemeinsam mit ihrem Ehemann eine eigene evangelikale Freikirche, die sich um Strassenkinder kümmert. Und sie zieht 2018 als eine der bestgewählten Abgeordneten des Bundesstaates Rio de Janeiro ins nationale Parlament ein, wo sie sich für strengere Abtreibungsgesetze starkmacht.

Evangelikale Gruppierungen üben in Brasilien eine gewaltige soziale und politische Macht aus. Sie beherrschen Parteien und Medien, sind sektiererisch und stockkonservativ, aber in den Favelas helfen sie den Armen oft besser als der Staat.

Es kommt der 16. Juni 2019. Flordelis Ehemann Anderson do Carmo (42) wird vor dem Haus der Grossfamilie durchsiebt, man kann es leider nicht anders sagen. Denn es treffen ihn 30 Kugeln. Die Tat von Strassenräubern, behauptet Flordelis. Doch schon bald stellt sich heraus, dass einer ihrer Adoptivsöhne geschossen und ein anderer die Waffe beschafft hat. Beide werden verhaftet.

«Ich werde für dich beten»: Das hat Ordelis jetzt selber nötig.
«Ich werde für dich beten»: Das hat Ordelis jetzt selber nötig.
Foto: PD

Und diese Woche hat sich laut den Ermittlern der Verdacht bestätigt, dass die gütige Flordelis den Mordauftrag erteilte. Zuvor hätten sie und einige aus der biblischen Schar ihrer Kinder mindestens fünfmal versucht, do Carmo zu vergiften. Oder ihn umzubringen und als Opfer eines Raubüberfalles erscheinen zu lassen.

Google-Suche: «Cyanid im Essen»

Eine Tochter hat einmal das Stichwort «Cyanid im Essen» gegoogelt. Nun behauptet sie, sie habe einer Freundin helfen wollen, ihren an einem Tumor leidenden Hund zu erlösen.

Fünf Kinder von Flordelis dos Santos hat die Polizei verhaftet, insgesamt sollen elf in das Verbrechen verstrickt sein. Nur die mutmassliche Drahtzieherin ist als Abgeordnete so lange unantastbar, bis die Parlamentarier der Aufhebung ihrer Immunität zustimmen.

Grund für das Verbrechen sollen finanzielle Streitereien sein. Ein Ermittler sagte: «Wir können beweisen, dass Flordelis’ ganzer Altruismus nur dazu diente, sich zu bereichern und politische Macht zu gewinnen.» Flordelis bestritt die Vorwürfe unter heftigen Tränen.

66 Kommentare
    Pierre

    Sehr wenig Menschen können mit Ruhm umgehen, es wird ihnen zum Verhängnis. Es gibt dafür gute Beispiele, in der Kirche aber auch im öffentlichen Leben. “Man sieht nur mit dem Herzen gut”.