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Q&A zur HockeykriseWie Covid-19 das Eishockey verändert

Wenn im Herbst die neue Saison beginnt, könnte die höchste Schweizer Liga revolutioniert sein. Lohnkürzungen, kein Absteiger, mehr Ausländer – ein Erfolgsprodukt ist zum Reset gezwungen.

Der Arbeitgeber braucht einen Rettungskredit, der Captain fühlt sich privilegiert: Fribourgs Julien Sprunger (Nummer 86) will in Sachen Lohnkürzung «einen Effort machen».
Der Arbeitgeber braucht einen Rettungskredit, der Captain fühlt sich privilegiert: Fribourgs Julien Sprunger (Nummer 86) will in Sachen Lohnkürzung «einen Effort machen».
Foto: Keystone

Beginnt die Saison wie geplant am 18. September?

«Ich gehe heute davon aus, dass wir am 18./19. September mit Zuschauern starten können», sagt Ligadirektor Denis Vaucher. Der Satz ist Ausdruck von Hoffnung und Ohnmacht zugleich. Denn die Entscheidung, wann wieder Anlässe vor Tausenden Zuschauern stattfinden können, fällt anderswo. Die Liga kann bloss in Szenarien denken. Eines davon ist die Verschiebung des Saisonstarts in den Oktober – doch das würde weitere Wochen ohne Matcheinnahmen bedeuten. Und jeder Monat ohne Einnahmen kostet pro Club über eine Million Franken. «Wir kämpfen ums Überleben, und ich hoffe, dass wir es schaffen», so Vaucher, «ein verspäteter Saisonstart könnte Existenzen gefährden.»

Wie wollen die Clubs die ertraglosen Sommermonate überstehen?

Über 25 Millionen Franken haben die Geisterspiele und der Saisonabbruch bisher gekostet. Sämtliche Clubs der National League haben schon Kurzarbeit angemeldet, einige wie Fribourg oder Lausanne bereits Hilfe aus dem 50-Millionen-Franken-Topf des Bundes beansprucht, die in Form von zinslosen Darlehen zur Verfügung steht. Es fehlen die flüssigen Mittel. Mit Spielen an diesem Osterwochenende, wo laut Spielplan der Playoff-Final in vollem Gange sein sollte, hat zwar nicht einmal Meister Bern budgetiert. Und doch verzeichnet auch der SCB einen empfindlichen Ertragsausfall, weil all seine Gastrobetriebe, mit denen er den Sport querfinanziert, seit Wochen brachliegen. Der Saisonkartenverkauf, der für gewöhnlich ab Mai Geld in die Kassen spült, ist ebenso eine Unbekannte wie das Verhalten von Sponsoren und Gönnern in Corona-Zeiten. In einer Liga, in der drei Viertel des Umsatzes auf die Lohnsumme entfallen, ist die Konsequenz nicht nur für den Geschäftsführer des EV Zug klar. «Die Clubs müssen mit den Spielern über die Löhne sprechen», sagt Patrick Lengwiler.

Sind die Spieler bereit zum Lohnverzicht – und unter welchen Bedingungen?

Wie fast all seine Kollegen hat Lengwiler diesbezüglich schon Gespräche geführt. Hinter den Kulissen steht auch die Liga in Kontakt mit der Spielergewerkschaft. 15 bis 20 Prozent Lohnverzicht sind das Ziel, das vielen Clubs vorschwebt – doch der Weg dorthin gestaltet sich schwierig. Die Gewerkschaft kann nämlich bestenfalls Empfehlungen abgeben, geprägt jedoch wird der hiesige Spielermarkt seit Jahren von einflussreichen Agenten, welche die Interessen ihrer eigenen Klienten gewohnheitsmässig über jene von Clubs und Liga stellen. Aus diesen Kreisen wird zwar Verständnis für die Lage der Clubs und Hilfsbereitschaft signalisiert. Doch konkrete Schritte, geschweige denn Zahlen sind keine zu vernehmen. Der Kernpunkt dabei: Weil es in der Corona-Rechnung so viele Unbekannte gibt, ist das Defizit der einzelnen Clubs noch längere Zeit kaum bezifferbar. Ein frühzeitiger Verzicht könnte also auch überproportional zulasten der Spieler gehen. Gleichzeitig wird nicht nur die Solidarität zwischen Club und Spieler auf die Probe gestellt, sondern auch jene zwischen den Spielern: Verzichten alle auf gleich viel, oder erfolgt ein Verzicht prozentual? Klar scheint: «Die Spieler müssen ihren Beitrag in der Krise leisten. Und das heisst nichts anderes, als auf einen Teil des Lohnes zu verzichten», so Vaucher. Am Osterwochenende meldete sich dazu der Captain von Fribourg zu Wort. «Wenn die Clubs uns bitten, unsere Löhne zu kürzen, muss man darauf positiv reagieren, das ist wichtig», sagte Julien Sprunger in die Kamera des Westschweizer Fernsehens. «Wir sind privilegiert. Ich kann nicht für alle sprechen, aber wir müssen einen Effort machen.» Für seine Worte verdient Sprunger das Lob des Ligadirektors, doch er ist ein Extremfall: Mit 34 steht der Freiburger im Herbst seiner Karriere, über ein Jahrzehnt lang gehörte er zu den bestverdienenden Spielern des Landes und profitierte von einem System, das nun am Scheideweg steht.

In welcher Position sind die Clubs, falls die Spieler Nein sagen zum Lohnverzicht?

Christian Constantin hat es im Fussball vorgemacht: Der Präsident des FC Sion kündigte fristlos jenen Spielern, die sich seinem Angebot eines neuen Maximallohns von 12’350 Franken monatlich widersetzten. Das mag missbräuchlich gewesen sein, stürzte die betroffenen Spieler aber dennoch sportlich ins Ungewisse und in einen langwierigen Rechtsstreit. Selbst wenn im Schweizer Eishockey weit und breit kein Constantin auszumachen ist: Eine Situation wie Covid-19 bringt auch juristisches Neuland; schon die Drohung einer Kündigung dürfte Wirkung zeigen. Zumal die ansonsten konkurrierenden Arbeitgeber diesmal alle im selben Boot sitzen. «Noch nie war die Solidarität unter den Clubs so gross», konstatiert ZSC-Geschäftsführer Peter Zahner. Gerüchtehalber haben sich die Clubs ein Moratorium auferlegt: Ein Spieler, dessen Vertrag aufgelöst wird, soll nicht zum bisherigen Lohn bei einem Konkurrenten anheuern können.

Wie wollen die Clubs die Situation grundsätzlich verbessern?

Seit Jahren erklären die Clubs die explodierenden Salärkosten damit, dass pro Spiel nur vier Spieler ohne Schweizer Lizenz auf dem Matchblatt stehen dürfen – und damit der Preis für einheimische Ergänzungsspieler steigt. Kein Wunder, erlebt der Wunsch, mit mehr Ausländern den Preisdruck aufs Schweizer Personal zu erhöhen, eine Renaissance. Rechtlich bindend war das Gentlemen’s Agreement sowieso nie, das die Anzahl ausländischer Lizenzen regelte. Doch nun könnte es völlig neu gestaltet werden. Die erste Aufweichung ist schon beschlossen: Ab Sommer 2021 braucht es für einen Wechsel aus der Schweiz in die NHL keine Ausstiegsklausel mehr: Dann dürfen jene Clubs, die kurzfristig einen Spieler nach Nordamerika ziehen lassen müssen, als Ersatz einen zusätzlichen Ausländer verpflichten. Es gibt dann also unterschiedlich viele erlaubte Nichtschweizer im Team. Womöglich ist das erst der Anfang. Denn während der SC Bern im November 2018 noch abblitzte mit seinem Antrag, die Anzahl Ausländer zu erhöhen, dürfte die Idee inzwischen mehrheitsfähig sein. «Wir müssen über alles reden», sagt Zugs Lengwiler. «Wir müssen auch einmal Nein sagen können zu einem Spieler, es geht um Alternativen», sagt Zahner vom ZSC. «Es gibt keine Tabus mehr – eine Krise ist dazu da, wirklich alles kritisch zu hinterfragen», sagt Ligadirektor Vaucher. Und auch wenn es keiner sagt: Im Kampf um Lohnkürzungen ist die Androhung von weniger garantierten Arbeitsplätzen für Schweizer immerhin ein starkes Argument.

Mit was für weiteren Massnahmen will die Liga ihre Zukunft sichern?

Das Mantra ist klar. «Es geht jetzt genau um drei Dinge», sagt Ligadirektor Vaucher, «Risiken minimieren, Kosten senken, Chancen erkennen.» Betonung auf den beiden ersten Punkten. Und weil der Kampf gegen den Abstieg Jahr für Jahr als schlimmer Kostentreiber gilt, soll es in der kommenden Saison keinen Absteiger mehr geben. Die Clubs sollen sich ganz aufs wirtschaftliche Überleben konzentrieren können, schon bei ihrer nächsten Retraite Ende April dürften sie das beschliessen. Als Nebenwirkung könnte die National League 2021/22 dann 13 Teams umfassen: Falls nämlich der Swiss-League-Meister willens ist und die entsprechenden Auflagen erfüllt. Wie es danach weitergeht, ist völlig offen. Es gibt Clubvertreter, die schliessen eine mehrjährige 13er-Liga aus, andere wollen den Abstieg gleich ganz abschaffen. «Ich bin nicht der Meinung, dass unser System noch zeitgemäss ist», findet etwa Patrick Lengwiler und fragt: «Wie gross ist das Interesse am Kampf gegen den Abstieg noch?» Es herrscht also jede Menge Diskussionsbedarf in den kommenden Monaten. Sicher ist nur: Der Zeithorizont für den grossen Reset soll nicht nur ein Jahr sein, sondern mindestens vier. «Unsere Planung umfasst einen längerfristigen Zeithorizont. Kurzfristige Entscheide nur für eine Saison wären jetzt nicht angebracht», verspricht Vaucher. Und Lengwiler fragt: «Mit welchen Massnahmen kann man das Schweizer Eishockey längerfristig gut aufstellen? Alles kann und soll diskutiert werden.»

Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

1 Kommentar
    A. Mathys

    Es schadet nichts, wenn das mittlerweilen sehr aufgeblasene und überbezahlte Konstrukt Eishockey etwas schrumpft und wieder überlegt wird ob Geld fliessen soll/ kann oder wieder vermehrt auf preiswertere und nachhaltigere methoden gesetztwerden muss - freiwillig klappte es ja wie bis anhin gesehen nicht! In diesem Sinne packen wir doch diese Chance und bewegen was in eine andere Richtung!